Plötzlich 55 Jahre älter: Volontärin Corinna Konzett testet den Alterssimulationsanzug des Seniorenzentrums Carl-Joseph.
Plötzlich 55 Jahre älter: Volontärin Corinna Konzett testet den Alterssimulationsanzug des Seniorenzentrums Carl-Joseph. (Foto: Simon Nill)

Eine ältere Dame kramt an der Supermarktkasse in ihrer Geldbörse. „Passt das so? Warten Sie, ich habe es vielleicht auch klein“, ruft sie. Die Schlange hinter ihr wird immer länger, die Menschen um sie herum immer genervter. Auch ich habe mich schon dabei ertappt, mich dann über die Älteren zu ärgern. So schwer kann es doch nicht sein, Münzen in der eigenen Geldbörse zu finden, auch wenn man altersbedingt etwas weniger sieht. Oder?

Eigentlich bin ich eine gesunde 25-Jährige. Doch mithilfe des Alterssimulationsanzugs „GERT“ schlüpfe ich heute im Seniorenzentrum Carl-Joseph in Leutkirch in die Haut einer etwa 80-Jährigen. Vor einem Jahr hat sich die Einrichtung den Gerontologischen Testanzug „GERT“ angeschafft. Mit diesem Simulator sollen vor allem junge Menschen dafür sensibilisiert werden, wie es sich anfühlt, alt zu sein.

80 Jahre alt in fünf Minuten

Bis ich 80 bin, dauert es noch 55 Jahre. Oder fünf Minuten, in denen mir der Alterssimulator angelegt wird. Am Oberkörper sowie an Armen und Beinen trage ich jetzt Gewichte, die insgesamt 18 Kilogramm schwer sind. Manschetten an den Knien und am Ellenbogen, Handschuhe und eine Halskrause sollen meine Beweglichkeit einschränken. Ein Gehörschutz macht mich schwerhörig und eine Brille gibt mir das Gefühl, an grauem Star zu leiden.

Mein Sichtfeld ist extrem eingeschränkt, Licht fällt nur durch zwei kleine Löcher in der Brille auf meine Augen. Um etwas sehen zu können, muss ich meinen Kopf komplett in die entsprechende Richtung drehen. Zu guter Letzt gibt mir Simone Simon einen Lutscher. Den soll ich während des gesamten Experimentes im Mund behalten. „Das macht die Zunge etwas schwerer“, sagt sie. Und tatsächlich kann ich zu Beginn noch nicht einmal meinen Namen fehlerfrei aussprechen. Doch an das Hindernis im Mund gewöhne ich mich schnell. Andere Dinge fallen mir schwerer. Beim Gehen schwanke ich extrem, jeder Schritt fällt mir schwer. Schon nach wenigen Metern schwitze ich.

Dann hat Simone Simon, Leiterin des Seniorenzentrums, die erste Aufgabe für mich: „Stellen Sie sich vor, Sie wollen im Supermarkt zahlen und verlieren dabei Geld“, sagt sie und lässt ein Geldstück fallen. „Können Sie das bitte kurz aufheben, Frau Konzett?“ fragt sie. „Natürlich“, gebe ich zurück und lasse meinen Blick über den Boden schweifen. Doch ich kann die Münze einfach nicht finden. Nach einer Minute, die sich wie eine Ewigkeit anfühlt, gebe ich auf. „Ach wird schon nicht so viel Geld gewesen sein. Das lass ich liegen“, sage ich und beende die für mich unangenehme Situation damit.

Etwas später wird mir ein Telefon gereicht: „Ein Anruf für Sie“. Ich halte mir das Gerät an das Ohr, höre aber nur ein Murmeln. „Wie bitte? Können Sie bitte lauter sprechen? Ich höre Sie nicht. Wer ist da überhaupt?“, schreie ich in den Hörer. Wieder leises Murmeln. „Was?“, frage ich noch einmal. Als ich wieder nichts verstehe, reicht es mir. „Bitte schreiben Sie mir eine Nachricht aufs Handy, ich verstehe Sie einfach nicht“, rufe ich ins Telefon und lege enttäuscht auf. „Sowohl bei der Aufgabe mit der Münze als auch beim Telefonieren haben Sie sich ganz typisch verhalten“, erklärt mir Simon später. „Viele ältere Menschen erfinden Ausreden, um nicht zugeben zu müssen, dass sie etwas nicht können oder nicht verstanden haben.“

