Missbrauch in der Kindheit: Ulmer Traumatherapie geht neue Wege

 In der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz in Ulm finden Therapiesitzungen statt.
In der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz in Ulm finden Therapiesitzungen statt. (Foto: Elvira Eberhardt/Universität Ulm)
Redakteur

Die Erinnerung hat Marie lange abgespalten. „Sie war so im Hinterkopf wie ein Fetzen eines Traums, der nach dem Aufwachen keinen Sinn mehr ergibt“, sagt die 37-Jährige, die in Wahrheit nicht Marie heißt. Worüber sie berichtet, ist ein sensibles Thema, eines, mit dem niemand sich gerne erkennbar in die Öffentlichkeit stellt. Sie hat sexuelle Gewalt erfahren – durch ihren eigenen Vater. In Ulm hat sie als Probandin an einer Studie zu einer neuen Form der Traumatherapie teilgenommen. Nach langen Jahren des Leidens sieht sie sich heute „in einer Aufwärtsspirale“.

Marie, und das ist eine bittere, lange kaum beachtete Wahrheit, ist beileibe kein Einzelfall. Im Jahr 2021 wurden 49 Kinder Opfer sexueller Gewalt. Jeden Tag. Dieser Durchschnitt geht aus der polizeilichen Kriminalstatistik hervor, doch dort landen nur angezeigte Taten. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen. Expertinnen und Experten der Weltgesundheitsorganisation WHO gehen davon aus, dass eine Million Kinder in Deutschland Missbrauch erlebt haben oder erleben. „Das sind pro Schulklasse ein bis zwei betroffene Kinder“, rechnete die damalige Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) im Jahr 2020 vor.

Tatort Kinderzimmer

Die Tatorte sind Kinderzimmer, Umkleidekabinen, Schulen oder Kirchen. Die Täter sind in den meisten Fällen Familienangehörige oder deren Freunde und Bekannte. Aber auch Übungsleiter, Lehrer und Pfarrer. Gerade die also, denen ein Kind eigentlich vertrauen können sollte. Jahrelang üben sie Gewalt und Druck aus, nutzen Abhängigkeiten aus, drohen und schmeicheln – und hinterlassen damit tiefe seelische Narben. „Vor allen habe ich Angst vor Berührung und körperlicher Nähe, aber auch sozialer Nähe gehabt“, sagt Marie. „Zudem habe ich oft ein diffuses Gefühl von Gefahr erlebt, was zu übermäßiger Wachsamkeit ohne Grund und Unsicherheit geführt hat.“

 Roberto Rojas versucht, in Therapiegesprächen auf den Grund des Traumas zu gelangen.
Roberto Rojas versucht, in Therapiegesprächen auf den Grund des Traumas zu gelangen. (Foto: Symbol: Elvira Eberhardt)

Ihre Eltern hätten ihr nie vermitteln können, wie ein „gesunder Umgang mit Gefühlen und Grenzen“ funktioniert. „Als Ergebnis war ich als kleines Kind, seit ich denken kann, der Meinung, dass ich dafür sorgen müsse, dass es meinen Eltern besser geht und ich sie möglichst wenig belaste. Da steckt schon drin, ,Ich bin eine Belastung’. Das sollte kein kleines Kind denken müssen!“

Forschung in Ulm

Dafür, dass solche Gedanken Jahrzehnte später nicht noch immer das Leben bestimmen, werden Betroffene im Rahmen der klinischen Studie Enhance behandelt. Das Ziel: bekannte und bewährte Methoden aus der Psychotherapie miteinander neu zu vergleichen und zu verknüpfen. In Ulm sind die Universität Ulm und das Universitätsklinikum beteiligt. Weitere Standorte gibt es in Berlin, Dresden, Gießen und Mainz. Die Studie wird mit insgesamt drei Millionen Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert.

Erfolge oder mögliche Probleme werden laufend dokumentiert. Derzeit sind in Ulm 45 Patientinnen und Patienten in Therapie. Acht haben sie bereits abgeschlossen, darunter Marie. Die Betroffenen leiden an einer sogenannten Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) in Zusammenhang mit sexualisierter oder körperlicher Gewalt vor dem 18. Lebensjahr. Landläufig verbindet man PTBS häufig mit Kriegsrückkehrern, die unter den Folgen der Gewalt leiden und besonders traumatische Situationen im Geist immer wieder durchleben. „Bei körperlicher und seelischer Missbrauchserfahrung beobachten wir sehr ähnliche Symptome“, sagt Roberto Rojas.

