Studenten des Zentrums für islamische Theologie: Die 22-jährige Ebru Kocatürk (links im Bild) findet es wichtig, dass Muslime ih (Foto: Roland Rasemann)
Schwäbische Zeitung
Stefanie Järkel

Wie ein Tempel wirkt die Villa Köstlin mit ihrem leicht schrägen Dach, den roten Schnörkeln unter der Dachrinne und ihrer quadratischen Form. Das zweistöckige, beige Gebäude duckt sich zwischen der ehemaligen Hals-Nasen-Ohren-Klinik und dem Geographischen Institut an der Rümelinstraße in der Tübinger Innenstadt. Seit knapp zwei Jahren ist hier das Zentrum für islamische Theologie der Universität Tübingen untergebracht – eines von bundesweit vier.

Junge Frauen und Männer können an diesem Ort Islamische Theologie studieren. Ab Herbst sollen Gymnasiallehrer für islamischen Religionsunterricht ausgebildet werden, langfristig auch Imame. „Die Einrichtung ist sehr, sehr wichtig für den gesellschaftlichen Frieden“, sagt Zentrumsdirektor Erdal Toprakyaran. „Es ist immer problematisch, wenn die Mehrheitsgesellschaft keine Religionsgelehrten zur Verfügung hat, mit der sie einen Dialog auf Augenhöhe, auf Deutsch führen kann.“

Doch das Zentrum hat mit Schwierigkeiten zu kämpfen: Die Finanzierung ist nicht gesichert, die Suche nach Dozenten gestaltet sich schwierig, es gibt zu wenig Platz – und zwei Sitze im Beirat des Zentrums konnten nicht besetzt werden, weil ein Teil der zuständigen muslimischen Gemeinschaft vom Verfassungsschutz beobachtet wird.

Kopftuch mit Leopardenmuster

Donnerstagmittag, Seminarraum 4 im Theologicum, auf dem Semesterplan steht Tasawwuf. „Islamische Mystik in historischer Perspektive“, erklärt Toprakyaran. Der 38-jährige Juniorprofessor sitzt in schwarzem Hemd, braunem Pullunder und brauner Cordhose am Tisch, hinter ihm die Tafel, vor ihm 22 Studierende des vierten Semesters. Neun Männer, 13 Frauen. Die Kopftücher leuchten in Pink, in Blau oder in Gelb und Schwarz im Leopardenmuster.

Eine der Studentinnen ist Ebru Kocatürk – braune Augen, ein Mund wie Julia Roberts, Kopftuch, Jeans und Strickjacke. Die 22-jährige Muslima aus Kornwestheim möchte im Herbst in den Studiengang Islamische Religionslehre am Zentrum wechseln. Ob das möglich sein wird, hängt allerdings davon ab, ob die grün-rote Landesregierung zusätzliches Geld freigibt. Aktuell zahlen Bund und Land jährlich 800.000 bis 900.000 Euro. Im Kultusministerium in Stuttgart hält man sich bedeckt. „Diese Angelegenheit steht kurz vor der politischen Entscheidung. Diese wird derzeit auch vor dem Hintergrund der dafür nötigen Ressourcen geprüft“, heißt es etwas verschwurbelt aus der Pressestelle. Den aktuellen Bedarf an islamischen Religionslehrern an Gymnasien kann das Ministerium nicht beziffern. Allerdings gibt es im Südwesten allein mehr als 3500 Gymnasiasten mit türkischem Pass, die in der Regel Muslime sind.

„Ich finde es toll, dass hier Lehrer mit richtiger theologischer Basis ausgebildet werden“, sagt Kocatürk. „Für einen interreligiösen Austausch ist es sehr wichtig, dass der islamische Religionsunterricht auf Deutsch ist.“ Dies gelte sowohl für die Schulen als auch in den Moscheen. „Die türkischen Vereine beispielsweise lehren ihre Religion auf Türkisch“, sagt Kocatürk. Da könnten die Kinder in der Schule nachher nur schwer auf Deutsch erklären, warum sie fasten. Die 60 Studierenden, die mittlerweile im Zentrum für islamische Theologie lernen, stammen meist aus der Region und haben türkische Wurzeln. Fast alle sind Muslime, was keine Voraussetzung für das Studium ist. Im Zentrum erhalten sie unter anderem Unterricht in Arabisch, islamischem Recht, islamischer Glaubenslehre und eben Tasawwuf.

Weil es in der Villa Köstlin nur einen größeren Raum für Vorlesungen gibt, finden viele Veranstaltungen im Theologicum um die Ecke statt. Ein Neubau ist zwar im Gespräch, derzeit bemüht sich Toprakyaran aber erst einmal um Räume in der leer stehenden Hals-Nasen-Ohren-Klinik nebenan.

