Land will Konsequenzen aus Amoklauf ziehen

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Land will Konsequenzen aus Amoklauf ziehen Sonderausschuss zu Amoklauf von Winnenden legt Bericht vor
Land will Konsequenzen aus Amoklauf ziehen Sonderausschuss zu Amoklauf von Winnenden legt Bericht vor

Ein Jahr nach dem Amoklauf in Winnenden hat der Sonderausschuss des Landtags in seinem Abschlussbericht politische Konsequenzen verlangt. Zum Jahrestag des Massakers mit 16 Toten stimmt das Parlament am Donnerstag (11. März) über die Vorschläge ab.

Welches sind die wichtigsten Empfehlungen des Ausschusses?

An den Südwest-Schulen sollen künftig doppelt so viele Psychologen arbeiten. Schon in diesem Jahr werden 30 zusätzliche Schulpsychologen eingestellt, 70 weitere folgen. - Für Beratungslehrer und Gewaltpräventionsberater sollen 250 zusätzliche Stellen entstehen. - Ein verbindliches Anti-Gewalt-Programm soll Kindern und Jugendlichen an allen Schulen helfen, sich aufgehoben und unterstützt zu fühlen. - Baden-Württemberg soll die Alarmsignale an den Schulen vereinheitlichen: So soll es einen Ton geben für das Kommando „Verriegeln, alle im Klassenzimmer bleiben“ sowie einen für die Aufforderung, die Klassenräume zu verlassen. - An einer Südwest-Hochschule soll ein neuer Studiengang Schulpsychologie das akademische Wissen über psychische Auffälligkeiten bei Schülern vertiefen.

Wie viel Geld kostet die Umsetzung der Vorschläge?

Sie würde das Land 30 Millionen Euro kosten - der größte Teil davon wäre jährlich zu zahlen. Voraussichtlich erst in drei bis fünf Jahren könnten alle Vorschläge realisiert werden.

Gab es Meinungsunterschiede zwischen den Fraktionen?

Die Fraktionen, die den Ausschuss gemeinsam eingesetzt hatten, konnten sich nicht bei allen Themen einigen. So lehnt die CDU/FDP- Koalition das von SPD und Grünen geforderte Verbot großkalibriger Waffen in Privatbesitz ab. Grüne und SPD fordern außerdem, dass das Land die derzeit von den Kommunen getragene Schulsozialarbeit wieder mitfinanziert. Die Grünen wollen die Zahl der Schulsozialarbeiter mittelfristig auf 2500 verfünffachen. Einem Verbot von Killerspielen stehen FDP und Grüne skeptisch gegenüber, CDU und SPD sind dafür.

Welche Erkenntnisse hat der Ausschuss über die Tat gewonnen?

Während der Arbeit sei klar geworden, dass ein Amoklauf nie eine Kurzschlusshandlung sei, sagte der Ausschussvorsitzende Christoph Palm (CDU) am Dienstag: „Da gibt es eine lange Kausalkette.“ Am Anfang steht demnach, dass junge Menschen sich viel schneller als andere gekränkt fühlen. Die empfundenen Verletzungen führen dazu, dass ein potenzieller Täter sich mit anderen Amokläufen befasse und dann einen erweiterten Selbstmord plane. „Er möchte abtreten von dieser Welt mit möglichst großer Aufmerksamkeit.“ Dabei sende der Betroffene immer wieder Signale aus, die möglichst früh erkannt werden müssten, sagte Palm. „Eines der Schlüsselworte ist, das Auffällige im Unauffälligen zu finden.“

Was war das Ziel des Ausschusses?

Den Mitgliedern des Gremiums war klar, dass ein Amoklauf letztlich nicht verhindert werden kann. Aber es ging den Politikern darum, ihn unwahrscheinlicher zu machen. „Wir müssen uns damit abfinden, es gibt kein einheitliches Täterprofil. Wir müssen uns infolgedessen damit abfinden, dass wir keine zielgerichtete Amokprävention machen können“, räumte Sabine Kurtz von der CDU ein. „Es gibt nicht den Knopf, an dem wir drehen können, und so was kommt nie wieder vor.“

Was sagt die Landesregierung zu den Vorschlägen?

Kultusministerin Marion Schick (CDU) begrüßte den Wunsch nach mehr Fachpersonal an Schulen. Sie kündigte zugleich an, dass das Land den Umbau der Winnender Albertville-Realschule nach dem Amoklauf mit drei Millionen Euro unterstützt. Der Bund trägt in gleicher Höhe dazu bei.

Was sagen Polizei und GEW?

Der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, lobte die Vorschläge: „Es ist gut, dass keine gesetzgeberischen Schnellschüsse gefordert werden. Entscheidend sind Maßnahmen, die auf lange Sicht an Schulen ein angstfreies und faires Miteinander unter Schülern, Lehrern und Eltern entstehen lassen.“ Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) plädiert wie die Opposition für mehr Schulsozialarbeiter, jede Schule müsse mindestens eine Stelle haben.

Vorab war bekanntgeworden, dass es das Land bis zu 20 Millionen Euro kosten könnte, die rund 100 Maßnahmen in acht Handlungsfeldern umzusetzen. Unter anderem soll die Zahl der Schulpsychologen von 100 auf 200 verdoppelt werden. Die weiteren Forderungen sollen am ersten Jahrestag des Amoklaufs an diesem Donnerstag im Landtag beschlossen werden. Im Sommer soll dafür ein Nachtragshaushalt verabschiedet werden.

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