Brummi-Beifahrer Winfried Kretschmann: Der grüne Ministerpräsident ist von der neuen Technik begeistert.
(Foto: Roland Rasemann)
Klaus Wieschemeyer

Winfried Kretschmann geht es an diesem sonnigen Oktobertag an der Raststätte Denkendorf nicht nur um einen 40-Tonner, der mal eben ein Stückchen über die Autobahn 8 zuckelt. Es geht dem Ministerpräsidenten Baden-Württembergs um mehr: Um den Pioniergeist Gottlieb Daimlers, um Technologieführerschaft, Wohlstand, Arbeitsplätze – um das, was den Südwesten stark macht. Sogar um Flüchtlinge. Irgendwie geht es gerade ums große Ganze.

Und so nutzt der Ministerpräsident die Autobahnpremiere des ersten teilautonom fahrenden Lastwagens von Daimler zu einem derart überschwänglichen Loblied auf den Konzern mit dem Stern, dass sich auswärtige Journalisten fragen, ob da wirklich ein Politiker der Grünen am Rednerpult steht. Nach einem ausdrücklichen Danke für das Engagement der Untertürkheimer in der Flüchtlingskrise gibt es warme Worte für den Marktführer bei autonomen Lkw. Autonom fahrende und vernetzte Fahrzeuge „verbessern den Verkehrsfluss und können entscheidend dazu beitragen, Staus zu vermeiden“, schwärmt der Ministerpräsident.

Er erwarte weniger Spritverbrauch, weniger Emissionen und mehr Sicherheit. Und bessere Arbeitsbedingungen für Lkw-Fahrer, die künftig entspannter auf Tour gehen könnten. Da müsse die Politik einfach mitmachen: Das Land Baden-Württemberg unterstütze die Entwicklung des autonomen Fahrens, will im nächsten Nachtragshaushalt Geld für die Einrichtung eines eigenen Testgebiets festschreiben. In diesem noch nicht festgelegten Areal soll autonomes Fahren auf Autobahnen, Landstraßen und im Stadtverkehr getestet werden.

„Ich denke, wir stehen voll dahinter“, sagt Kretschmann. Die vielen offenen Fragen zum autonomen Fahren sollen dann geklärt werden, wenn die Technik so weit ist. Gleichzeitig warnt er die eigene Zunft vor Bedenkenträgerei: „Wir müssen es so machen, dass nicht zum Schluss die Politik das bremst.“

Zum Amtsantritt Frühjahr 2011 hatte der heutige Daimler-Markenbotschafter noch völlig anders geklungen: „Weniger Autos sind natürlich besser als mehr“, hatte der designierte Ministerpräsident der verärgerten Branche zum Amtsantritt erklärt. Und den stolzen Porsche-Ingenieuren beschied er, man sitze in den Sportwagen aus Zuffenhausen einfach „zu tief“. Das kam in etwa so an, als wenn er beim Anblick der Mona Lisa gesagt hätte, dass ihm der Bilderrahmen nicht gefällt.

Heute wirken die Sätze wie aus einem anderen Zeitalter: Ein „libidinöses Verhältnis“ zum Auto pflegt Kretschmann eigenen Worten zufolge zwar noch immer nicht. Doch es hat sich etwas Grundsätzliches geändert: Heute betont der Ministerpräsident immer wieder, wie zukunftsweisend die Autobauer im Südwesten sind – und dass jeder vierte Arbeitsplatz hierzulande am Auto hängt.

Ein Autogipfel mit dem Grünen

Und das macht dem Ministerpräsidenten gerade große Sorgen: Zwei Tage vor der Lkw-Premierenfahrt in Denkendorf ist er beim baden-württembergischen Genossenschaftsverband in Stuttgart. Er ist spät dran an diesem Abend, weil der Innenstadtverkehr dank einer Stuttgart-21-Demo zusammengebrochen ist. Es gibt eine vorgeschriebene Rede, doch daran hält sich Kretschmann nur kurz. Dann verlässt er das Manuskript und spricht frei über das, was ihn gerade bewegt: Der Abgas-Skandal bei Volkswagen sei ein „Desaster ersten Ranges“ auch für Baden-Württemberg. VW habe das Vertrauen in die gesamte Branche und in das Markenzeichen „made in Germany“ erschüttert. Angesichts der Flüchtlingskrise könne das Land wirklich nicht eine zusätzliche Autokrise brauchen. „Wir haben gerade genug Probleme“, sagt Kretschmann.

Nun soll es einen Autogipfel mit dem Ministerpräsidenten geben. Wohlgemerkt: Nicht in Niedersachsen, wo die Landesregierung sogar direkt an VW beteiligt ist. Tatsächlich hat sich Kretschmann in Sachen Autoliebe sogar vom eigenen Koalitionsvertrag verabschiedet. Dort hatten Grüne und SPD 2011 festgeschrieben, den bundesweiten Feldversuch zur Einführung von Lang-Lkw zu boykottieren. Vier Jahre später ist Baden-Württemberg doch dabei. „Wir sind ja schließlich offen und Argumenten zugänglich“, sagt Kretsch-mann nach einer Intervention von Daimler.

