Kardinal Walter Kasper feiert seinen 80. Geburtstag. (Foto: Roland Rasemann)
Schwäbische Zeitung
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Seinen 80. Geburtstag hat Kardinal Walter Kasper sich ganz anders vorgestellt: Ein Empfang in Wangen, wo er sich zu Hause fühlt, wo seine Schwester wohnt, wo er gerne als „Bürger unter Bürgern“ weilt, war geplant. Am kommenden Wochenende wollte der Kurienkardinal und frühere Bischof von Rottenburg-Stuttgart dann mit Freunden aus Wissenschaft, Kirche, Politik und Gesellschaft das tun, was er am liebsten tut: nachdenken, diskutieren, beten. Und ein wenig feiern.

Ob Kasper aber am Symposion zum Thema „Glaube und Kultur“ teilnehmen kann, ist fraglich. Denn der Kardinal ist in Rom, im Vatikan, derzeit sehr gefragt. Da er fünf Tage nach Beginn der Sedisvakanz des Heiligen Stuhls die geltende Altersgrenze erreicht, kann er den Nachfolger von Papst Benedikt gerade noch mitwählen. Er ist damit der älteste Papstwähler dieses Konklaves. Zwar lehnt er die Bezeichnung „Großwähler“ für sich ab und will keiner der Kardinäle sein, die ohne eigenen Ehrgeiz Mehrheiten für einen bestimmten Kandidaten sammeln. Aber Kaspers Wort gilt viel in den Tagen, in denen die Kardinäle um die Zukunft der Kirche ringen und sich auf das Konklave vorbereiten.

Dunkle Wolke über der Kirche

Der Kardinal sieht eine „historische Phase“ und sagt: „Die Kirche steht wieder an einem wichtigen geschichtlichen Wendepunkt.“ Dieses Konklave findet in einer völlig anderen Situation der Weltkirche statt als das Konklave 2005. Denn der emeritierte Papst lebt ja, er ist da, es fehlt die Trauerphase. Kasper: „Vor allem aber verdunkelt die Wolke des Missbrauchsskandals vieles in der Kirche. Sie steht nicht so glänzend da, wie es vielleicht 2005 noch ausgesehen hat. Mit dem Konklave 2005 schloss sich ein Pontifikat an, das man als Kontinuität zu Papst Johannes Paul II. sehen kann. Jetzt erwarte ich eine neue Epoche.“

Wenn er über den Nachfolger von Benedikt XVI. nachdenkt, hat er eine klare Vorstellung: „Der neue Papst muss in erster Linie ein Hirte sein, der die Menschen im Herzen berührt und ihre Sprache findet. Politik, Diplomatie und Administration – da können andere helfen. Aber Hirte muss er selbst sein.“ Für ihn ist klar: „Wir haben eine polyzentrische Weltkirche, in der viele Talente schlummern. Ich kann mir daher vorstellen, dass der neue Papst aus Afrika oder Asien kommt. Ein besonderes Augenmerk sollte man auf Lateinamerika haben: Dort blickt die Kirche wirklich nach vorne.“

Walter Kasper

Aus dem weiteren Anforderungsprofil, das Kasper für den neuen Papst aufstellt, lässt sich erkennen: Hier distanziert sich ein Kurienkardinal, der seit 2001 in Rom lebt, von der bisherigen Linie: „Er (der neue Papst, d.Red.) muss die sich radikal verändernde Weltsituation im Blick haben. Europa ist nicht mehr das Zentrum. Er muss eine Offenheit für neue Situationen haben. Vermutlich muss es dafür auch eine etwas größere Vielfalt in der Kirche geben.“ Für römische Verhältnisse ist Kaspers Forderung, man könne nicht alles zentralistisch lösen, schon der Aufruf zu einer kleinen Revolution: „Es gibt ein Zentrum mit Rom, von dem aber kein Zentralismus ausgehen sollte. Und dann gibt es eben in praktischen Fragen viele relativ eigenständige Zentren. Das nenne ich Einheit in der Vielfalt.“

Und auch mit einem weiteren Hinweis macht er sich sicher keine neuen Freunde in der Kurie: „Leider hat der Zentralismus seit dem Konzil eher zugenommen als abgenommen. Da sind Gegensteuerungen nötig.“ Wegen der Skandale, die die katholische Kirche in den letzten Jahren erschütterten, sei mehr Transparenz notwendig: „Die Kardinäle sollten sich regelmäßig treffen, die Leiter der großen Dikasterien, quasi der Ministerien, sollten dem Papst regelmäßig berichten. Und ein informeller, kleiner Rat von Kardinälen sollte dem Papst als engstes Gremium zur Seite stehen.“ Unvergessen sind natürlich die Mittagessen mit Johannes Paul II.: Dort wurde offen gesprochen, hinterher wusste der Papst, was Sache war. Kasper erinnert sich: „So geht es auch.“

