Wenn das Geld fehlt, um sich vor Hitze und Hochwasser zu schützen

Kleine Gemeinden und das große Klimawandelproblem
Eine Frau in einem Nutzfahrzeug gießt eine Topfpflanze auf der Bernhardusbrücke in Bad Krozingen. (Foto: Philipp von Ditfurth / DPA)
Deutsche Presse-Agentur

Im grünen Bereich ist nicht mehr viel auf der Klimakarte. Freiburger Forscher haben sie für die Kommunen Baden-Württembergs entwickelt. Aus ihr kann sich jede der 1101 Gemeinden einen Klimasteckbrief ziehen. Und schauen: Wie viele Sommertage hatten sie jährlich in der Vergangenheit im Schnitt? Wieviele werden es in „naher Zukunft“ von 2021 bis 2050 sein? Und wie könnte es in der „fernen Zukunft“ zwischen 2071 und 2100 aussehen?

Die Angaben dafür haben die Wissenschaftler aus zehn regionalen Klimamodellen und den Daten der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW) zusammengetragen. Was die Forscher hier tun, gehört zum Projekt LoKlim, kurz für „Lokale Kompetenzentwicklung für Klimawandelanpassung in kleinen und mittleren Kommunen und Landkreisen“.

Denn nicht nur die großen Städte, sondern auch die kleineren Gemeinden müssen sich dringend mit der Anpassung an die Klimaveränderung beschäftigen, erläutert Projektleiter Hartmut Fünfgeld, Inhaber des Lehrstuhls für Geographie des Globalen Wandels an der Uni Freiburg.

Bodenseekreis ist Pilotregion

Gerade diese Kommunen sind damit aber allzu oft überfordert. „Sie haben nicht die Kapazitäten, sind eigentlich ja für die Daseinsvorsorge zuständig und stöhnen "Was sollen wir denn noch alles machen"“, erklärt Edith Marqués Berger, Leiterin der Stabsstelle Klimaschutz und Kreisentwicklung im Enzkreis.

Der Enzkreis gehört neben dem Bodenseekreis und dem Landkreis Böblingen zu den drei Pilotregionen, die bei „LoKlim“ mitmachen. Außerdem beteiligt sind die Pilotkommunen Böblingen, Kehl und Bad Krozingen (Kreis Breisgau-Hochschwarzwald).

Seit 2019 läuft das auf drei Jahre angelegte Projekt, das den Gemeinden bei dem Thema unter die Arme greifen soll. „Wir wollen Anpassungsprozesse und ihre Hürden besser verstehen“, erklärt Fünfgeld. „Ganz praktisch kommen aus unserer Sicht aber für Kommunen zentrale, lokale Strategien heraus.“ So entstehe idealerweise für die beteiligten Kommunen ein Baukasten, wie Klimafolgen systematisch begegnet werden könne.

Wir wissen seit 15 Jahren, dass es ohne Klimawandelanpassung nicht geht, selbst wenn radikal Emissionen reduziert werden. Dieser Zug ist einfach schon abgefahren.

Fünfgeld betont: „Wir wollen modellhaft beschreiben, wie in kleinen und mittleren Kommunen und Landkreisen das Thema Klimawandelanpassung so gestaltet werden kann, dass man nicht gegen die Wand läuft.“.

Am Ende des Projektes soll ein Leitfaden stehen, der über die Pilotkommunen und Modelllandkreise hinausgeht und generalisiert werden kann: „Wo liegen die Hürden und wie wurde in unseren Modellkommunen damit umgegangen?“

Bäume pflanzen und Wasserreserven anlegen

Durch die Teilnahme am Projekt wurde etwa in Bad Krozingen, Kur- und Rehastandort und Wohnsitz vieler älterer Menschen, nach Worten einer Stadtsprecherin ein Bewusstsein für die Situation geschaffen. Inzwischen erarbeitete Ideen sind Ruhe- und Aufenthaltsräume mit Begrünung.

Zudem wird der Rathausplatz gerade neu gestaltet und in einer Baumschule werden Bäume zur Pflanzung im kommenden Frühjahr ausgesucht. Die neue Bernhardusbrücke wurde mit schattenspendenden Bäumen versehen. Reservebrunnen, die für die Trinkwasserversorgung nicht taugen, sollen der örtlichen Landwirtschaft zur Verfügung gestellt werden, um etwa Grundwasserreservoirs zu schonen.

Im Enzkreis, der in der Vergangenheit vielfach mit Starkregen und Dürreperioden kämpfte, soll nach Worten von Marqués Berger ein Klimakoordinator eingestellt werden, der für 7 der 28 Enzkreis-Gemeinden Konzepte zur Klimafolgenanpassung erarbeiten soll. Gerade beim Bauen müssten inzwischen nicht nur Erneuerbare Energien, sondern eben auch die Kühlung von Gebäuden mitgedacht werden. Der Enzkreis will bei der Fortführung des LoKlim-Projekts mitmachen.

In Böblingen hat die Verwaltung eine Kerngruppe ins Leben gerufen, in der sich Amtsleiter über Probleme der Stadt austauschten. So wird diskutiert, wie sich etwa im Industriegebiet Hulb mit seinen vielen versiegelten Flächen durch Umgestaltung des Straßenraums Überhitzungen vermeiden lassen könnten.

Das LoKlim-Projekt habe gut erkannt, dass kleine und mittlere Kommunen oft nicht über die Möglichkeiten verfügen, dem Klimawandel effizient zu begegnen, heißt es von dort. Das bestätigt auch der Gemeindetag. Das Gremium hält mehr Personal und mehr Hilfestellung für die Klimafolgenanpassung für nötig, erklärt ein Sprecher.

„Viel hängt an einzelnen Persönlichkeiten“

Das LoKlim-Projekt steht kurz vor dem Ende. Fünfgeld und seine Mitarbeiter haben viele Workshops betreut, unzählige Gespräche geführt und mit Bürgern diskutiert. „Viel hängt an einzelnen Persönlichkeiten“, sagt Fünfgeld. „Denn ein Konzept zu haben heißt nicht, dass man es auch in die Umsetzung bekommt.“

Auch bei den kleineren Gemeinden steigt angesichts von Dürre und Starkregenereignissen der Handlungsdruck.

Man merkt inzwischen, dass plötzlich ein Ruck durch die Gemeinderäte geht, nach dem Motto "oh, es könnte ja auch uns treffen".

Die Verlängerung für LoKlim ist beantragt. Diesmal wollen die Forscher gerne mit Regionalverbänden arbeiten und damit die Forschung zur Klimafolgenanpassung in die Fläche und bis hin in die ganz kleinen Kommunen bringen.

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