„Wir sind die glücklichste Generation, die es jemals gab“: Bei der Dreikönigssitzung des Narrengerichts Stockach findet Günther
„Wir sind die glücklichste Generation, die es jemals gab“: Bei der Dreikönigssitzung des Narrengerichts Stockach findet Günther Oettinger (CDU) nachdenkliche Worte. (Foto: Christoph Schmidt)

Als sich die Uhrzeiger Richtung Mitternacht bewegen, findet Narrenrichter Jürgen Koterzyna im Stockacher Bürgerhaus Adler Post spitze Worte für den Ehrengast: „Günther Oettinger kann so schnell Deutsch sprechen, dass man es simultan ins Englische übersetzen könnte – und keiner würde es merken.“ Gelächter im Saal. Kennt doch jeder Oettingers legendäre Kauderwelsch-Rede auf Englisch, wie sie nur ein Schwabe halten kann. Und die der Sprachkritiker Wolf Schneider beklagte als „das Grausamste, was man jemals in englischer Sprache auf der nördlichen Erdhalbkugel hören musste“.

Oettinger pariert den Willkommensgruß auf seine Art. Stoisch betritt er die Bühne, schüttet den kredenzten Wein aus Baden in einen Blumenkübel und verzieht das Gesicht – „Igitt“. Kurz darauf setzt der gebürtige Stuttgarter noch einen drauf: Zwar habe Napoleon 1810 den Zustand beendet, zweifelsfrei stehe aber noch heute fest: „Ihr seid alle Württemberger!“ Nun ist das Raunen im Saal deutlich lauter als das Gelächter. Die närrische Tonlage hat der Gast auf jeden Fall getroffen.

Das Dreikönigstreffen in Stockach ist der Anfang einer Art Abschiedstournee für den Politiker Günther Oettinger. Der frühere Ministerpräsident Baden-Württembergs und aktuelle EU-Kommissar für Haushalt und Personal hat angekündigt, er höre mit Ende seiner Amtszeit dieses Jahr in Brüssel auf: „Lass es jemand anderen machen“, sagte der 65-Jährige, „ich möchte noch einmal etwas Neues in der Privatwirtschaft anfangen.“

„In Stuttgart ist ja nichts los.“

Bis dahin wird Oettinger wie gewohnt an Wochenenden Brüssel den Rücken kehren und Kilometer um Kilometer übers Land fahren, Lokalpolitiker besuchen, an Stammtischen sitzen, auf Bürgerversammlungen reden und während der Fasnacht möglichst viele Termine und Treffen wahrnehmen, vor allem in Oberschwaben: „Ich bin ein Bad Waldseer – in der Fasnet“, sagt er der „Schwäbischen Zeitung“. Die Verbundenheit mit den dortigen Narren begann zu seiner Zeit als Landtagsabgeordneter und hat sich bis heute gehalten, aus gutem Grund: „In Stuttgart ist ja nichts los.“

Auch in Stockach ist Oettinger ein bekanntes Gesicht. „1986/87 hat mich mein Freund Gerhard Mayer-Vorfelder – ein Liberaler – erstmals mitgenommen.“ Er erinnere sich an drei Schachteln Roth-Händle (Mayer-Vorfelder) und ausreichend Wein. „Es war ein langer Abend – und eine lange Nacht.“ Später kam er wieder, wurde zum sogenannten Laufnarr geschlagen (diese Ehre wurde nun seinem Sohn Alexander zuteil), 2007 war er schließlich Beklagter vor dem Narrengericht, verbunden mit einer Weinstrafe in Höhe von 240 Litern. „Die Höchststrafe für einen Politiker ist es jedoch, niemals vor dem Narrengericht zu stehen“, sagt Oettinger. Die Worte darf man ihm getrost glauben.

