Zur Zahnbehandlung nach Budapest: Zoltan Ovari, Chefarzt bei CosmoDent, hat viele Patienten aus dem EU-Ausland.
Zur Zahnbehandlung nach Budapest: Zoltan Ovari, Chefarzt bei CosmoDent, hat viele Patienten aus dem EU-Ausland. (Foto: oh)
Schwäbische Zeitung

Die Deutschen fahren oder fliegen gerne in Urlaub. Auch 2014 konnten sie sich wieder das Etikett Reiseweltmeister anheften. Doch nicht immer geht es um Sightseeing, Wandern oder um den Spaß am Strand.

Auch in Sachen Gesundheit machen sich viele auf den Weg. Medizintourismus nennt man das. In dieser Sparte scheint der Zahntourismus zunehmend beliebter zu werden. Seit zehn Jahren bezahlen die deutschen Krankenkassen den Festzuschuss für Zahnbehandlungen in anderen EU-Ländern. Das hat Folgen. Beim Besuch in Budapest konnte sich eine von der Dentalindustrie eingeladene Journalistengruppe über diese Tourismussparte informieren.

Entspannte Stimmung

Proper sieht alles aus, und die Reihe von Behandlungsräumen lässt auf ein florierendes Geschäft in der Budapester Zahnklinik CosmoDent schließen. Im Wartezimmer sitzen Patienten von anderswoher. „Ich bin sehr zufrieden mit der Arbeit der Zahnärzte“, sagt ein älterer Herr aus Dänemark. Sein Nachbar kommt aus Großbritannien und pflichtet ihm bei. Die Stimmung ist entspannt, erst recht, als das Thema Geld angesprochen wird: Die Kosten für die Behandlung sind eben wesentlich niedriger als in den Heimatländern der Patienten. Das war auch letztlich der Grund für Rudolf Gerlinger aus Göppingen. Er brauchte eine Generalsanierung mit fünf Implantaten, 14 Kronen und Knochenaufbau – „a ganz neie Gosch halt“, erklärt er im ungekünstelten Schwäbisch. Sein Zahnarzt unterbreitete ihm einen Kostenvoranschlag von 21 000 Euro. Das hat ihn erst einmal platt gemacht. Er zögerte. Und weil er gerne verreist, besuchte er die CMT-Messe in Stuttgart. Dort entdeckte er einen Stand von „Zahnklinik-Ungarn“ mit verlockenden Angeboten. Er ließ sich von den ungarischen Zahnärzten einen Heil- und Kostenplan erstellen, und der führte nur rund 8400 Euro auf. Abzüglich Kassenzuschuss und Steuerrückerstattung kam das neue Gebiss den Patienten über den Daumen gepeilt auf 4500 Euro.

Bei diesem Preis sind die Kosten für Flug, Unterkunft und Verpflegung vor Ort leicht zu verschmerzen. Ob er nun im Hotel oder in einer Ferienwohnung Quartier bezieht – für Gerlinger rechnet sich das Leben als Zahntourist. 2009 hat sich auch seine Frau zur Behandlung nach Ungarn begeben. So fliegt man nun einmal pro Jahr zu den Magyaren zur Zahnkontrolle und genießt gleichzeitig die angenehme Seite von Budapest, die sich auch Hauptstadt der Thermalquellen nennt. Einen Besuch von Szechenyi-, Gellért- oder Rudas-Bad sollte man als Gesundheitstourist ja auch nicht verpassen.

Günstig und qualitätsvoll

Allerdings räumt Gerlinger bereitwillig ein, dass er nur für sich sprechen könne. Wie es anderen Patienten gehe, darüber wolle er sich kein Urteil erlauben. Eszter Jopp, rührige Geschäftsführerin von FirstMed Services GmbH, die das Label „zahnklinik ungarn“ betreut, hat dagegen jede Menge Daten, um Wissenslücken zu schließen. So verteilte die deutsche Staatsbürgerin mit ungarischen Wurzeln bereitwillig Informationsmaterial, wonach der Medizinische Dienst der gesetzlichen Krankenkassen (MDK) die Fehlerquoten bei „zahnklink-ungarn“ im Jahr 2010 mit knapp sechs Prozent angab, aktuell aber bei 2,8 Prozent sieht. Damit will die Medizintourismus-Expertin unterstreichen, dass die Zahnbehandlung in Ungarn nicht nur günstig, sondern auch qualitätsvoll ist. Es gibt Garantieleistungen bis zu fünf Jahren, Einsatz von Markenimplantaten aus Deutschland, unabhängige Temos-Zertifizierungen und auch die sprachliche Kompetenz der Mediziner ist wichtig. Wer deutschsprachige Patienten in diesem Verbund behandelt, spricht auch Deutsch, denn das ist die Grundvoraussetzung, wenn zwischen Patient und Arzt Vertrauen aufgebaut werden soll.