Hilfe annehmen können

Brigitte Jäger, Pflegefachkraft im Leutkircher Seniorenzentrum, nimmt mich mit auf einen Spaziergang durch das Haus. Sie hat eine angenehme, ruhige Art. Sie spricht klar und deutlich ganz nah an meinem Ohr. Bei ihr verstehe ich jedes Wort. Das gibt mir ein gutes Gefühl. Jäger hat mir einen Rollator mitgebracht. Durch dieses Hilfsmittel fühlen sich meine Schritte nicht ganz so wackelig an. „Sie sind aber flott unterwegs“, sagt Jäger und lacht, als ich den Rollator in Richtung Foyer schiebe. Nach einigen hundert Metern merke ich allerdings, dass ich mich wohl überschätzt habe. Mein Herz pocht ungewöhnlich schnell und ich schwitze, automatisch gehe ich etwas langsamer weiter und klammere mich dabei fest an meinen Rollator. Dass ich mich sofort an dieses Hilfsmittel gewöhnt habe, sei nicht selbstverständlich, erklärt mir meine Pflegerin. „Einige Senioren denken, es muss noch ohne irgendwie gehen. Es ist ihnen peinlich, mit einem Rollator gesehen zu werden“, sagt sie. Wer Hilfe annehme, dem falle aber einiges leichter. Und das gilt nicht nur für den Rollator. „Man muss sich das Leben auch im Alter nicht selbst schwer machen“, sagt Jäger und grinst.

Es wird immer anstrengender für mich zu laufen. Deshalb darf ich mich an einen Tisch zu anderen Senioren setzen. Sie spielen ein Ballspiel und ich soll mitmachen. Eine Betreuerin erklärt mir, wie das Spiel funktioniert. Doch sie sitzt zu weit weg und ich verstehe nur die Hälfte: „Ball zurollen…Person…Buchstabe.“ Ich schäme mich, noch einmal nach den Spielregeln zu fragen und möchte Brigitte Jäger um Hilfe bitten. Doch sie steht nicht mehr neben mir. Meine beinahe blinden Augen suchen den Raum nach ihr ab, finden sie aber nicht. Soll ich nach ihr rufen? Plötzlich merke ich, wie viel Sicherheit sie mir vorhin gegeben hat. Jetzt muss ich alleine klarkommen. Der Ball landet in meinen Händen. „Was muss ich machen?“ frage ich schließlich doch. „Einen Namen mit P sagen“, ruft mir jemand zu, ich weiß nicht genau, woher die Stimme kommt. „Paul“ sage ich und rolle den Ball, so schnell wie es mit meinen steifen Fingern geht, weiter.

„Du musst zum Ohrenarzt“

Neben mir sitzt Georg Löchle. Er ist 97 Jahre alt und wohnt gemeinsam mit seiner 90-jährigen Partnerin in Urlau. Gelegentlich ist er in der Tagespflege Carl-Joseph zu Gast. Der 97-Jährige versucht, mich anzusprechen, doch ich höre wieder nur Murmeln. Bei seinem dritten Versuch verstehe ich ihn endlich: „Hörst du schlecht?“, will er wissen. „Ja, leider“, antworte ich dankbar, dass er sich so viel Mühe gibt. „Dann musst du zum Ohrenarzt“, schlägt Löchle vor. Langsam kommen wir ins Gespräch. Unsere Köpfe sind ganz nah beieinander, damit wir nicht zu sehr schreien müssen. Dann rollt der Ball erneut zu mir und ich weiß wieder nicht, was ich sagen soll. Dieses Mal, weil ich so ins Gespräch vertieft war. „Name mit Q“, hilft mir Georg Löchle, der wohl besser aufgepasst hat. „Quirin“, rufe ich und lächle meinen Sitznachbarn an. Brigitte Jäger holt mich ab und bringt mich in „mein“ Zimmer. Nach einer Stunde ist das Experiment vorbei. Ich schlüpfe aus der schweren Weste und ziehe die Gewichte aus. Damit streife ich nicht nur das Gewicht von mir ab, sondern auch die Unsicherheit, die ich in der vergangenen Stunde gespürt habe. Plötzlich bin ich wieder 25, kann sehen, hören und ohne Probleme sprechen und laufen.

Ich setze mich noch einmal an den Tisch zu den Senioren. Dieses Mal fühle ich mich nicht unsicher. Ich lasse meinen Blick durch die Runde schweifen und empfinde riesigen Respekt. Respekt für die älteren Menschen, die ihre Einschränkungen nicht einfach so ablegen können, wie ich es gerade getan habe. Denn jetzt weiß ich, dass es einen selbst am meisten ärgert, wenn man zu wenig hört, um an einem Gespräch teilzunehmen, oder Geldmünzen nicht schnell genug findet. Wenn ich also das nächste Mal an der Supermarktkasse warten muss, weil es bei einer älteren Person etwas länger dauert, werde ich mich nicht darüber aufregen, sondern versuchen mit der Geduld, wie sie Brigitte Jäger mir gegenüber gezeigt hat, zu helfen.

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