Scharia im Sinne des Grundgesetzes

Das Zentrum befindet sich noch im Aufbau. Derzeit sind vier von sechs geplanten Professuren besetzt. Es gestaltet sich recht schwierig, geeignetes Personal zu finden, wie Bernd Engler, Rektor der Universität Tübingen, erklärt. „Wenn wir akzeptiert hätten, dass sie nicht deutsch sind, noch nicht mal mit dem deutschen Wissenschaftssystem verbunden waren, dann hätten wir auch qualifizierte Personen aus Marokko gefunden“, sagt Engler. „Aber für uns war immer klar, wir machen keine Kompromisse.“

Der gebürtige Pfälzer Erdal Toprakyaran, Sohn türkischer Einwanderer, hat beispielsweise Orientalistik und Ethnologie an der Universität Heidelberg studiert, wo er im Anschluss auch promovierte. Er selbst bezeichnet sich als „Religionshistoriker“ und sieht den Koran zwar als Wort für Wort niedergeschriebene Aussagen Allahs, betont aber: „Es ist sehr wichtig, sich mit dem Koran im historischen Kontext auseinanderzusetzen.“ Sonst könne man ihn nicht verstehen. Dies gelte beispielsweise auch für die Scharia, die islamische Rechtslehre. Ursprünglich heißt es dort zum Beispiel, dass einem Dieb als Strafe die Hand abgehackt werden soll. Für Toprakyaran muss die Scharia heute so übersetzt werden, dass sie „nicht gegen das Grundgesetz verstößt“. Geld- oder Gefängnisstrafen statt abgehackter Hände.

Die moderne Sicht auf den Koran hält auch Friedmann Eißler, Islam-Experte der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin, für sehr wichtig: „Man muss den Korantext zunächst einmal im siebten Jahrhundert lassen“, sagt Eißler. „Es ist zu begrüßen, dass islamische Theologie an Universitäten eingeführt wird. Entscheidend wird aber sein, welche Form sich hier durchsetzen wird: Wird das reproduziert, was islamische Theologie über Jahrhunderte herausgebildet hat oder wird ein methodisch-kritischer Umgang mit diesen Traditionen gepflegt und weiterentwickelt?“

Eißler zeigt sich besorgt, dass über den Beirat des Zentrums konservative Strömungen des Islam an Einfluss gewinnen könnten. Der Beirat muss bei der Benennung von Professoren und bei Grundsatzfragen im Semesterplan seine Zustimmung geben. Jede der vier Universitäten mit einem Zentrum hat selbst festgelegt, wer in den Beiräten sitzt. Die islamischen Gemeinden in Deutschland sollen in den Gremien eine Stimme erhalten. Die Beiräte sollen auch das Problem lösen, dass es nicht den einen Islam in Deutschland gibt, sondern viele Strömungen und Gruppen, die teilweise auch zerstritten sind. In Tübingen darf unter anderem die türkisch-islamische Ditib drei Vertreter benennen.

Toprakyaran betont, dass alle sieben Mitglieder des Beirates studierte Theologen seien. Engler weist darauf hin, dass es bisher „keine einzige strittige Debatte“ mit dem Beirat gegeben habe. Allerdings ist das Gremium derzeit gar nicht vollständig. Zwei Plätze sind vakant. Für diese sollte eigentlich die Islamische Glaubensgemeinschaft Baden-Württemberg (IGBW) zwei Vertreter benennen. Doch das Bundesministerium für Bildung und Forschung machte deutlich, dass eine solche Besetzung „förderschädlich“ sei, wie Engler sagt. In der IGBW ist auch die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) organisiert, die vom Verfassungsschutz wegen antidemokratischer Tendenzen beobachtet wird.

Getrennter Schwimmunterricht

In der Türkei versucht die Milli Görüs-Bewegung das bestehende Staatsprinzip durch eine islamische Staatsordnung abzulösen. In Deutschland setzt sich die IGMG für die Trennung der Geschlechter beim Schwimmunterricht ein. Während die Universität die Stellen im Beirat offen lassen will, bis „alle Probleme gelöst sind“, wie Engler sagt, kritisieren Studenten die Vakanzen. „Ich finde es schade, dass diese Plätze überhaupt nicht besetzt sind und somit ein Teil der Muslime nicht repräsentiert werden kann“, sagt Kocatürk, die auch als Vertreterin der Studierenden im Zentrumsrat sitzt.

Um die Zukunft seiner Absolventen macht sich Toprakyaran keine Sorgen. Sie könnten als Religionslehrer, als Wissenschaftler, als Imame, aber auch in der freien Wirtschaft als Berater tätig werden, sagt er. Zudem gelte es, die islamischen Schriften und Begriffe ins Deutsche zu übersetzen. Schon allein durch die neuen deutschen Texte erwartet Toprakyaran einen Einfluss auf den Islam in Deutschland. „Mit jeder Übersetzung verändert sich etwas, entsteht etwas Neues. Wir werden grundsätzlich unsere eigene Theologie entwickeln auch in Kooperation mit Nicht-Muslimen, christlichen Theologen und Orientalisten“, sagt Toprakyaran. „Das müssen wir auch, das ist unsere Existenzberechtigung.“

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