Oettinger kehrt in Öl und mit Einschussloch in die Reitzenstein zurück

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Der echte Günther Oettinger neben dem Gemälde von Anke Doberauer.
(Foto: dpa)

Mit „Ehrfurcht und Interesse“ hat sich der junge CDU-Politiker Günther Oettinger 1981 bei seinem ersten Besuch in der Stuttgarter Villa Reitzenstein die Porträts der Regierungschefs Württembergs und Baden-Württembergs angeschaut. 35 Jahre später hängt der heute 62-jährige Oettinger als Ex-Ministerpräsident (April 2005 bis Februar 2010) in der Galerie des Staatsministeriums. Am Freitag wurde das Bild der Münchner Kunstprofessorin Anke Doberauer in der Regierungszentrale feierlich enthüllt.

Der einstige Hausherr blickt nun im Format 146 mal 116,5 Zentimeter den Besuchern in der Eingangshalle entgegen: anthrazitfarbener Anzug, blaue Krawatte, strenger Blick – Original und Abbild kommen sich an diesem Tag sehr nahe.

Tatort Baden-Württemberg

Ungewöhnlich: Eine Handbreit links neben dem Kopf des Öl-Oettinger prangt ein gemaltes Einschussloch auf dem Bild: Es sieht aus, als ob die nicht vorhandene Glasabdeckung mit Rissen durchzogen sei.

Zwar soll das jeder Betrachter selbst interpretieren. Doch für die Künstlerin ist das Loch Zeichen einer Gegenwart, in der Anschläge die Schlagzeilen dominieren. „Ein Kunstwerk muss für mich auch immer etwas über die Zeit aussagen, in der es entstanden ist“, sagt Doberauer. Es ist der Freitag, an dem eine Handgranate in Villingen-Schwenningen das politische Stuttgart dominiert. „Ich finde es treffend“, sagt Oettinger über das Bild und ergänzt: „Tatort Baden-Württemberg“.

Für ihn ist das Loch auch ein Hinweis darauf, dass in der Politik im übertragenen Sinn zuweilen scharf geschossen wird – auch in seiner Stuttgarter Zeit: Sein Fazit in Oettinger-Stakkato: „Knapp daneben, gesund geblieben, aber angreifbar“.

Doch wie kriegt man den in aller Welt von Termin zu Termin jettenden EU-Kommissar dazu, stundenlang regungslos als Modell vor einer Staffelei in München zu stehen? Die Antwort ist einfach: Gar nicht. Lediglich eine gefühlt anderthalbminütige Sitzung hatte Doberauer zur Vermessung zur Verfügung, immer wieder mussten Termine verschoben und abgesagt werden. Der Entstehungsprozess des samt Rahmen und Lieferung 20000 Euro teuren Werkes reiche von 2012 bis Ende 2015, sagt die Professorin.

Oettinger in veredelter Form

Oettingers grüner Nachnachfolger Winfried Kretschmann freut sich darüber, den einstigen politischen Weggefährten nun „in künstlerisch veredelter Form“ im Haus zu haben. Immerhin sei Oettinger trotz mancher Differenzen ein „umtriebiger, aktiver und erfolgreicher“ Ministerpräsident gewesen.

Und einer, dem die Menschen vertrauten, fügt Kretschmann genüsslich hinzu: Damals seien Zustimmungswerte von „40 Prozent plus X für die CDU“ noch realistisch gewesen. Es ist ein Seitenhieb auf die Partei, die unter ihrem jetzigen Spitzenkandidaten Guido Wolf gerade bei Mitte 30 liegt. Kretschmann und Oettinger halten auch jenseits von Bildenthüllungen Kontakt. Der EU-Kommissar und der Ministerpräsident haben erst Anfang der Woche nach Dienstgesprächen in Brüssel gemeinsam ein Feierabend-Viertele geschlotzt. Bereits 2006 hatten beide über eine schwarz-grüne Koalition in Baden-Württemberg verhandelt, Kretschmann damals noch als Grünen-Fraktionschef.

Aus dem Flirt wurde nach Kretschmanns Lesart nichts, weil der damalige CDU-Fraktionschef und spätere Oettinger-Nachfolger Stefan Mappus dagegen opponierte und stattdessen auf die FDP setzte. „Der, der das verhindert hat, wird einst zwischen uns hängen“, sagt Kretschmann zu Oettinger, denn die Bilder sind chronologisch geordnet. In einer Reihe hängen nun Kiesinger, Filbinger, Späth, Teufel und Oettinger, daneben ist noch Platz.

Doch eilig hat es Kretschmann damit nicht. Erst ab 2021 will er sein Konterfei gemalt in der Reitzenstein sehen. Bis dahin möchte er dort in natura weiterregieren.

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