Stefan Lanka spricht vor dem Landgericht Ravensburg mit Journalisten.
(Foto: dpa)
Hagen Schönherr

100000 Euro muss der Impfgegner und Masernvirus-Leugner Stefan Lanka an den Mediziner David Bardens zahlen. Das hat das Landgericht Ravensburg am Donnerstag im sogenannten Masernprozess entschieden, nachdem Bardens die von Lanka bezweifelte Existenz eines Masernvirus vor Gericht bewiesen hatte. Einen Tag nach dem Urteil gibt sich der Langenargener Biologe wieder kampfbereit – und erklärt in einem Vortrag, dass nicht nur das Masernvirus ein Mythos sei, sondern HIV und Ebola gleich mit.

Im Kavalierhaus von Langenargen, am Bodenseeufer der 8000-Einwohner-Gemeinde gelegen, geht es am Freitagabend um Historisches. Dort, wo König Karl I von Württemberg einst Bananen und Blutbuchen anpflanzen ließ, steht Stefan Lanka in weißem Hemd und schwarzer Hose vor rund 40 Zuhörern und erklärt die ganz großen Zusammenhänge der Geschichte. Im Schweinsgalopp führt der Mann, der vor vielen Jahren Biologie studierte, durch die Jahrhunderte, dass einem schwindlig werden könnte. Das soll es auch.

Eben hat Lanka noch von den Ursprüngen des Vatikanstaats gesprochen, schon ist er beim „Deutschen Reich Heiliger Nation“ angekommen – das eigentlich „Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation“ heißt, aber sowas kann ja mal passieren. Er spricht von einem Jahrhunderthochwasser im Jahr 1329, einem Riesenerdbeben kaum 20 Jahre später, dem Standardwerk der Hexenverfolgung, dem „Hexenhammer“ von 1486, von steigenden Zahlen von Antichristen und landet nach einem Ausflug zur Vier-Säfte-Lehre irgendwann im 19.Jahrhundert beim berühmten deutschen Arzt Rudolf Virchow.

Der soll von zwei jüdischen Medizinern eine wichtige wissenschaftliche Arbeit abgeschrieben haben, und jetzt haben wir den Salat: „Die westliche Medizin basiert auf einem Plagiat“, sagt der Mann. Aber was noch viel schlimmer sei: Irgendwie habe dieser Virchow dafür gesorgt, dass die Medizin noch heute, mehr als 100Jahre später, an die Existenz von Viren glaube.

Seminare für 90 Euro am Tag

Stefan Lanka hält die Idee der Existenz von Viren allerdings für ausgemachten Blödsinn. Er tritt am Freitag zum wohl x-ten Mal an, um seinen Anhängern und solchen, die es werden könnten, diese Wahrheit, seine Wahrheit, zu „erklären“. Man könnte auch sagen: einzuimpfen. Aber Impfen lehnt der 51-Jährige ab, weil man ja nicht etwas behandeln kann, das es gar nicht gibt. Außerdem seien Impfstoffe so etwas wie pures, mitunter tödliches Gift.

Die vermeintliche Wahrheit über moderne Wissenschaft und Medizin gibt es bei Stefan Lanka einzukaufen: Neun Euro kostet der Eintritt zum Vortrag „über den Masern-Prozess und die Virus-Beweisfrage“ am Freitag. Wer tiefer in die Materie einsteigen will – und viele seiner Anhänger wollen das –, bucht am besten zwei Seminare zum Thema am Samstag und Sonntag bei Lanka dazu. Die kosten pro Tag und Person 90 Euro.

Das Geld könnte Lanka brauchen. Schließlich war er am Donnerstag zur Zahlung von 100000 Euro an den jungen Arzt David Bardens verurteilt worden. Bardens hatte an einer Ausschreibung von Lanka im Internet teilgenommen. 100000 Euro wollte der demjenigen zahlen, dem es gelinge, Existenz und Größe des Masernvirus zu belegen. Bardens suchte also entsprechende Studien zusammen, sandte sie Lanka zu – und erhielt erstmal nichts. Jetzt, in einem aufsehenerregenden Prozess vor dem Landgericht Ravensburg, wurde Lanka verurteilt, Bardens’ wissenschaftliche Beweise anzuerkennen.

Dass dies alles natürlich Unrecht ist, darüber gibt Lanka am Freitag in Langenargen bereitwillig Auskunft. Erst nimmt Lanka gar Bardens in Schutz, der ja nichts dafürkönne, dass sein im Medizinstudium auswendig gelerntes Wissen durchweg falsch sei. Dann stichelt er gegen den Richter, der seine Kinder gewiss habe impfen lassen – ob das stimmt und was es mit dessen Urteilsvermögen zu tun haben soll, bleibt offen. Der Gutachter im Verfahren habe ohnehin alle wissenschaftlichen Sorgfaltspflichten beiseite gewischt. Am Ende sagt Lanka: „Ich bin sicher, ich werde das nie zahlen müssen“. Er wolle den Schlagabtausch mit Bardens zur Not bis zum Bundesgerichtshof in Karlsruhe durchziehen – dort hätten die Richter bestimmt „mehr Distanz“.

