Nach Schlamperei mit Realschul-Prüfungen ermittelt jetzt die Polizei

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Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) kritisiert die mangelnde Sorgfalt im Umgang mit Prüfungsaufgaben.
Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) kritisiert die mangelnde Sorgfalt im Umgang mit Prüfungsaufgaben. (Foto: Roland Rasemann)
Schwäbische Zeitung
Landes-Korrespondentin

40 000 Realschüler im Land müssen länger auf ihre Abschlussprüfung in Deutsch warten. Das Kultusministerium hat den Termin von diesem Mittwoch auf kommende Woche Freitag verschoben, nachdem an einer Gemeinschaftsschule in Bad Urach (Kreis Reutlingen) ein geöffneter Umschlag mit den Aufgaben gefunden worden war. Der Landesschülerbeirat (LSBR) übt massive Kritik am Ministerium. „Hätte man eine zweite Prüfung auf einem sicheren Server, hätte man die Prüfung dennoch am Mittwoch schreiben können“, sagt LSBR-Sprecherin Madeleine Schweizerhof.

Der Internetauftritt der Bad Uracher Gemeinschaftsschule zeigt an prominenter Stelle, welche aktuellen Termine anstehen. Noch am Dienstagnachmittag ist hier für den Folgetag angekündigt: Realabschlussprüfung Deutsch. Dass diese landesweit auf den 27. April verschoben wurde, liegt an der Bad Uracher Schule. Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) hat dazu am Montagabend deutliche Worte gefunden: „Sicherheit beim Umgang mit den Prüfungsaufgaben hat für uns einen zentralen Stellenwert“, ließ sie in einer Mitteilung wissen. „Umso ärgerlicher ist es, wenn die Verantwortlichen vor Ort nicht mit der gebotenen Sorgfalt und Sensibilität agieren.“

Was an der Schule schief lief, erklärt das Ministerium am Dienstag so: Die Prüfungen wurden vergangenen Donnerstag im Schulamt abgeholt. Ab fünf Tagen vor Beginn der Prüfungen können das alle Schulleiter oder bevollmächtigte Vertreter tun. Danach müssen die Prüfungen in einem Tresor, einem abschließbaren Schrank oder gesonderten, abgeschlossenen Raum gelagert werden.

In Bad Urach allerdings seien die Prüfungen zur Verwahrung herumgereicht worden, obwohl es einen Tresor im Gebäude gibt, so das Ministerium.

Zeitweise befanden sich die Unterlagen unter anderem bei einer Lehrkraft zu Hause.“

Wer den Umschlag mit der Deutschprüfung nun geöffnet habe, lasse sich daher momentan nicht rekonstruieren. Die Schulleitung wollte sich nicht auf Anfrage äußern, sondern verwies auf das Ministerium.

Erinnerungen an das Abi 2017

Der Vorfall erinnert an vergangenes Jahr. Unbekannte hatten 2017 in einem Gymnasium in Stuttgart-Weil-imdorf den Tresor geknackt, in dem die Abiturprüfungen für Mathematik und Englisch lagerten. Das hatte Auswirkungen auf alle Abiturienten nicht nur im Land, sondern bundesweit. Fast alle Bundesländer mussten ihre Prüfungen in diesen beiden Fächern austauschen, da sie sich erstmals aus einem gemeinsamen Aufgabenpool der Länder bedient hatten.

Karin Broszat, Vorsitzende des Realschullehrerverbands im Südwesten, sieht bei aller Ähnlichkeit einen großen Unterschied: „Wenn ein Tresor geknackt wird wie letztes Jahr beim Abitur, dann ist das kriminell.“ Beim jetzigen Vorfall in Bad Urach spricht sie hingegen von mangelnder Sorgfalt. „Das ist ein Fehler, der da passiert ist. Vom Ablauf her ist allen klar, wie wichtig es ist, sich an die Richtlinien zu halten.“

Ein wenig die Luft raus

Für Broszat sind schärfere Sicherheitsvorkehrungen daher nicht nötig. Seit 13 Jahren ist sie Rektorin, sie leitet die Überlinger Realschule. „Sowas ist noch nie passiert“, sagt sie. Nach Wochen intensiver Vorbereitung sei bei den Prüflingen durch den Vorfall nun ein wenig die Luft raus, stellt sie fest. Alle hätten bereits davon gewusst, bevor sie heute in die Schule gekommen seien. „Im Moment weicht bei den Schülern die Enttäuschung aber schon ein wenig, weil sie jetzt noch etwas mehr Zeit für die Mathe-Abschlussprüfung am Freitag haben.“

Unter den Realschülern war die Nachricht bereits am Dienstag eingeschlagen wie eine Bombe. „In den WhatsApp-Gruppen gab es einen riesen Tumult“, sagt die LSBR-Sprecherin Madeleine Schweizerhof. Sie empfindet es nicht als Vorteil, nun mehr Zeit für die Mathe-Prüfung zu haben – im Gegenteil. „Jetzt verdoppelt sich die Vorbereitungszeit auf Deutsch“, sagt sie. Um den Stoff präsent zu haben, müssten die Realschüler vor dem 27. April nochmals alles wiederholen.

Dass der Termin im digitalisierten Zeitalter überhaupt verschoben wurde, ärgert Schweizerhof. Warum, fragt sie, kann das Ministerium den Schulen keine alternativen Prüfungen über einen gesicherten digitalen Zugang zur Verfügung stellen? „Ich kann das nicht nachvollziehen.“

Die Polizei eingeschaltet

Aus Sicherheitsgründen sei es nicht möglich, den Schulen Aufgaben zum Selbstausdrucken zu schicken, entgegnet das Ministerium. „Aufgrund der nicht überschaubaren Anzahl an bei einem solchen Verfahren beteiligten Personen kann die Vertraulichkeit der Aufgaben nicht gewahrt werden.“ Stattdessen würden die Aufgaben, die für den Nachschreibetermin vorgesehen waren, nun zentral gedruckt und dann versiegelt an die Schulen gebracht.

Zur Aufklärung hat das Ministerium die Polizei eingeschaltet. Auch Schulamt, Regierungspräsidium und Ministerium würden aktiv – unter anderem, um die betreffende Schule für den Umgang mit Prüfungen zu sensibilisieren.

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