Hilfe im Alltag

Er ist Psychotherapeut und Geschäftsführer der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz (PHSA) der Universität Ulm und an Enhance beteiligt. Was die Forschung und klinische Arbeit mit den Betroffenen laut Rojas jedoch zeigt, ist, dass belastende Erlebnisse, die wiederholt vorkommen und durch eine andere Person verursacht werden – wie Missbrauch durch eine Bezugsperson – schwerwiegendere und vielfältigere Symptome hervorrufen.

„Wir versuchen, im Alltag einen besseren Umgang mit den traumatischen Erfahrungen und deren Folgen zu vermitteln“, sagt Rojas. In der ersten Phase der Therapie geht es um Verhaltensmuster und Einstellungen, die sich dadurch ausgeprägt haben: Misstrauen, sozialer Rückzug, bis hin zur sogenannten Dissoziation, der Abspaltung psychischer Funktionen voneinander. Wahrnehmung, Fühlen, Denken und Handeln werden dabei voneinander getrennt.

Teil der Therapie ist es, den Probandinnen und Probanden deutlich zu machen: „Diese Verhaltensmuster waren damals nicht falsch. Es sind Schutzmechanismen, die im akuten Fall oft Schlimmeres verhindert haben. Aber heute, im Alltag als erwachsene Person, sind sie nicht mehr notwendig“, erklärt Rojas.

Raus aus der Trauma-Welt

Diese erste Phase ist es, die Enhance besonders von herkömmlichen Therapieformen unterscheidet. „Es geht um ganz konkrete Fähigkeiten oder Skills. Einige Patienten sind beispielsweise sehr reizbar oder impulsiv. Wir erarbeiten mit den Betroffenen, wie sie mit stark ausgeprägten unangenehmen Gefühlen, wie zum Beispiel Angst, Wut, Ekel, umgehen können oder wie sie mit anderen Menschen sozial kompetent interagieren können“, sagt Rojas.

Viele hätten große Schwierigkeiten damit, Vertrauen aufzubauen oder Beziehungen einzugehen. In der Therapie wird das geübt. „Wir führen beispielsweise Rollenspiele durch, in denen wir Begegnungen und Dialoge – wie zum Beispiel ein Klärungsgespräch nach einem Streit – in ganz kleinen Schritten üben. Dadurch bauen wir quasi korrigierende Erfahrungen auf. Der Lerneffekt ist: Du bist jetzt nicht mehr in Gefahr, wie damals in deiner Kindheit. Du kannst und darfst dich behaupten, aus Situationen herausgehen oder Hilfe rufen. Du kannst frei und unabhängig agieren.“

Um konkrete Fertigkeiten geht es, wenn Betroffene – etwa durch ein Geräusch oder einen mit dem Missbrauch assoziierten Geruch – „ins Trauma katapultiert werden“, wie Rojas sagt. Dann gilt es, etwa durch Atemübungen oder externe Reize die aufkommenden Gefühle zu kontrollieren. „Die Hände in kaltes Wasser zu tauchen oder etwas Angenehmes zu riechen, kann helfen. Oder auch Bewegung und Sport im Freien. Es geht darum, zu erkennen, wann sich etwas anbahnt und dann zu reagieren“, erklärt der Psychotherapeut.

„Es sind Fertigkeiten oder Skills, die dabei helfen, im Hier und Jetzt zu bleiben“, sagt Melissa Hitzler. Sie promoviert am Lehrstuhl für Klinische und Biologische Psychologie an der Universität Ulm und ist Projektkoordinatorin bei Enhance. „Es geht darum, eine Verankerung zu haben und nicht wieder in das ,Damals’ zurückzudriften. Die meisten dieser Skills beherrschen und kennen wir alle und wenden sie ganz intuitiv an“, sagt sie, doch „bei Betroffenen handelt es sich um extreme Stresssituationen verbunden mit Panik oder Angst“.

Auf den Grund des Traumas

Für Marie war der Umgang damit ein entscheidender Punkt. „Mit Ende 20 hatte ich Schlafstörungen, habe mich nach Belastungsphasen tagelang ,ausgeklinkt’“, sagt sie. Ihre Zeit habe sie dann im abgedunkelten Zimmer verbracht. „In nur wenigen Monaten konnte ich mit viel Übung viele kleine Dinge in meinen Alltag integrieren, die mir guttun. Das hat mich in eine Aufwärtsspirale gebracht und war das Fundament um neue, gute Erfahrungen zu machen, die ein Gegengewicht für meine schlimmen Erfahrungen von damals bilden“, bilanziert sie den Erfolg dieser ersten Therapiephase.

