Jedes fünfte Kind hat vor Schulbeginn Sprachprobleme
Deutsche Presse-Agentur

Jedes fünfte Kind im Südwesten kann für einen erfolgreichen Schulstart nicht genug Deutsch sprechen. Das Land wolle und müsse deshalb mehr in frühkindliche Bildung investieren, sagte Kultusministerin Gabriele Warminski-Leitheußer (SPD) mit Blick auf die Ergebnisse des Bildungsberichts 2011. „Bildungserfolg hängt klar davon ab, dass möglichst früh eine ausreichende Sprachkompetenz vorhanden ist.“ Sie fügte am Mittwoch in Stuttgart hinzu, der Orientierungsplan müsse als Rahmen für die Sprachförderung verbindlich in allen Kindertagesstätten umgesetzt werden.

Auch für die Kinderkrippen sei ein angepasster Förderplan vorgesehen — ein Plan, der vom Gemeindetag wegen der vorhersehbaren Kosten kritisch gesehen wird. Wann die Richtlinien flächendeckend umgesetzt sein werden, hängt nach den Worten von Warminski-Leitheußer vom Finanzierungskonzept ab.

Laut dem Bericht zeigt die Einschulungsuntersuchung im vorletzten Kindergartenjahr, dass überdurchschnittlich viele Kinder aus Familien, die zu Hause nicht Deutsch sprechen, besondere Förderung brauchen. Von den Kindern, die in der Familie vorrangig Deutsch sprechen, hat jedes zehnte Sprachprobleme. Der Verband Bildung und Erziehung verwies darauf, dass hoher Fernsehkonsum die Sprachfähigkeit der Kinder beeinträchtige. Gegen den gezielten Einsatz von Fernsehen und Computer sei nichts einzuwenden, die Kinder dürften aber nicht allein vor dem Bildschirm gelassen werden.

Die „riesige Investitionsaufgabe“ in die frühkindliche Förderung soll nach den Worten der Ministerin in Absprache mit den Kommunen schrittweise bewältigt werden. Die Erhöhung der Grunderwerbssteuer soll jährlich 350 Millionen Euro in die Landeskasse spülen und in die frühkindliche Bildung fließen. Grün-Rot will die Grunderwerbsteuer von Oktober an um 1,5 Prozentpunkte auf 5 Prozent erhöhen. Die Gespräche über die Kostenaufteilung mit den Kommunen laufen nach den Worten von Warminski-Leitheußer derzeit. Die Kommunen beziffern die Kosten für die vollständige Umsetzung des Orientierungsplans, der außer besserer Personalschlüssel auch die Beobachtung und Dokumentation der Entwicklung jedes einzelnen Kindes vorsieht, auf 650 Millionen Euro.

Für die Ministerin ist das A und O ausreichend Personal in den Einrichtungen. „Wenn niemand mit dem Kind reden kann, entwickelt sich die Sprachfähigkeit auch nicht.“ Allerdings sei es derzeit schwierig, mehr Erzieherinnen zu gewinnen. „Wir brauchen ein Fachkräfteoffensive im Elementarbereich.“

Dass sich sprachliche Defizite auf die gesamte Schullaufbahn auswirken können, zeigen die Übergangsquoten auf weiterführende Schulen für deutsche und ausländische Kinder. Die Kinder mit deutschem Pass wechseln vor allem auf das Gymnasium (Schuljahr 2010/11: 43 Prozent), die Kinder aus ausländischen Familien zur Hälfte auf Haupt- und Werkrealschulen; nur jedes fünfte von ihnen landet auf dem Gymnasium. Dagegen besucht nur jedes fünfte deutsche Kind nach der Grundschule ein Haupt- oder Werkrealschule.

Aufschlüsse über die unterschiedlichen Bildungsniveaus geben auch die Resultate der Vergleichsarbeiten in der dritten Grundschulklasse: Kinder aus Familien, in denen nicht vorwiegend Deutsch gesprochen wird, erreichten zu 60 Prozent beim Lesen nicht die von der Kultusministerkonferenz vorgegebenen Mindeststandards. Knapp 40 Prozent von ihnen lagen auch bei Mathematik unter dieser Grenze. „Das Land muss die Benachteiligung der Migrantenkinder auch im eigenen Interesse beenden, wenn es künftig etwa mehr türkischstämmige Fachkräfte haben will“, resümierte die frühere Schulbürgermeisterin von Mannheim.

Diese Zahlen wertete die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) als „Alarmsignal“. „Wir brauchen schnell in den Kitas kleinere Gruppen und besser bezahlte Erzieherinnen sowie einen Ausbau der Ganztagsgrundschulen und mehr Pädagogische Assistenten“, sagte GEW-Landeschefin Doro Moritz. Sie sieht das Land und die Kommunen sowie die Freien Träger in der Pflicht, deutlich mehr zu investieren.

Der Bildungsbericht bestätigt aus Sicht der Oppositionsfraktionen von CDU und FDP die hohe Leistungsfähigkeit des Schulsystems in Baden-Württemberg. Schon seit Jahren gelinge es den Schulen, zunehmend Schüler auch aus bildungsfernen Familien zu fördern und zu einem erfolgreichen Schulabschluss zu führen. „Eine rein ideologisch motivierte Zerschlagung dieses Erfolgssystems ist unsäglich“, sagte CDU-Fraktionschef Peter Hauk mit Blick auf die Einführung der Gemeinschaftsschule.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen