Lebensmittelretter eröffnen Café mit kostenlosem Essen

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Ein Gast im Cafe nimmt ein Stück Kuchen
Belvina Mao nimmt ein Stück Kuchen aus der Foodsharing-Verteilstation des Cafes. (Foto: Marijan Murat / DPA)
Deutsche Presse-Agentur

Der Käsekuchen ist nach nicht mal einer halben Stunde weg. Die 21-jährige Belvina Mao hat sich ein Stück geholt, es steht neben dem Laptop, das die Kanadierin zum Arbeiten mit ins Café gebracht hat. Auch eine Seniorin aus der Nachbarschaft greift zu. Das Essen im Stuttgarter Café „Raupe Immersatt“ wäre eigentlich auf dem Müll gelandet — der übrig gebliebene Kuchen einer Konditorei ebenso wie die bräunlichen Bananen aus einem Supermarkt. Stattdessen können sich die Gäste an Kühlschränken und Regalen bedienen — und zahlen nichts dafür.

„Am Anfang war vielen gar nicht klar, was hier passieren wird: Da herrscht doch dann Futterneid, es gibt lange Schlangen“, erzählt Maike Lambarth. Sie hat das Café vor wenigen Wochen gemeinsam mit vier Bekannten eröffnet. Das helle Lokal, das sich problemlos in die meisten Szeneviertel deutscher Großstädte einfinden würde, ist das nach eigenen Angaben erste Foodsharing-Café Deutschlands.

Am Anfang war vielen gar nicht klar, was hier passieren wird. Cafébetreiberin Maike Lambarth

Hinter dem Begriff Foodsharing, also Essen teilen, verbirgt sich eine 2012 gegründete Initiative, die Lebensmittel vor der Mülltonne bewahren möchte. Die Mitglieder sammeln sie von Supermärkten, Restaurants oder auch Privatleuten ein und verteilen sie kostenlos weiter. Vernetzt sind mehr als 260 000 Menschen über die deutschsprachige Online-Plattform.

Viele der geretteten Lebensmittel landen in sogenannten Fair-Teilern, öffentlich zugänglichen Regalen oder Kühlschränken, wie im „Raupe Immersatt“. Obst mit kleinen Dellen oder Brot vom Vortag — jeder kann auch selbst Lebensmittel mitbringen oder gratis mitnehmen, erklärt Betreiber Lisandro Behrens. „Wir wollten einen schönen Ort schaffen, um über Lebensmittelverschwendung zu reden“, sagt der 29-Jährige.

In Deutschland werden einem Bericht der Umweltorganisation WWF aus dem vergangenen Jahr zufolge jährlich mehr als 18 Millionen Tonnen Lebensmittel verschwendet. Eine vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft in Auftrag gegebene Untersuchung aus dem Jahr 2017 ergab, dass deutsche Haushalte jährlich 4,4 Millionen Tonnen Lebensmittel wegwerfen — pro Kopf 55 Kilogramm. Fast die Hälfte des Abfalls bewerteten die Studienteilnehmer selbst als vermeidbar.

„Wir verteilen jeden Tag 50 bis 100 Kilogramm weiter“, schätzt „Raupe Immersatt“-Betreiber Behrens. Das Café haben die 24- bis 29-Jährigen mithilfe von Crowdfunding-Geld eröffnet. Finanzieren soll sich der Betrieb über die Getränke: Während das Essen umsonst ist, zahlen die Gäste für Cappuccino, Saftschorle oder Sekt. Feste Preise gibt es aber nicht, jeder soll zahlen, was er für angemessen erachtet.

Den Lebensmittelüberwachern der Stadt Stuttgart ist das ungewöhnliche Café bei Nachfrage direkt ein Begriff: „Das ist kein normaler Gastrobetrieb, sondern ein Sammelsurium geretteter Lebensmittel“, sagt Petra Frohnert, die stellvertretende Dienststellenleiterin des Amts. Es sei unklar: Wo kommt das Essen her, wie wurde es gelagert und transportiert. Allerdings dürfen Lebensmittel, die das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten haben, verkauft oder eben verschenkt werden. „Der Hersteller der Ware gibt die Garantie dafür, dass sie bis zu diesem Datum einwandfrei ist. Nach Ablauf geht die Verantwortung an den Unternehmer über“, sagt Frohnert. Anders beim Verbrauchsdatum, dass etwa bei Hackfleisch zu finden ist: Ist das überschritten, darf das Essen nicht mehr weitergegeben werden.

Im „Raupe Immersatt“ wandert das gelieferte Essen von Foodsharing erstmal in die Küche, wo der Zustand geprüft wird. Auch andernorts in Deutschland gibt es Projekte gegen Lebensmittelverschwendung, wie die Initiative Foodsharing mitteilte. Etwa in Mannheim oder Berlin. Allerdings habe es bislang noch kein Café gegeben, das das gesammelte Essen tatsächlich umsonst verteilt - ein Grundprinzip von Foodsharing.

Ob das Stuttgarter Konzept rentabel sein wird, ist den Betreibern nach den ersten vier Wochen noch nicht klar. Lange Schlangen vor den Kühlschränken gibt es jedenfalls nicht, auch von Futterneid ist an diesem Sommertag nichts zu spüren. Nur die Café-Betreiber selbst sind etwas traurig, dass für sie kein Stück Käsekuchen übrig geblieben ist.

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