Mehr als 2800 Funde haben die Archäologen unter der Sülchenkirche freigelegt.
Mehr als 2800 Funde haben die Archäologen unter der Sülchenkirche freigelegt. (Foto: Landesamt für Denkmalpflege)
Schwäbische Zeitung

Ausgrabungen unter der Sülchenkirche in Rottenburg belegen 1500 Jahre Bestattungskultur. Das ist einmalig in Südwestdeutschland.

Vorsichtig legt Restauratorin Simone Korolnik den Beinkamm aus dem Frühmittelalter unter das Mikroskop. 125-fach vergrößert wirken die äußerst zerbrechlichen Zacken des Kamms plötzlich so strapazierfähig. Mit viel Fingerspitzengefühl und mindestens genauso viel Geduld säubert sie den Gegenstand aus Elfenbein, der einst einem reichen Mädchen gehörte. Er ist umschlossen von Erdreich, welches ihn über mehr als 1400 Jahre zusammenhielt und vor Witterungseinflüssen schützte. „Dreck ist nicht gleich Dreck. Er kann auch ein wichtiger Stabilisator sein – gerade für uns Restauratoren“, erklärt Korolnik ihre Arbeit. Sie und zwei weitere Kolleginnen des Landesamts für Denkmalpflege in Tübingen restaurieren derzeit mehr als 2800 Funde aus einer der ältesten christlichen Stätten im Südwesten. „Unschätzbare Kostbarkeiten“ in zweierlei Hinsicht für die katholische Kirche in Württemberg: Zum einen stärken die Funde die Sülchenkirche in ihrer Bedeutung als Bischofsgruft, zum anderen könnten Katholiken mit Rottenburg als Bischofsstadt endlich ihren Frieden finden.

Kellerschwamm und Schimmel

Eigentlich wollte die Diözese Rottenburg-Stuttgart nicht mehr, als die Bischofsgruft unter der Sülchenkirche im Nordosten Rottenburgs erweitern und sanieren. Das Wasser stand je nach Witterung knöcheltief, die um das Jahr 1869 gebauten Grabkammern waren von Kellerschwamm und Schimmel befallen. 2011 ließ die Diözese die Leichname der Bischöfe – neun Oberhirten wurden unter der spätgotischen Friedhofskapelle bislang beigesetzt – umbetten. Archäologen begannen ein Jahr später mit ihren Untersuchungen – und erlebten eine Überraschung nach der anderen: Erst stießen sie auf eine dreischiffige Vorgängerkirche aus dem neunten Jahrhundert, legten in den vergangenen drei Jahren knapp 300 Gräber aus dem Frühmittelalter bis zur Barockzeit frei, und fanden Fundamente einer weiteren Kirche aus dem 6. Jahrhundert. Doch der bedeutendste Fund für die Experten: ein Mädchengrab aus der Zeit um 600 nach Christus.

Gürtelgehänge als Grabbeigabe

Eine einfache Haarnadel, eine Perlenkette, zwei Beinkämme, ein kleines Keramikgefäß, eine Fleischbeigabe sowie ein Gürtelgehänge bekam das Mädchen aus der Oberschicht mit in ihre letzte Ruhestätte. Für Archäologen und Wissenschaftler dabei besonders interessant: das Gürtelgehänge. Zu diesem gehörte eine kleine durchbrochene Bronzescheibe, die man als Radkreuz deuten kann. „Dabei könnte es sich möglicherweise um ein christliches Symbol handeln“, sagt Archäologin Beate Schmid. Sie leitet die Ausgrabung und Restauration. „Es könnte aber auch nur ein vierspeichiges Rad sein“, relativiert sie sogleich. Ein weiterer Fund, wie jener einer spätantiken Goldmünze auf dem Kinn des Kindes, stützen zwar die Theorie, dass das Mädchen Christin war, aber die Tübinger Archäologen bleiben in diesem Punkt zurückhaltend. Fest steht jedoch: Sülchen habe eine mehr als 1500 Jahre alte, ununterbrochene Bestattungstradition, erläutert Beate Schmid. Beleg dafür seien entdeckte Gräber aus der Merowingerzeit. Sie sagt: „Das ist einmalig im südwestdeutschen Raum.“

Bis zum Frühjahr dieses Jahres gruben sich die Archäologen unter der Sülchenkirche durch die Geschichte. Mit den Ausgrabungen allein ist es aber nicht getan. „Wir sind mit unseren Untersuchungen noch lange nicht fertig, es geht jetzt hier in der Restauration weiter“, sagt Schmid.

Noch eineinhalb Jahre Arbeit

Im Erdgeschoss des Regierungspräsidiums Tübingen in der Alexanderstraße haben die Restauratorinnen der Denkmalpflege ihren Arbeitsplatz. Mit Mikroskop, filigranen Hilfsmitteln wie Pinsel, Skalpell und Holzspachtel sowie kleinen Fläschchen gefüllt mit Lösemittel säubern sie die Funde erst, danach stabilisieren sie die Schätze aus der Erde mit Klebstoff. Einzelne Tropfen des Stabilisators sind jedoch kaum für das bloße Auge erkennbar, einzig unter dem Mikroskop mit starker Vergrößerung funkeln sie wie kleine Kristalle. „Die Funde sollen später so stabil sein, dass sie Archäologen für wissenschaftliche Untersuchungen oder Ausstellungen bedenkenlos anfassen können. Sie sollen ja nicht auseinanderbrechen“, erzählt Restauration Simone Korolnik. Bis zu einer Woche kann es dauern, bis beispielsweise der Beinkamm aus dem Mädchengrab, der zurzeit unter ihrem Mikroskop liegt, vollständig restauriert sein wird. Bis alle Funde aus Sülchen bearbeitet sind, werden schätzungsweise noch eineinhalb Jahre vergehen.

