Lokführermangel in Bayern hat dramatische Folgen: Busse und Taxis statt Zügen

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Lokführer fährt eine Bahn
ARCHIV - 15.11.2018, Bayern, Nürnberg: Ein Lokführer im Führerstand eines Diesel-Triebwagens der Deutschen Bahn. (Foto: Daniel Karmann)
Deutsche Presse-Agentur
Frederick Mersi

„Ich habe es aufgegeben, mit dem Zug zu fahren“, sagt Tunahan Gümüs. Es ist kurz vor 7.00 Uhr, der 16-Jährige sitzt im Expressbus auf dem Weg von Eichstätt nach Ingolstadt. Eigentlich fahre er gern mit der Bahn zur Berufsoberschule, sagt Gümüs. „Aber weil die so unzuverlässig ist, fahren wir nur noch mit dem Bus“, sagt sein 17 Jahre alter Klassenkamerad Nikola Capin. Das Zentrum von Eichstätt, der Großen Kreisstadt, in der die beiden Jugendlichen wohnen, hat seit dem 10. Juli kein Zug der Bayerischen Regiobahn (BRB) mehr erreicht. Es fehlen Lokführer.

Den Personalmangel habe man schon in den Wochen zuvor nur dadurch auffangen können, „dass Mitarbeiter mit enormem Einsatz und durch Überstunden und Sonderschichten eingesprungen sind“, sagt ein Sprecher der BRB. Auch Mitarbeiter, die eigentlich im Büro arbeiten, aber Züge fahren dürfen, seien als Lokführer eingesetzt worden. Dass nun geballt Verbindungen ausfallen, liege an Krankheitsfällen, Urlaubszeit und dem Weggang von Leih-Lokführern.

Nach den Sommerferien soll es – etwas – besser werden

Damit ist die BRB nicht allein unter privaten Eisenbahnunternehmen, die in Bayern aktiv sind: Bei agilis fallen wegen Lokführermangels zwischen Coburg und Bad Rodach sowie Forchheim und Bamberg Züge aus. Die Länderbahn schränkt den Verkehr auf mehreren Strecken vor allem in der Oberpfalz stark ein. Mit dem Ende der Sommerferien solle sich die Situation wieder entspannen, sagte ein Sprecher des Unternehmens.

Auch ohne Urlaubszeit hatte die BRB, eine Tochter des französischen Transdev-Konzerns, schon Anfang des Jahres massive Probleme, Lokführer zu finden. Auf der Ostallgäu-Lechfeld-Bahn fielen vor allem zwischen Kaufering und Landsberg viele Verbindungen aus.

Obwohl die BRB also schon zum zweiten Mal innerhalb eines halben Jahres ein Linienbündel nicht zuverlässig bedienen kann, soll sie laut Bayerischer Eisenbahngesellschaft (BEG), die den Schienennahverkehr im Freistaat plant, finanziert und kontrolliert, bei künftigen Bewerbungen im Nahverkehr wie alle anderen Anbieter behandelt werden: „Die derzeitigen Probleme bei Transdev stehen in keinem Zusammenhang mit zukünftigen Vergabeverfahren.“

Das Thema pressiert inzwischen so sehr, dass es am Donnerstag sogar im Landtag diskutiert wurde. Dieser beschloss zwar auf Antrag von CSU und Freien Wählern mit Stimmen auch von Grünen, SPD und FDP, die Staatsregierung solle Bahnunternehmen künftig vor allem durch Vertragsstrafen stärker in die Pflicht nehmen. Die Grünen scheiterten aber mit ihrer Forderung, prüfen zu lassen, ob unzuverlässige Betreiber künftig von Vergabeverfahren ausgeschlossen werden können.

SPD und Grüne bezeichneten die Zugausfälle als „Desaster“. Probleme träten immer dann auf, wenn private Anbieter neue Strecken übernehmen, sagte Grünen-Fraktionschef Ludwig Hartmann. „Da lasse ich das Argument Lokführermangel nicht gelten.“ Thorsten Schwab (CSU) entgegnete, nicht die Vergabeverfahren seien das Problem, sondern Personalmangel: „Die Lokführer kann man sich nicht einfach backen.“

Die BEG als Aufsichtsbehörde und die BRB verweisen ebenfalls darauf, dass der Lokführermangel ein bundesweites Problem sei. „Der Triebfahrzeugführer ist seit mehreren Jahren ein sogenannter Engpassberuf“, bestätigt der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen. Bis eine ausgeschriebene Stelle besetzt werden kann, müssten Arbeitgeber im Schnitt etwa ein halbes Jahr lang suchen.

Gerade kürzere Strecken im Nahverkehr seien als Einsatzorte auf Dauer nicht attraktiv, sagt Uwe Böhm, Bezirksvorsitzender der Gewerkschaft Deutscher Lokführer in Bayern. „Es gibt zwar auch Kollegen, die glücklich sind, wenn sie immer die gleichen zehn Kilometer fahren dürfen – aber eben nicht für 30 Jahre.“ Durch die Privatisierung der Bahnunternehmen und deren unterschiedliche Fahrzeugtypen seien die Einsatzgebiete für Lokführer im Nahverkehr immer kleiner geworden.

Das Land wird benachteiligt – mit System

Als erstes eingeschränkt werden oft Strecken in ländliche Gebiete. Dort sind meist weniger Fahrgäste betroffen als in Ballungsräumen. Das sei auch ein Grund, weshalb die BRB nun zwischen Eichstätt und Ingolstadt ausschließlich auf Busse und Taxis setze, sagt ein Sprecher. „Wir haben den Fokus bei der Planung der Zugverbindungen auf erfahrungsgemäß stark nachgefragte Strecken gelegt.“

Dabei sei gerade für Städte und Gemeinden im ländlichen Raum ein gut funktionierender Schienennahverkehr essenziell, sagt Wilfried Schober vom Bayerischen Gemeindetag: „Spricht es sich herum, dass Orte „abgehängt“ sind, werden sie für Bürger unattraktiv – mit der Folge, dass gerade junge Leute in die Großstädte und Ballungszentren mit S-Bahn-Anschluss abwandern.“

Für Tunahan Gümüs und Nikola Capin im Expressbus in Richtung Ingolstadt ist das bisher keine Option. Frustriert sind sie dennoch: „Die Züge waren schon vor Juli öfter verspätet oder sind ausgefallen“, sagt Capin. „Und dann standen wir irgendwann am Bahnhof und es waren nur Taxis, aber keine Züge da.“

Die Deutsche Bahn habe schon keinen guten Ruf, ergänzt Mitschüler Gümüs, kurz bevor sie aussteigen. „Aber die BRB ist noch schlimmer.“ Auch wenn nach den Sommerferien wieder Züge ins Eichstätter Zentrum fahren sollen, wollen die Jugendlichen weiter den Bus nutzen. „Der ist einfach viel, viel zuverlässiger“, sagt Capin. Die längere Wartezeit nach dem Unterricht nehmen die beiden Berufsschüler dafür gern in Kauf.

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