Gerade für Junglehrer könnte eine Erhöhung der Arbeitszeit gegen Bezahlung interessant sein. So ein Modell gab es vor 20 Jahren
Gerade für Junglehrer könnte eine Erhöhung der Arbeitszeit gegen Bezahlung interessant sein. So ein Modell gab es vor 20 Jahren schon einmal, um Stundenausfälle zu vermeiden. (Foto: dpa)
Landes-Korrespondentin

Die Schüler sind da, der Lehrer fehlt: Noch immer ist der Mangel an Pädagogen in Baden-Württemberg groß. 560 Stellen sind weiter nicht besetzt, mehr als die Hälfte davon an Grundschulen – vor allem auf dem Land. Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) hat nun zwei neue Ideen vorgebracht, um den Mangel zu lindern. Lehrer sollen freiwillig mehr arbeiten können und dafür entweder Geld oder in ein paar Jahren mehr Freizeit bekommen. Ob das wirkt? Experten sind geteilter Meinung.

Arbeitet ein Grundschullehrer voll, steht er 28 Stunden pro Woche vor einer Klasse – so viel wie kaum ein Kollege anderer Schularten. Hinzu kommen etwa die Vorbereitung auf den Unterricht, Korrekturen von Arbeiten und Elterngespräche. Wer möchte, soll künftig mehr unterrichten dürfen als 28 Stunden und für diese Überstunden entsprechend bezahlt werden. Das ist Eisenmanns erster Vorschlag.

Mehr Geld lockt Junglehrer

Im Blick habe sie dabei vor allem junge Lehrer, die vielleicht gerade ein Haus gekauft haben und das Geld gut brauchen können, sagt eine Sprecherin. Dass dieser Vorstoß zum Teil fruchten könnte, glaubt auch Achim Schwarz, kommissarischer Leiter des Staatlichen Schulamts in Biberach. „Es kamen auch schon vereinzelt Anfragen dazu, aber nicht so viele, dass ich sagen würde, eine Menge wartet darauf.“ Dabei stößt Eisenmann allerdings auf Widerstand bei Finanzministerin Edith Sitzmann (Grüne), die mögliche Probleme beim Beamtenrecht sieht. Welche genau das sind, konnte das Finanzministerium auf Nachfrage am Donnerstag nicht näher beschreiben.

Eisenmanns zweiter Vorschlag: Wer möchte, soll zwei oder drei Jahre lang eine Stunde pro Woche mehr unterrichten. Danach sinkt für den selben Zeitraum die Arbeitszeit wieder auf 28 Stunden. Und anschließend reduziert sich die Stundenzahl für den selben Zeitraum auf 27 Stunden. Bis dahin sollen mehr Grundschullehrer ausgebildet sein und die Schülerzahlen sinken. Das Gehalt bleibt in all den Jahren konstant. Mit dieser Idee knüpft die Kultusministerin an das sogenannte „Vorgriffstundenmodell“ an, das in Baden-Württemberg schonmal erfolgreich angeboten wurde (siehe Kasten).

Wegen der guten Erfahrung mit diesem Modell, zeigt sich der Landesverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) offen für den Vorstoß. „Angesichts des Lehrermangels sperren wir uns nicht“, sagt Matthias Schneider, „aber es muss klar sein, dass es sich für die Lehrkräfte lohnt.“ Was bisher bekannt ist, sei noch keine Grundlage für eine konkrete Vereinbarung.

Der stellvertretende Landeschef des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) Michael Gomolzig begrüßt die Vorschläge. In den 1990er-Jahren wehrte sich der VBE gegen das Vorgriffstundenmodell. Deshalb kam es in den Beruflichen Schulen und Gymnasien nicht zum Tragen – dort sind die Verbände des Beamtenbunds stärker vertreten als die GEW. „Unsere Befürchtung damals war: In den zehn Jahren bis zur Rückgabe der Stunde kann das Deputat erhöht werden“, erklärt Gomolzig. Und dann wäre die vorab geleistete Arbeit nicht berücksichtigt worden. „Mittlerweile sagen wir: Es hat sich bewährt. Es wäre eine Lösung, das auf freiwilliger Basis anzubieten.“

Teilzeitkräfte berücksichtigen

Gomolzig fordert, dass sich auch Lehrer in Teilzeit an diesem Modell beteiligen können. So könnten Lehrer über einen klar definierten Zeitraum mehr arbeiten, dann aber wieder reduzieren. Inzwischen geht das Ministerium wegen des Lehrermangels nämlich sehr restriktiv mit Teilzeit-Wünschen um. Das Kultusministerium erteilt Gomolzig indes eine Absage. „Wir bitten ja bereits Lehrer, die kein volles Deputat haben, aufzustocken. Es richtet sich in erster Linie an Lehrer mit vollem Deputat“, sagt eine Sprecherin.

Das Problem dabei erklärt Achim Schwarz vom Biberacher Schulamt so: „Es gibt Standorte, an denen wir volle Klassen haben mit schwierigen Zusammensetzungen an Schülern. Da wird es schwer werden, Freiwillige zu finden.“ Edgar Bohn, Landeschef des Grundschullehrerverbands, wird noch deutlicher. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Lehrer mit vollem Deputat noch mehr arbeiten können. Die arbeiten am Anschlag.“

Mit gutem Beispiel voran

Für das sogenannte Vorgriffstundenmodell, das Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) vorgeschlagen hat, gibt es einen Vorläufer. In den 1990er-Jahren war abzusehen, dass die Schülerzahlen eine Zeit lang steigen, dann aber abfallen würden. Die Landesregierung liebäugelte mit einer Erhöhung der Unterrichtszeit für Lehrer – was die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) unbedingt verhindern wollte. Also traf sie mit der CDU-Landtagsfraktion und dem CDU-geführten Kultusministerium eine Vereinbarung, die auf beiden Seiten auch viele Kritiker hatte.

Ab dem Schuljahr 1998/1999 konnten Lehrer fünf Jahre lang eine Stunde mehr unterrichten, danach fünf Jahre lang normal und anschließend fünf Jahre eine Stunde weniger. Im November 2007 erklärte das Kultusministerium, dass an diesem Modell rund 30000 Lehrer freiwillig teilgenommen hätten – allesamt tätig an Grund-, Haupt, Real- und Sonderschulen. Damals konnten sich auch Lehrer in Teilzeit beteiligen. Die im Beamtenbund vertretenen Gewerkschaften, die an Beruflichen Schulen und Gymnasien sehr stark sind, hatten sich nicht beteiligt.

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