„Leben teilen“ – Der 102. Deutsche Katholikentag findet in Zeiten des Krieges in Stuttgart statt

Über Christi Himmelfahrt werden bis zu 30.000 Besucher in der Landeshauptstadt zum 102. Deutschen Katholikentag erwartet. (Foto: Katholikentag.de/SMG Werner Dietrich)
Reporter "Seite Drei"

Ukraine-Krieg, Reformdebatte, Missbrauchsdiskussion: Der Katholikentag in Stuttgart vom 25. bis 29. Mai ist nicht nur ein fröhliches Fest des Glaubens. Was die 30.000 Besucher in Baden-Württembergs Landeshauptstadt erwartet und wie sich Gemeinden aus der Region einbringen wollen.

Welche Akzente aus der Region werden gesetzt?

Von den 1500 Veranstaltungen haben etwa 100 einen Bezug in die Region zwischen Ulm und dem Bodensee. Allein 20 Treffer ergibt die Suche, wenn man im digitalen Programm „Ravensburg“ eingibt. Ein anderes Beispiel: So bringt Eva-Maria Aicher aus Tettnang Gäste nach Stuttgart mit, die den längsten Anreiseweg auf sich genommen haben: Sie kommen aus Peru, knapp 11 000 Kilometer entfernt: „Die Peruaner erleben Weltkirche und sind selbst Teil davon.“ Der Arbeitskreis Peru der katholischen Kirchengemeinde St. Gallus Tettnang arbeitet sehr konkret: „In der Partnergemeinde Porcón entstehen mit unserer Hilfe Trockentoiletten, die ohne Wasser betrieben werden können“, berichtet Eva-Maria Aicher, „in einem Schulkomplex mit 270 Schülern wird sich herausstellen, ob das Konzept umsetzbar ist.“

Wo kommt die Region Oberschwaben weiter vor?

Drei Beispiele: So ist die Ravensburger Schauspielerin Lennora Esis mit ihrem Theater-Film-Projekt „Schokokinder“ dabei: Sie erzählt von drei Freunden, die lernen, sich selbst zu akzeptieren. Aus Weingarten kommt die katholische Jugend und bringt „Bibel, Pop und Poesie“ mit, um Bibelstellen in moderner Musik zu erzählen. Oder die Unternehmerin Antje von Dewitz, Geschäftsführerin von Vaude: Sie spricht über Gemeinwohlorientierung und Corporate Social Responsibility, zwei Ansätze verantwortlichen Handelns in der Wirtschaft.

Und welche Beispiele aus der Weltkirche gibt es?

Die Diözese Rottenburg-Stuttgart zeigt, wie stark die Kontakte zu Partnerdiözesen in 80 Ländern weltweit sind. Inhaltlich geht es dabei beispielsweise um Klimagerechtigkeit, Flucht, Migration, um die Bereiche „Bildungsarbeit“ und Gesundheit sowie um die Hilfe für Notleidende. Ein Highlight: Das Rettungsboot von Sea-Eye im Innenhof des Instituts für Auslandsbeziehungen, in dem ein Dokumentartheater die Lebensgeschichte von Flüchtlingen erzählt. Ganz konkret geht es um den Kampf gegen den Klimawandel und Wasserverschwendung.

Der Stuttgarter Schlossplatz wird einer der zentralen veranstaltungsorte des Katholikentags sein.
Der Stuttgarter Schlossplatz wird einer der zentralen veranstaltungsorte des Katholikentags sein. (Foto: IMAGO/claudiodivizia)

Auf welche Atmosphäre stoßen die Teilnehmer?

Internationales Flair kommt durch die Gäste aus aller Welt nach Stuttgart – und trifft auf eine internationale Gesellschaft am Neckar: „Ungewöhnlich ist der Anteil von Katholiken anderer Nationalität: mehr als 50 Prozent, für die Zugezogenen gibt es rund 20 muttersprachliche Gemeinden“, berichtet Prälat Klaus Krämer, der in der gastgebenden Diözese Rottenburg-Stuttgart für die Vorbereitung des Katholikentages verantwortlich ist.

Kann man in Zeiten des Krieges und der Pandemie überhaupt feiern?

Es brauche den offenen Austausch, und der Katholikentag sei der Ort, an dem die Themen besprochen würden, die „den Menschen auf den Nägeln brennen“, sagt Diözesanbischof Gebhard Fürst. Er betont immer wieder die Vorteile einer Präsenzveranstaltung nach knapp zweieinhalb Jahren Pandemie. Das Treffen sei notwendig – gerade jetzt. Die Zusammenkunft solle Kraft geben – „leben teilen“, wie das Leitwort heißt. Und Prälat Kremer ergänzt: „Wo sonst gibt es eine so große Veranstaltung, die Diskussionen und Austausch bietet?“ Nach dem Abebben der Corona-Pandemie müsse die Gesellschaft aus der Lethargie herauskommen.

Lässt das Programm überhaupt Zeit, um auf aktuelle Entwicklungen eingehen zu können?

„Ja, um aktuell reagieren zu können, sind im Programm weiße Flecken geblieben“, sagt Pressesprecher von Kolson. Themen, Ort und Zeit werden auf der Katholikentags-App bekannt gegeben.

Wo wird der Überfall Russlands auf die Ukraine thematisiert?

An vielen Stellen. Ein Beispiel: Bischof Bohdan Dzyurakh, der Apostolische Exarch der katholischen Ukrainer des byzantinischen Ritus in Deutschland und Skandinavien, die Europaabgeordnete Rebecca Harms und Andrij Waskowycz, Leiter des Büros für die Koordinierung humanitärer Initiativen des Weltkongresses der Ukrainer, über die Auswirkungen des Ukraine-Kriegs auf die Sicherheit in Europa diskutieren.

Welchen Platz nimmt die Frage der Reformen in der katholischen Kirche ein?

Kein Katholikentag ohne die Diskussion um die weiterhin ungelösten Fragen der Reformen. Die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Irme Stetter-Karp, erläutert: „In 31 Veranstaltungen befassen wir uns mit den Themen des Synodalen Weges. Ohne Reformen werden wir als Katholikinnen und Katholiken im öffentlichen Raum nicht mehr ernst- und wahrgenommen. Wir lassen also weder die politischen, noch die kirchlichen Probleme aus dem Blick.“ Darüber, wie eine externe Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche gelingen kann, geht es bei 15 Veranstaltungen.

Wo kann man das eigene Programm zusammenstellen?

Anders als früher ist das ganze Programm nicht mehr als dickes, mehrere hundert Seiten umfassendes Heft erhältlich. Statt zu blättern und sich überraschen zu lassen, müssen die Besucher digital auf der Internetseite des Katholikentages oder in der App stöbern: „Wir hätten mit dem klassischen Programmbuch viele, viele Tonnen bedrucktes Papier gehabt“, sagt Pressesprecher von Kolson, „das passt nicht mehr in die Zeit.“

Wie kann man sich anmelden?

Nach wie vor ist eine Anmeldung zum Katholikentag möglich. Dauer- oder Tagestickets können online gebucht werden unter www.katholikentag.de/teilnehmen. Eine Dauerkarte kostet 108 (ermäßigt: 64) Euro, die Tageskarten gibt es zu 35 (ermäßigt: 25) Euro.

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