Pestizide auf den Feldern: Wasserversorger droht mit Klage gegen Land

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An 112 Messtellen im Südwesten wurden jüngst auffällig hohe Pestizidrückstände im Wasser gemessen.
An 112 Messtellen im Südwesten wurden jüngst auffällig hohe Pestizidrückstände im Wasser gemessen. (Foto: dpa)
Landes-Korrespondentin

Wie viel Pflanzenschutzmittel landet auf den Feldern im Südwesten? Das will die Landeswasserversorgung wissen und fordert die Daten vom Land. Andernfalls drohe ein Rechtsstreit. „Wir klagen, wenn es sein muss, unser Recht ein“, sagt Bernhard Röhrle, Sprecher der Landeswasserversorgung, der „Schwäbischen Zeitung“. Um Stoffe aus dem Wasser zu filtern, könnte sich sonst der Trinkwasserpreis verdoppeln. Rückendeckung bekommt Röhrle vom Naturschutzbund (Nabu), der seit Monaten mit Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) um mehr Transparenz beim Pestizideinsatz streitet. Hauk entgegnet: „Wir haben kein Trinkwasserproblem.“

Ende März hat der Nabu den ersten Pestizidbericht für Baden-Württemberg vorgelegt – sehr zum Ärger von Agrarminister Hauk. Die Daten sagten nichts aus, so Hauk, denn der Nabu stützte sich auf bundesweite Daten und rechnete sie für den Südwesten runter. Hauk warf dem Verband „Bauernmobbing“ vor und sagte, den Bürger gehe es nichts an, was der Landwirt an Pestiziden ausbringt. Diese Aussage nahm er wieder zurück. Dennoch: „Die Ausbringungsdaten sind völlig unerheblich“, so Hauk. Relevant sei nur, welche Stoffe in den Produkten zu finden sind – im Obst, Gemüse oder Wasser.

Hier hat die Landeswasserversorgung jüngst Pestizidrückstände entdeckt, die deutlich über den Grenzwerten lagen.

Der Zweckverband versorgt drei Millionen Menschen in mehr als 100 Städten und Gemeinden – darunter Aalen, Ellwangen und Teile des Alb-Donau-Kreises. Laut Röhrle hat der Versorger vor vier Jahren damit begonnen, Flüsse wie die Donau, Bäche und Wassergräben auf Spritzmittel zu untersuchen.

Beim Messprogramm im Mai und Juni seien 112 der mehr als 4000 Messwerte auffällig gewesen, erklärt Röhrle. In 14 Fällen sei der Grenzwert überschritten gewesen – einer für Glyphosat sei sieben Mal so hoch gewesen wie erlaubt.

Wasserpreis könnte steigen

Das ist zunächst kein Problem fürs Trinkwasser. Belastetes Wasser wird gereinigt und bei Bedarf mit Grundwasser gemischt, bevor es aus dem Wasserhahn kommt. Beim Grundwasser gibt es bislang keine Pestizid-Funde. „Das kann über kurz oder lang aber auch im Grundwasser landen“, sagt Röhrle. Er rechnet vor, dass sich der Trinkwasserpreis verdoppeln könnte: wenn die Wasserversorger Aktivkohlefilteranlage bauen müssten, um Pestizide aus dem Wasser zu filtern. Und wenn der Versorger zudem eine Membranfiltrationsanlage braucht gegen überschüssiges Nitrat. Dies gelangt mancherorts vor allem durch zu viel Gülle im Wasser.

Um das Wasser besser schützen zu können, verlangt Röhrle Daten dazu, wie viele Pestizide die Bauern in den Wasserschutzgebieten ausbringen. Die Bauern haben die Informationen, müssen sie aber nur bei Kontrollen dem Landratsamt vorlegen. Alle Anstrengungen, diese zu bekommen, seien bislang erfolglos gewesen, so Röhrle. Der Versorger habe keinen Anspruch auf Einsicht der Daten, habe das Land erklärt. Das sehen die Anwälte des Versorgers und des Nabu mit Verweis auf eine EU-Verordnung anders. Wenn nun die Regierungspräsidien Stuttgart und Tübingen dem Wunsch nach Dateneinsicht nicht nachkommen, sei eine Klage wohl der nächste Schritt, sagt Röhrle. Er wünscht sich, dass sich das Umweltministerium stärker um den Wasserschutz bemüht.

Wasserqualität stetig gestiegen

Agrarminister Hauk sieht keinen Grund für Alarmismus. Er betont, dass sich die Wasserwerte in den vergangenen 40 Jahren stetig verbessert haben. Das Ministerium will vielmehr das Förderprogramm für Agrarumwelt, Klimaschutz und Tierwohl (Fakt) ausbauen. Über diese erhalten Bauern Geld, wenn sie etwa auf Pestizide verzichten, erklärt eine Ministeriumssprecherin. Zudem verweist sie auf die Pestizidreduktionsstrategie des Landes (siehe Kasten), die Hauk gemeinsam mit den grün-schwarzen Regierungsfraktionen erarbeite. „.Die Ideen und Maßnahmen sind durchaus vorbildhaft auch für andere Länder“, so die Sprecherin.

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