Und als der grüne Verkehrsminister Winfried Hermann in diesem Sommer angesichts der anhaltend katastrophalen Luftqualität am Stuttgarter Neckartor wechselseitige Fahrverbote für Autos mit geraden und ungeraden Kennzeichen anregt, sammelt Kretschmann den Vorschlag schnell wieder ein. „Wir tun alles, um diesen Schritt zu vermeiden“, sagt der Ministerpräsidenten-Winfried über die Idee des Verkehrsminister-Winfrieds.

Alles Strategie? Auch. Kretsch-mann will Ministerpräsident aller Baden-Württemberger sein und bleiben. Gegen die Autoindustrie geht das nicht. Und nur allzu gerne wollen die Südwest-Grünen bundesweit mit Wirtschaftskompetenz glänzen – auch wenn der zuständige Minister Nils Schmid heißt und bei der SPD ist. Doch steckt auch weit mehr dahinter: Kretschmann hat sich bei seinen Firmenbesuchen bei den Daimlers, Boschs, ZFs und Mahles im Land anstecken lassen vom Pioniergeist der Entwickler. Er ist sichtlich beeindruckt von den Visionen für die Mobilität von morgen, saugt die Informationen und Ideen regelrecht auf. Vernetzte Autos können demnach nicht nur Unfälle vermeiden, einen Parkplatz suchen oder sich eigenständig zum Reifenwechsel anmelden. Sie sind eine Armada mobiler Sensoren und Batterien, die den Verkehr steuern, das Wetter messen, einsame Straßen beleuchten und überschüssigen Windstrom speichern.

Kretschmann ist beeindruckt, wie die Branche Millionen in die Zukunft der Mobilität steckt. Und entsprechend genervt, wenn er sich nach dem Besuch einer solchen Innovationsschmiede vor der mäkelnden Landespresse ausgiebig für einen einzigen Hubschrauberflug rechtfertigen muss. International interessiert sich niemand für einen Hubschrauberflug, für verunglückte Bildungspläne oder die Kennzeichnung von Polizisten. Doch der Regierungschef aus der Heimat von Daimler, Bosch und Porsche ist ein weltweit gern gesehener Gesprächspartner.

Der Gymnasiallehrer Kretsch-mann kann lange darüber referieren, wie das Internet der Dinge die Welt revolutionieren wird und intelligente Verkehrsmittel unser Leben verbessern können. Es geht um Industrie 4.0, um Milliarden, um große Linien: darum, ob die Autos der Zukunft von Porsche, Audi oder Daimler kommen. Oder von Google und Apple. Und darum, ob die nächste Garagenfirma, die die Welt mal wieder verändern wird, im Silicon Valley in Kalifornien oder in einem Schwarzwaldtal steht. Sowieso: Eine der ersten „Garagenfirmen“ sei ein Gewächshaus an der Taubenheimstraße in Bad Cannstatt gewesen: Darin entwickelten Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach bis 1883 den ersten schnell laufenden Viertaktmotor – und veränderten so die Welt.

Vor fünf Monaten war Kretsch-mann im Silicon Valley. Beim dortigen Daimler hatte er eine autonom fahrende S-Klassen-Limousine getestet. „Ich war geplättet, dass der Fahrer nicht einmal nach dem Steuer greifen musste“, sagt er. Das ist in Denkendorf anders. Zwischendurch muss Daimler-Lkw-Vorstand Wolfgang Bernhard ans Steuer greifen, weil der 40-Tonner bei Baustellen menschliche Hilfe anfordert. Doch die meiste Zeit plaudert Bernhard mit Kaffeebecher in der Hand mit seinem begeisterten Nebensitzer Kretschmann, während der Lastwagen autonom über die A 8 Richtung Stuttgarter Flughafen schnurrt. „Wir fühlen uns erstens gut und zweitens sicher“, erklärt Kretschmann mit Kaffeebecher in der Hand.

Einsilbige Reaktion

Nach der kurzen Tour von der Autobahnraststätte Denkendorf zum Stuttgarter Flughafen und zurück fühlt sich der Ministerpräsident sogar an die Zeiten Gottlieb Daimlers erinnert. „Klasse!“, schwärmt Winfried Kretschmann. „Bei so einer Pionierfahrt dabei zu sein ist ein Erlebnis, das man nicht wieder vergisst.“ Man stehe am Beginn eines neuen „Automobil- und Lkw-Zeitalters“.

Als ein Journalist fragt, ob intelligente Lkw nicht die von den Grünen geforderte und im Koalitionsvertrag festgeschriebene Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene bremsen würden, wird Kretschmann einsilbig. Die Frage sei derartig „weit hergeholt“, dass er sich damit noch nicht beschäftigt habe. Es gehe gerade um die Vorteile des autonomen Steuerns. „Welche Güter auf der Bahn oder auf dem Lkw fahren, hat damit erst mal gar nichts zu tun.“

Weitere Bilder und ein Video unter

schwaebische.de/autonomer-lkw

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