Stefan Lanka bei einem früheren Prozesstermin mit der Sängerin Marla Glen.
Stefan Lanka bei einem früheren Prozesstermin mit der Sängerin Marla Glen. (Foto: Roland Rasemann)
Schwäbische Zeitung

Die Welt der Virenleugner erschließt sich leicht über Kinderbücher mit dem Titel „Familie Knautsch und ihre medizinischen Abenteuer“, in denen die kleine Lisa allerhand Krankheiten bekommt.

Auf einem Internetportal, das die Bücher vertreibt, kommentiert der promovierte Biologe Stefan Lanka aus Langenargen am Bodensee den Inhalt: „Spielend leicht findet die Familie in Band 1 ,Masern’ heraus, dass es ein Trauma der Trennung war, das die Haut im wahrsten Sinne des Wortes dünn werden ließ, um sich nach Auflösung des Traumas, unter Rötung, Fieber und Schwellung, wieder aufzubauen.“ An anderer Stelle: „Auch ,Mumps’ in Band 3 verliert seinen Schrecken und zurück bleibt ein Lächeln darüber, dass man früher an krank machende Viren geglaubt hat, obwohl diese niemals gesehen, isoliert, weder fotografiert und in ihre Bestandteile zerlegt wurden.“

Sein Fazit: „Machen Sie sich, anderen und vor allem Kindern ein Geschenk fürs Leben: Schenken Sie Verstehen, das auf ehrlich kindliche Art bei Gesundheit und Krankheit Kraft fürs Leben schafft.“

Es geht um 100000 Euro

Man kann es aber auch so ausdrücken: Schon Kleinkinder sollen lernen, dass es keine Viren gibt, dass die Schulmedizin puren Unsinn verbreitet, dass mittelalterlich anmutende Vorstellungen die Leitlinien des heutigen Lebens sein sollen. Nun, um in der kindlichen Bildsprache der Familie Knautsch zu bleiben: Demnächst könnte sich Stefan Lanka selber einen gehörigen Schnupfen holen – beziehungsweise um mehr als 100 000 Euro ärmer werden.

Um diese Summe (plus Prozesskosten im fünfstelligen Bereich) geht es seit Frühjahr dieses Jahres vor dem Landgericht Ravensburg im sogenannten Masern-Prozess, wo sich der Impfgegner Lanka und der Impfbefürworter David Bardens, ein Mediziner, gegenüberstehen. Ein nun vorliegendes gerichtliches Gutachten legt den Schluss nahe: Lanka wird den Prozess und damit das Geld verlieren.

Rückblick: Schon 2011 stellt Stefan Lanka einen Aufruf ins Internet: Wer die Existenz des Masernvirus beweisen könne, bekomme 100000 Euro von ihm. Der Homburger Mediziner Bardens lässt sich die Ausschreibung schriftlich bestätigen und schickt ihm nach einer Recherche die mutmaßlich beweisbringenden Dokumente. Weil er daraufhin aber nie die ausgelobten 100000 Euro erhält, verklagt er Lanka. Mit der Folge, dass das Landgericht einen Virenexperten aus Rostock beauftragt, die eingereichten Unterlagen Bardens zu prüfen.

Die „Schwäbische Zeitung“ kennt den Inhalt des Gutachtens und weiß aus sicherer Quelle: Das Gutachten kommt zu dem Schluss, Bardens habe eindeutig die Beweise für die Existenz eines Masernvirus erbracht. Sollte das Urteil – der Prozess geht am 12. März weiter – entsprechend ausfallen, müsste Lanka nicht nur das Geld überweisen. Erstmals hätte ein Gericht auch ein Urteil gefällt, das eine Botschaft enthält, von der außer den Fans der Familie Knautsch niemand mehr überzeugt werden muss: Ja, es gibt ein Masernvirus.

Keine Stellungnahmen

David Bardens war mit Verweis auf das laufende Verfahren nicht zu einer Stellungnahme bereit. Auch Stefan Lanka wollte sich auf Anfrage nicht zu dem Gutachten äußern, sagte aber: „Der Ausgang des Prozesses ist offen.“ Er erwarte jedoch eine positive Entwicklung. „Das Gutachten kann ja nichts an der Faktenlage ändern: Es gibt keine direkten Belege für die Existenz des Masernvirus.“

Über den Ravensburger Prozess wird deutschlandweit berichtet, die überregionalen Medien bezeichnen ihn als „Posse“, als „skurril“ und „bizarr“. Wohl wahr, was die eine Seite der Protagonisten angeht, lässt sich aber noch hinzufügen: gefährlich.