Geboren in Heidenheim

Ob es im Konklave eine Mehrheit für einen Neuanfang geben wird, kann niemand abschätzen. Kasper: „Ich hoffe, dass sich einige Kardinäle, die dies so sehen, auch trauen und sich erklären. Sollte der Streit zwischen sogenannten Konservativen und sogenannten Modernisierern weitergehen, wäre dies angesichts der oben angesprochenen Situation der Kirche fatal.“

Diese Liebe zu eigenem, freiem Denken zieht sich durch die Biografie des Kardinals. Geboren wurde Kasper am 5. März 1933 im schwäbischen Heidenheim. In Wangen im Allgäu wuchs er auf, in Ehingen besuchte er das Konvikt. Bis heute verbringt er die Oster- und Weihnachtsfeiertage im Kloster Beuron. Er ließ sich 1957 zum Priester weihen. Schon als 31-Jähriger wurde er Dogmatik-Professor in Münster, wo damals auch Ratzinger lehrte. 1970 kehrte er zurück an die Uni Tübingen, wohin auch Ratzinger 1966 gewechselt war. 1989 wurde Kasper Bischof von Rottenburg-Stuttgart. Der weltweit anerkannte Theologe, dessen Standardwerke „Der Gott Jesu Christi“ und „Jesus, der Christus“ Tausende Studenten geprägt hatte, galt auf dem Bischofsstuhl aber als sehr vergeistigt. Richtig warm wurde er mit den einfachen Gläubigen des Schwabenbistums nur schwer. Denn auch als Bischof blieb er Theologieprofessor. Immer wieder wurde deutlich: Kasper sieht die Moderne weniger pessimistisch als Joseph Ratzinger, mit dem ihn so vieles verbindet. Leitbegriff Kaspers Gottesdenkens ist die Freiheit: „Der biblische Gott vereinnahmt nicht, er setzt frei“, sagt er. Im Namen der Freiheit hatten die deutschen Philosophen Kant, Fichte und Schelling die Vernunft von den Vorgaben der Offenbarung emanzipiert und auf das Gewissen des freien Subjekts gesetzt. Kasper sieht in diesem Denken eine große Nähe zum christlichen Glauben an den Gott, der Israel aus Ägypten befreit hat.

Buchautor, Redner, Theologe

1993 wagte er zusammen mit den Bischöfen Lehmann aus Mainz und Saier aus Freiburg einen Vorstoß für mehr Freiheiten in der Kirche. Sie wollten wiederverheiratete Geschiedene nicht mehr von der Kommunion ausschließen. Doch der oberste Glaubenshüter im Vatikan, Kardinal Joseph Ratzinger, schmetterte das Reformanliegen ab. Mehr Freiheiten wollte Kasper auch den Ortskirchen geben: Rom soll nicht in alles hineinregieren, sondern einen kollegialen Ausgleich mit den Bistümern suchen. Auch damit konnte sich Kasper nicht gegen Ratzinger durchsetzen.

Papst Johannes Paul II. holte Kasper 2001 als „Ökumeneminister“ nach Rom. Elf Jahre lang unterhielt Kasper zunächst als Sekretär und seit 2001 als Präsident des päpstlichen Einheitsrates den Kontakt zum Judentum und zu den anderen christlichen Kirchen. In seiner Amtszeit gab es zahlreiche Annäherungen – insbesondere zu den Ostkirchen, aber auch zu den Kirchen der Reformation. Besonders die Beziehungen zum Ehrenoberhaupt der Weltorthodoxie, Patriarch Bartholomaios I. von Konstantinopel, wie auch zum Moskauer Patriarchat entspannten sich in den vergangenen Jahren.

Auch im Ruhestand ist Kasper gefragt: als Buchautor, Redner, Theologe. Und überrascht immer wieder dadurch, dass er frei sagt, was andere nur denken. Erst vor wenigen Tagen forderte er mehr Einfluss für Frauen: Zwar erwartet er unmittelbar keinen grundlegenden Wandel in der Position der Kirche zur Priesterweihe von Frauen, sprach sich aber für mehr Frauen in Leitungspositionen aus: „Es gibt sehr viele Führungspositionen in der Kirche, die gar nicht an die Priesterweihe gebunden sind.“

In den Tagen vor dem Konklave und an seinem Geburtstag hat Kasper wenig Zeit zur Reflexion seines eigenen Lebens. Nur so viel: „Ich schaue mit Dankbarkeit zurück und mit Hoffnung nach vorne.“

 

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