Patientenzahlen steigen

Jopp weiß auch genau, wie man Kunden wirbt. So vertritt ihr Büro in Deutschland unter „zahnklinik-ungarn“ die Zahnkliniken CosmoDent/Budapest und Gelencsér/Heviz und kümmert sich um den kompletten Ablauf: von der ersten Anfrage, über die Erstellung eines Heil- und Kostenplanes bis zur Organisation der Reise. Dieses Modell scheint Früchte zu tragen: Die Patientenzahlen steigen. Von rund 300 im Jahr 2008 auf über 1000 im vergangenen Jahr. 2015 waren bis August bereits rund 800Patienten in Behandlung. Mehrheitlich kommen sie aus den Städten mit den Postleitzahlen 7 (23 Prozent) und 8 (22 Prozent).

In einer Studie mit insgesamt 1038Patienten wurde das Durchschnittsalter der Patienten mit rund 56 Jahren festgestellt. Nur 21 Prozent der Befragten waren bereits im Ruhestand. Knapp die Hälfte der Befragten kam aus der Schweiz. Denn für die Eidgenossen ist Zahntourismus seit 20 Jahren ein Thema. Davon profitieren übrigens auch deutsche Zahnärzte, denn wegen des starken Franken ist für sie auch eine Behandlung in Deutschland ein gutes Geschäft.

Wie stellt man sich nun hierzulande dazu? Bernhard Jäger, Vizepräsident der Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg, sieht die Entwicklung einerseits kritisch, andererseits aber auch gelassen. Er schätzt, dass gerade einmal ein bis eineinhalb Prozent der Patienten eine Reise ins Ausland wagen. Dabei urteilt er gar nicht über die Qualität der Arbeit, sondern führt eben genau das ins Feld, was wohl viele Patienten auch fürchten: Was passiert, wenn nach dem Eingriff im Ausland in der Heimat Komplikationen auftreten? „Natürlich wird bei uns jeder Schmerzfall behandelt“, sagt Jäger.

Gewährleistung wahrnehmen

Aber er würde anschließend dem Patienten doch anraten, zum verantwortlichen Zahnarzt in Ungarn zurückzukehren. Denn dieser habe ja auch die Gewährleistung für seine Arbeit zu übernehmen. Zwar haben die ungarischen Kollegen auch in Deutschland Partnerzahnärzte, die im Notfall angerufen werden können. Allerdings erfährt der Kunde die Adresse nur über die Serviceagentur – um die Kollegen vor unnötigen Anrufen zu schützen, heißt es.

Laut Jäger ist es auch entscheidend, dass zwischen Zahnarzt und Patient ein langjähriges Vertrauensverhältnis besteht. Vor allem, wenn ein größerer Eingriff anstehe, müsse das ausführlich besprochen und danach auch sorgfältig begleitet werden. Ein neues Implantat braucht seiner Meinung nach unbedingt eine vierteljährliche Kontrolle. Und wie sieht das Angebot in Budapest aus? Bei einem ersten Aufenthalt von zwei bis drei Tagen werden nach eingehender Untersuchung und falls die nötige Knochensubstanz vorhanden ist, die ersten Implantate gesetzt. Nach einer dreimonatigen Heilungspause zu Hause kommt der Patient noch einmal für sechs Tage nach Ungarn zur restlichen Behandlung.

Prophylaxe erspart Zahnreisen

Jäger hat ein weiteres wichtiges Argument, das für den Zahnarzt im Lande spricht: Den kann der Patient auch dann noch besuchen, wenn es ihm im höheren Alter nicht mehr so gut geht. Denn die Anreisen per Flugzeug oder stundenlange Autofahrten könnten dann zum Problem werden. Und noch eines legt Jäger nach: Jeder könne selbst lange Zeit dafür sorgen, dass er keine Generalsanierung brauche. In der Tat: Regelmäßige Prophylaxe beim Zahnarzt vor Ort hält die Zähne gesund und schont dazu den Geldbeutel.

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