Im nächsten Schritt, so erklärt Rojas, folgt die narrative Therapie: Das Zwiegespräch mit Therapeutin oder Therapeut, in dem die Ursache des Traumas angegangen wird. Die Patientin oder der Patient erzählt in diesen Gesprächen die Situationen nach, die ursächlich für das Trauma sind. „Wichtig dabei ist, dass allein sie entscheiden, was sie wann erzählen“, erläutert Rojas. Transparenz und Offenheit, das sind entscheidende Faktoren für das Gelingen der Therapie, sagt er. Jederzeit müsse klar sein, was wann passiert – und dass es immer die Möglichkeit gibt, mit den unangenehmen Gefühlen umzugehen zu lernen.

Frust, Wut und die Weitergabe an die Kinder

Für Martin (Name von der Redaktion geändert) war dieser Aspekt bei seiner Therapie entscheidend. „Die gute Vorbereitung durch das Team und meine Psychologin.“ Wichtig war ihm, vorher zu wissen, dass die Sitzungen nicht einfach werden würden, sagt er. Ebenso „das Gefühl, stets sicher zu sein, Schwäche zeigen zu dürfen“. Der 42-Jährige leidet seit seiner Kindheit an überschäumenden Emotionen, an Wutanfällen und Depressionen. In jungen Jahren hat er Gewalt durch die Eltern erfahren, erzählt er. Außerdem „verachtende Bemerkungen oder eisiges Schweigen, wenn schulische Leistungen nicht zufriedenstellend waren oder wenn ich wegen Frust am Leistungsdruck geheult habe oder sonst emotional geworden bin.“

Das „Hineinschlucken“ von Frust und die aufbrausende Wut habe er bis ins Erwachsenenalter mitgenommen. „Ich habe öfters an Suizid gedacht, mich als Versager empfunden. Im Privatleben, in Beziehungen hat das oft zu Streit und Beziehungsabbruch geführt. Meine Kinder haben leider oft auch diese ,aus dem Nichts’ aufbrausende Wut zu spüren bekommen“. Martin erkennt die Verhaltensweise seiner Eltern an sich selbst wieder und entschließt sich zur Therapie. Mit Erfolg, wie er sagt: „Ich halte Kritik aus, ich brause so gut wie gar nicht mehr auf und bleibe in Streitsituationen ruhig. Ich bekomme nicht mehr Hitzewallungen und Fluchtreiz in Situationen, die ich vor der Therapie als extrem belastend oder peinlich empfand“, erzählt er.

„Oft fangen wir als Übung damit an, dass schöne oder neutrale Erinnerungen nacherzählt werden. Oder wir arbeiten mit einer Steigerung von weniger belastenden Situationen zu stärkeren“, beschreibt Rojas die ersten Gesprächssitzungen. Die zuvor erlernten Skills sollen dabei helfen, mit den Emotionen beim Erzählen umzugehen. „Dadurch, dass wir uns eine Situation immer wieder schildern lassen und teilweise als ,Hausaufgabe’ mitgeben, sich Audioausschnitte der Erzählung anzuhören, sinkt mit der Zeit der Stresslevel beim Erinnern“, erläutert er. Für Marie ein Durchbruch: „Zuletzt konnte ich mich in geschütztem Rahmen mit der traumatischen Situation von damals konfrontieren, mir Zeit und Raum geben, das zu verarbeiten und diese dann als Teil meiner Vergangenheit abzuschließen“, sagt sie.

Zukunft des Projekts noch unklar

In welchem Rahmen die Enhance-Therapie in Ulm auch künftig außerhalb der Studie zur Anwendung kommt, ist noch unklar. Noch sind nicht alle Erkenntnisse gefestigt – und besonders ein Teil der Studie, der sich mit biologischen Veränderungen im Körper durch frühe Traumata befasst, wird in Ulm noch intensiv beforscht. Die ersten Erkenntnisse, so Melissa Hitzler, deuten allerdings auf ein weites Feld hin: „Menschen, die sehr früh in ihrem Leben wiederholt Stress und Traumata erlebt haben, sind auch auf körperlicher und biologischer Ebene deutlich belasteter.“ Untersucht wird deshalb, wie sich belastende Ereignisse auf den Körper, den Hormonhaushalt und das Immunsystem auswirken. „Die ständige Alarmbereitschaft ist für den Körper auf jeden Fall belastend“, sagt Hitzler.

Noch bis Mitte 2023 läuft die Praxisphase mit Therapien. Danach beginnt die Auswertung. „Als mittelfristiges Ziel wollen wir die Folgen von frühen Traumata auf psychischer und biologischer Ebene besser verstehen. Langfristig geht es auch darum, wie Therapien besser gestaltet werden können“, sagt Hitzler. Noch sind Plätze frei für die Therapiephase, Marie und Martin legen Betroffenen die Methode ans Herz. „Absolute Weiterempfehlung! Nur mit dem Hinweis, dass die Person aktiv mitmachen muss, der Wille sich zu ändern und heilen muss vorhanden sein“, sagt Martin.

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