Die Arbeit der Restauratorinnen ist ein Stück weit das Zusammensetzen eines großen, aus vielen Einzelteilen bestehenden Puzzles. Gleichzeitig geht es aber auch um Spurensuche. So bekommen die Restauratorinnen Gegenstände in die Hände, bei denen sie auf ausgefeiltere Technik zurückgreifen müssen. Bei einem Reliquiar stellten sie sich die Frage: Was sich darin wohl befinden mag? Einfach öffnen – zu gefährlich. Könnte der kostbare Schatz doch beschädigt werden. Sie röntgten das Gerät – und bekamen damit einen Einblick in das künstlerisch gestaltete Behältnis für Reliquien: ein Doppelkreuz, ein Sebastianspfeil und ein Amulett befanden sich darin. „Die Funde unter der Sülchenkirche sind sehr spannend für uns. Das ist nicht der Alltag“, erzählt Simone Korolnik. Das Skurrilste, was sie aus Sülchen bearbeitete, war ein sogenanntes Fontanellenblech. Die Archäologen entdeckten das Blech, welches mittels eines Lederbandes am Oberarm eines Mannes befestigt war, in den untersuchten Gräbern. „Es diente quasi für einen immerwährenden Aderlass. Das war damals eine sehr beliebte Heilmethode“, sagt Korolnik.

Ein Aderlass in finanzieller Hinsicht sind die Kosten für das Land Baden-Württemberg und die Diözese Rottenburg-Stuttgart. Wie viel die beiden Einrichtungen am Ende für Ausgrabung und Restauration berappen müssen, kann Beate Schmid bislang nicht sagen. Fest steht aber: Die Kirche muss die Ausgrabung bezahlen, das Land die Folgekosten wie Restauration und wissenschaftliche Untersuchungen.

Egal, wie hoch die Kosten letztlich sein werden – der symbolische Wert der Funde dürfte vor allem für das Bistum Rottenburg-Stuttgart weitaus höher liegen. „Diesen Wert kann man nicht hoch genug einschätzen, es ist ein außerordentliches Geschenk für unsere Diözese“, sagte Bischof Fürst der Deutschen Presse-Agentur. Ein Geschenk, das Rottenburg nach knapp 200 Jahre als Bischofsstadt eine bedeutendere Historie beschert, die viele Katholiken in anderen Städten oder Gemeinden im Südwesten sahen. Denn dass Rottenburg Bischofsstadt für knapp 1,9Millionen Katholiken in Württemberg wurde, ist mehr politischen Wirren während der napoleonischen Neuordnung Europas im 19. Jahrhundert geschuldet als der Bedeutung Rottenburgs als christliches Zentrum.

Gestärkter Standort Rottenburg

Viele haderten damals mit der Entscheidung, gerade angesichts repräsentativerer Gotteshäuser in Weingarten, Zwiefalten oder Neresheim, wie das Bistum auf seiner Homepage schreibt. Auch in jüngster Bistums-geschichte gab es laut Medienberichten immer wieder Überlegungen, den Bischofssitz nach Stuttgart zu verlegen. Heute würde zwar niemand mehr mit Rottenburg als Bischofssitz hadern, teilt die Diözese auf Anfrage der „Schwäbischen Zeitung“ mit, aber: „Wenn die Funde in Sülchen dazu beitragen, dass sich die Gläubigen in der württembergischen Diözese noch stärker mit Rottenburg als Bischofssitz identifizieren, ist es umso schöner.“

Knapp 150 Jahre nachdem zum ersten Mal ein Bischof, Johann Baptist von Keller, in Sülchen bestattet wurde, weiß die Diözese jetzt, dass es an einem der geschichtsträchtigsten Orte im Südwesten geschah: „Dass die Geschichte des Christentums in der Region Rottenburg bis ins 6. Jahrhundert zurückreicht, das hat doch sehr überrascht.“

Funde für die Öffentlichkeit

Für Außenstehende ist daher wenig verwunderlich, dass die katholische Kirche die Historie unter Sülchen nicht nur ausgraben hat lassen, sondern sie ab November 2017 auch der Öffentlichkeit zeigen will. „Es wird zwei große Vitrinen geben. In einer davon werden die Funde aus dem Frühmittelalter und in der anderen die aus dem Barock zu sehen sein“, erklärt Melanie Prange. Die Kunsthistorikerin und Direktorin des Diözesanmuseums kümmert sich um die Planungen zur Ausstellung. Das Konzept sieht vor, ganze Grabensembles zu erhalten: „Nur so wird für die Zuschauer ersichtlich, was zu einer Bestattung im Frühmittelalter dazugehörte.“ Die Funde, wie der Beinkamm aus Elfenbein des reichen Mädchens, sollen dort ausgestellt werden, wo sie einst entdeckt wurden: nämlich im Untergeschoss der Sülchenkirche. Und auch die Bestattungstradition setzt sich in Sülchen weiter fort: Nach der Sanierung der Bischofsgruft wird es Platz für insgesamt 28 Oberhirten geben.

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