Das Bürgerhaus ist an diesem Tag festlich geschmückt, der Saal abgedunkelt, auf den Tischen stehen Kerzen. Der helle Klang der Schellen an den Narrenkappen bildet den Grundton dieser „sehr würdigen“ Veranstaltung, wie Narrenrichter Koterzyna sagt, der auch von einem „Staatsakt“ spricht. Diese Mischung aus Ironie und Ernsthaftigkeit ist typisch und gewollt, das Dreikönigstreffen fühlt sich an wie die humorvolle Jahreshauptversammlung des Steuerbundes. Der Ehrengast nimmt die nicht enden wollenden Begrüßungen von Schulleitern und Feuerwehrleuten, die Verlautbarungen, die Ehrungen und Orden für verdienstvolle Narren mit Gelassenheit und Selbstverständnis hin. In seiner Rede wird er sagen: „Gut, dass ihr traditionsbewusst seid.“

An solchen Tagen und an diesem Ort ist Günther Oettinger in seinem Element. Hier akzeptieren die Menschen seinen Dialekt, hier sind seine Freunde, seine Heimat. Der Rest von Deutschland, ja, bisweilen der Welt, blickt anders auf den EU-Kommissar. Nur wenige deutsche Politiker wurden in ihrer Laufbahn so dem Spott ausgesetzt wie Oettinger. Das Video seiner auf Englisch gehaltenen Rede mit schwäbischer Schieflage ist ein Internet-Hit und wird bis heute von Kabarettisten genussvoll zitiert. Dazu kommt eine lange Liste an, na ja, Fettnäpfchen. Einen unsouveränen Umgang mit den vermeintlichen Verfehlungen kann man ihm aber nicht vorwerfen.

So musste sich Oettinger vor einigen Jahren als designierter EU-Digitalkommissar den Fragen des EU-Abgeordneten und Spaßpolitikers Martin Sonneborn („Die Partei“) stellen. Dieser fragte Oettinger, was denn mit den (digitalen) Informationen geschehe etwa über seinen früheren alkoholbedingten Führerscheinentzug? Oder seine umstrittenen Äußerungen zur Nazi-Vergangenheit des einstigen Ministerpräsidenten Baden-Württembergs, Hans Filbinger? Dass seine Freundin in Stuttgart 21 ein Einkaufszentrum eröffnen wolle? Und: „Können sie diese Frage bitte auf Englisch beantworten?“ Oettinger reagierte cool. Seine Antwort schloss er so: „Wer in der Politik ist, muss sich an seinen Erfolgen und Misserfolgen lebenslang messen lassen. Das respektiere ich.“

Ähnlich äußert er sich in Stockach, angesprochen auf den Spott, dem er oft ausgesetzt sei: „Ich mag das. Es kommt ja meist nicht mit dem Säbel, sondern mit dem Florett.“

Problematisch ist womöglich, dass Oettinger manchmal weder Säbel noch Florett benutzt, sondern verbal das Beil auspackt. Wenn er einmal Italien wegen der Finanzpolitik brandmarkt, ein anderes Mal Chinesen als „Schlitzaugen“ bezeichnet oder dann von einer „Pflicht-Homoehe“ schwadroniert. 2017 sagte er dazu: „Es war und ist nicht meine Absicht, irgendjemanden mit Bemerkungen zu verletzen.“ Er bedauere „diese Ausdrücke von damals ausdrücklich“.

Wider dem Populismus

Die einen werden ihm diese Einsicht abnehmen, andere ihn nach wie vor für einen „unverbesserlichen Dumm- schwätzer“ („Süddeutsche Zeitung“) halten. Dabei erfüllt er eigentlich das, was viele Menschen von Politikern erwarten: eine ungeschönte, kantige und klare Ansage, ehrlich und bestenfalls mit einer Portion Humor. Nur ist es manchmal wohl diese Überdosis von allem, die Kopfschmerzen bereitet. Und die in der oberflächlichen Betrachtung überdeckt, dass Günther Oettinger schon immer ein leidenschaftlicher Politiker und Europäer war.

Davon können sich auch die Besucher in Stockach überzeugen. „Die nächsten Jahre werden die schweren“, sagt der EU-Kommissar in seiner Rede. Unklar sei, „ob die deutsche Autoindustrie bestehen bleibt“. Zudem, wie es weitergehe mit Trump, Putin oder Erdogan. „Wenn wir die Welt mitprägen wollen, müssen wir Europa stärken – und nicht den Populismus und den Neo-Nationalismus.“

Und: „Wir alle sind als Demokraten hier in Stockach“, einer liberalen Gesellschaft mit Meinungsfreiheit und parlamentarischer Demokratie, mit einem einheitlichen Wertesystem, in Frieden und im sozialem Wohlstand. „Wir sind die glücklichste Generation, die es jemals gab.“ Applaus einer Narrengemeinschaft, die am Ende dieses würdevollen Abends auch etwas nachdenklich wirkt.

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