Oettinger sorgt bei Festrede für Kretschmann für Lacher

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Joschka Fischer (links) gratuliert Winfried Kretschmann.
Joschka Fischer (links) gratuliert Winfried Kretschmann. (Foto: Marijan Murat)
Landes-Korrespondentin

Viel Anerkennung und ein paar augenzwinkernde Seitenhiebe: Beim Empfang zum 70. Geburtstag von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat vor allem sein Vorgänger im Amt, EU-Kommissar Günther Oettinger (CDU), unter den Gäste am Donnerstagmorgen im Marmorsaal des Neuen Schlosses in Stuttgart für Lacher gesorgt. So wünschte er dem Landesvater neben Glück und Gesundheit auch „eingeschränkten Erfolg“. Oettingers CDU regiert derzeit nur als Juniorpartner mit Kretschmanns Grünen.

Sie kennen sich seit den 1980er-Jahren, erinnerte Oettinger. Kretschmann hat die Grünen 1979 im Land mitgegründet und zog ein Jahr später in den Landtag ein, dem er mit einer Unterbrechung von vier Jahren seitdem angehört. Oettinger ehrte Kretschmann denn auch dafür, langjährigster Abgeordneter zu sein. Und er erinnerte an gemeinsame Zeit im Landesparlament, unter anderem war Kretschmann Grünen-Fraktionschef, als Oettinger die Geschicke des Landes lenkte: „Du in der Opposition, das bot sich damals an.“

Der EU-Kommissar würdigte Kretschmann unter anderem für seinen Einsatz für Europa und für dessen soliden Umgang mit Steuergeldern mit Blick auf einen ausgeglichenen Haushalt. „Man schaut mit Respekt von außerhalb auf Baden-Württemberg“, erklärte Oettinger. Die meisten Lacher erntete er, als er dem Realo Kretschmann attestierte: „Manchmal denke ich, Du bist konservativer als ich jemals werden will.“

Der ehemalige Bundesaußenminister Joschka Fischer bescheinigte seinem Parteifreund Kretschmann eine „fast radikale demokratische Orientierung“. Der drei Wochen ältere Fischer erinnerte an das gemeinsame Geburtsjahr 1948. „Da lag das Land in Trümmern.“ Seitdem habe Deutschland eine unbeschreibliche Erfolgsgeschichte erlebt und international Vertrauen aufgebaut. „Dass das heute wieder welche infrage stellen, ist unglaublich“, sagte Fischer.

Er erinnerte an die bewegten Zeiten, die die beiden Grünen-Politiker mit ihrer Partei erlebt haben. „Als wir uns kennenlernten, war unsere Partei nicht das, was sie heute ist. Es ging hoch her“, so Fischer. „Das ging mitunter bis an die Grenzen des Erträglichen, das weiß niemand besser als Du.“ Kretschmann haderte immer wieder mit seiner Partei, der er schon in früheren Zeiten mitunter zu realpolitisch, zu wenig links war. Im Gegenzug habe er aber auch seine Partei gequält, bescheinigte Fischer dem Jubilar. Der Erfolg bestätige ihn. „Ich hätte nie gedacht, dass an Deinem 70. Du hier als Ministerpräsident im Neuen Schloss stehst. Und dass Du einen Juniorpartner hast!“ Und dann auch noch die CDU. „Es ist eigentlich unfassbar, was Du hingekriegt hast.“ Kretschmanns Rezept dafür: Er stehe fest verankert in der Provinz, schaue aber intellektuell darüber hinaus. Er hoffe, dass sein Freund noch lange durchhalte, denn: „Baden-Württemberg braucht Dich.“

Kretschmanns Vize, Innenminister Thomas Strobl (CDU), überreichte ihm im Namen der CDU eine Mispel für den Garten im heimischen Laiz bei Sigmaringen. Ein Grund: Ihre Blütezeit kündige den nahenden Geburtstag an. Für Kretschmann weckte das eine Kindheitserinnerung, wie er später sagte. Als kleiner Junge, als ihm sein Geburtstag noch sehr wichtig gewesen sei, habe er seinen Vater gefragt, wann es denn endlich soweit sei. Wenn die Bäume im Wald grün sind, habe sein Vater geantwortet. „Jetzt war der Wald hinter unserem Haus ein Fichtenwald“, so Kretschmann. Er habe seinen Vater aber nie nach dieser Unstimmigkeit gefragt.

Die Mispel passe auch gut zu Kretschmann, weil ihr Holz krumm und besonders sei. „Winfried Kretschmann ist auch aus einem besonderen Holz geschnitzt“, sagte Strobl. Im Namen der Grünen schenkte ihm seine Vertraute, die Finanzministerin Edith Sitzmann, eine Wanderung in Meran mit der Bergsteiger-Legende Reinhold Messner. Schließlich gebe es ein paar Konstanten in Winfried Kretschmanns Leben, die gleich blieben: Kretschmann habe immernoch Schuhgröße 48 und trage am liebsten bequeme Schuhe, er habe immernoch seinen Bürstenhaarschnitt, esse zum Frühstück immernoch am liebsten ein Butterbrot mit Gsälz, und er wandere noch immer leidenschaftlich gerne – mitunter in einem Tempo, mit dem man kaum mithalten könne. „Du bist Dir treu geblieben“, sagte Sitzmann.

„Bei so viel Lob“, bedankte sich Kretschmann, „kann man froh sein, dass man katholisch ist und in Demüt geübt ist.“ So ein Wirbel um seine Person sei ihm fast peinlich. Sein größter Dank gelte aber seiner Familie und vor allem seiner Frau Gerlinde, die ihn stets unterstützt und Entbehrungen in Kauf genommen habe. Und er dankte „für Deinen Humor, der immer auf mich abstrahlt. Ohne die Unterstützung von der Familie kann man sowas nicht machen.“ Den Gratulanten aus dem Landtag, der Kirche, der Verwaltung, der Wirtschaft, Kultur, Sport, Medien und Gesellschaft dankte er vor allem dafür, „dass Sie meine Fehler heute si großzügig übergehen“.

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