„Oh, wie cool“

Als Lanka im Vortrag verspricht, er werde in seinem Seminar am Samstag und Sonntag die wissenschaftlichen Studien aus dem Gerichtsprozess vorlegen, gerät eine Zuhörerin geradezu in Verzückung. „Oh, wie cool“, ruft die Frau, die nach eigener Aussage aus Frankfurt angereist ist, um Lankas Ausführungen zu lauschen. Später rühmt sie sich, wie sie durch ein von ihr betreutes Internetblog und Facebook-Aktivitäten junge Mütter dazu bringt, ihre Kinder nicht zu impfen. Wenn Lanka sagt: „Lernen Sie, das anderen beizubringen“, folgen ihm seine Anhänger stehenden Fußes.

Spätestens jetzt wird klar, dass Lankas pseudowissenschaftlicher Unsinn nicht auf die leichte Schulter zu nehmen ist – er hat mitunter gefährliche Folgen. Der Medienwirbel um das im Februar an Masern gestorbene Kind in Berlin lässt die meisten Zuhörer bei Lankas Vortrag übrigens kalt: Schuld seien nicht die Masern gewesen, sondern gar eine Masernimpfung selbst, heißt es irgendwann im Saal.

Fakten und Unsinn

Da ist der Höhepunkt an Absurditäten beim Vortrag noch lange nicht erreicht. Immer wieder führt Lanka seine Zuhörer in die vermeintlichen Tiefen modernen medizinischen Irrglaubens. Geschickt vermengt er wissenschaftliche Fakten und Namen mit hanebüchenem Unsinn. Selbst für Fachleute dürfte am Ende kaum nachvollziehbar sein, was eigentlich womit zusammenhängen soll. So trifft er bei seinem Publikum stets den richtigen Nerv und scheut sich nicht einmal, die Strategie der Gehirnwäsche offen preiszugeben: „Man kann so leicht mit Angst und Emotionen arbeiten“, sagt er – und meint damit natürlich seine Gegner in Politik, Wissenschaft oder sonstwo.

Impfen für die Wehrmacht

„Das ganze Leben hängt an der Nukleinsäure“, den Bausteinen der menschlichen Erbsubstanz, ist so ein Satz von Lanka, der zweifelslos richtig ist. Was das mit der Behauptung zu tun hat, „Chemo- und Strahlentherapie“ seien „nicht zu rechtfertigen“, warum deshalb etwa „mit Aids etwas offensichtlich nicht stimmt“, Krankheiten ausschließlich Folgen unbewältigter Traumata seien und weder Masern noch Aids ansteckend seien – es bleibt Lankas Geheimnis.

Im einen Moment spricht Lanka von Experimenten der Nazis an KZ-Insassen, um für die Wehrmacht Impfstoffe zu entwickeln. Im nächsten berichtet er von den Lehren des im Vergleich zu ihm noch umstritteneren Begründers der sogenannten „Neuen Germanischen Medizin“, Ryke Geerd Hamer – ein Esoteriker, Wunder-Krebsheiler und Antisemit. Lanka: „Hamer ist mir persönlich unangenehm. Aber ich muss zwischen Person und Lehre trennen.“ An welcher „weltweit besten“ Krebsklinik er auf Hamers hochgefährliche Krebsheilungsmethoden gestoßen sein will – das gibt Lanka auch auf Nachfrage nicht preis.

Dem Langenargener Biologen Dummheit oder Unwissen vorzuwerfen, wäre falsch. Sein Vortrag am Freitag und seine Verschleierungstaktiken sind rhetorisch brillant, die Verwirrung des gläubigen Publikums gelingt nach dem Motto: Eine Lüge versteckt sich noch immer am besten zwischen zwei Wahrheiten.

Ebola? Nein, Durchfall

Ins Schwimmen gerät Lanka daher erst, als die Thesen völlig abseitig werden. Ob es Ebola nicht gebe, fragt jemand aus dem Publikum. Nein, alle vermeintlichen Ebola-Opfer seien wahrscheinlich an Durchfall gestorben, sagt Lanka. In Afrika sei doch praktisch jeder durch Krieg und Katastrophen traumatisiert.

Die Epidemie – ein psychosomatischer Ebola-Durchfall? Warum er innerhalb kürzester Zeit Tausende befällt, wird von Lanka mit keinem Wort erklärt. Ob er also ein Ebola-Opfer auch ohne Schutzanzug behandeln würde, fragt einer der wenigen Kritiker im Publikum. Lanka verstummt. Und wackelt dann nur unmerklich mit dem Kopf. Im von Ebolagebieten weit entfernten Langenargen wird er seinen Jüngern die Konsequenzen seiner Lehren ja nicht in der Realität beweisen müssen.

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