Damit zurück zur Familie Knautsch. Die Herausgeber der Bücher sind Harald Baumann und Daniela Amstutz, die sich auf die sogenannte Germanische Neue Medizin (GNM) beziehen – zu deren bekennenden Anhängern auch Stefan Lanka zählt. Begründer der GNM ist Ryke Geerd Hamer, dem 1986 die deutsche Approbation entzogen wurde. Er war mehrfach im Gefängnis wegen illegalen Praktizierens und Betrugs. Im Online-Lexikon Wikipedia heißt es unwidersprochen: „Hamer vertritt in Verbindung mit seiner Lehre auch antisemitische Positionen, die er im Rahmen von Verschwörungstheorien äußert.“

Hamers GNM fehlt jede wissenschaftliche Anerkennung. Auslöser von Krankheiten, behauptet er in zahlreichen Abhandlungen, seien Schockerlebnisse, die er als DHS (Dirk-Hamer-Syndrom) bezeichnet. Auch Krebserkrankungen seien in Wahrheit „sinnvolle biologische Sonderprogramme“ und bereits ein Teil des natürlichen Heilungsprozesses, der nur in Ausnahmefällen durch Medikamente oder Operationen unterstützt werden dürfe.

Mulmig kann einem in diesem Zusammenhang werden bei einem anderen Titel aus der Knautsch-Reihe: „Mama Knautsch hat einen Brustknoten“. Stefan Lanka schreibt zu dem Buch: „Meisterlich die Leichtigkeit, wie in Band 6 zum ,Brustknoten‘ die Zusammenhänge erklärt werden, die einen Knoten entstehen und wieder verschwinden lassen.“ Dazu sollte man vielleicht wissen, dass Behörden in mehr als 80 Todesfällen von durch Hamer behandelten Patienten ermittelt haben.

Wer Kinderbücher fördert, die einer kruden und gefährlichen Lehre folgen, wird sich kaum durch einen Masern-Prozess von seinen Vorstellungen abbringen lassen. Zumal Lanka reichlich Gerichtserfahrung besitzt.

Zahlreiche Verurteilungen

Bereits 2002 wurde er in Rosenheim zu einer Geldstrafe verurteilt, weil er einen Richter „scientologischer Babyficker“ nannte und einen Staatsanwalt als „feuchten Nazifurz“ bezeichnete. Drei Jahre später eine Verurteilung, weil er den Leiter des Stuttgarter Gesundheitsamtes in die Nähe von Euthanasieärzten gebracht haben soll. Im Jahr 2007 folgten zwei weitere Verurteilungen wegen Beleidigung, in einem Fall verbunden mit einer Entschädigungszahlung in Höhe von 300000 Euro. Zahlungen wurden auch fällig, als er einen früheren Leiter des Robert-Koch-Instituts „Massenmörder“ nannte und einem Landrat und dem leitenden Kreisangestellten „kriminelle Energie“ und „Idiotie“ unterstellte.

So wird der Verschwörungstheoretiker wohl auch dem nächsten Prozesstag in Ravensburg gelassen entgegensehen und als weitere Plattform für seine Lehren nutzen. Allerdings fehlt es den Impfgegnern derzeit an Rückenwind. Grund ist der tragische Fall der vierjährigen Aliana, der derzeit Schlagzeilen macht.

Das Mädchen aus Bad Hersfeld (Hessen) leidet an einer tödlich verlaufenden Gehirnhautentzündung, Spätfolge einer Maserninfektion im Alter von drei Monaten. Alianas Mutter war nicht gegen Masern geimpft, weshalb ihrem Baby der sogenannte Netzschutz fehlte, der es bis zur empfohlenen Impfung mit elf Monaten gegen schwere Erkrankungen schützt.

Aliana kann mittlerweile nicht mehr sprechen, ohne Hilfe nicht essen oder sitzen, sie reagiert nur noch über die Augen. Das Mädchen, befürchten die Ärzte, wird das laufende Jahr nicht überleben. Und die Medien fragen erschrocken: „Warum muss ein Kind heute noch an Masern sterben?“

Die Antwort: Weil es noch immer Lücken beim Impfschutz gibt. Und weil es Menschen gibt, die an perfide Botschaften glauben, aus Büchern wie jene über die Familie Knautsch.

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