Interview mit Fritz Kuhn: Baumaßnahmen sind ein „Riesenstress“

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Fritz Kuhn. (Foto: dpa)
Deutsche Presse-Agentur

Die Baumaßnahmen zum Bahnprojekt Stuttgart 21 sind aus Sicht des grünen Oberbürgermeisters Fritz Kuhn ein „Riesenstress“ für die Stadt und die Region. Der 63-jährige Politiker selbst setzt sich nach langer Gegnerschaft dafür ein, dass das S21 genannte Vorhaben rasch fertig wird. Die Stadt will Flächen, die dadurch frei werden, auch für den Wohnungsbau nutzen. Im Interview mit forderte Kuhn erneut, dass der Bund die Zusatz-Milliarden für den Bau übernimmt.

Frage: Herr Kuhn, die Grünen waren lange gegen das Milliardenprojekt Stuttgart 21. Wie haben Sie als grüner Oberbürgermeister ihren Frieden gemacht mit der Baustelle?

Frieden - das ist nicht der richtige Ausdruck. Ich hatte vor 20 Jahren viele kritische Fragen, was das Projekt angeht. Aber es wurde ja am Schluss entschieden. Es gab einen Volksentscheid, und das Ergebnis war eindeutig: Stuttgart 21 soll gebaut werden. Etwas Höheres als einen Volksentscheid gibt es in der Demokratie nicht. Als Oberbürgermeister dränge ich darauf, dass Stuttgart 21 schnell kommt. Erst hieß es 2021, jetzt sind wir bei 2025. Das darf jetzt nicht immer weiter hinausgezögert werden, wir brauchen die freiwerdenden Gleisflächen.

Und man darf nicht vergessen, die Baustellen sind eine Belastung für die Stadt und ein Riesenstress für die gesamte Region. Also ich sage: Die Bahn soll schnell und gut bauen, sie soll sicher bauen - sie baut ja auch Tunnel im Anhydrit, was nicht ganz einfach ist. Und vor allem muss sie auch das bezahlen, was über das hinausgeht, was in der Finanzierungsvereinbarung abschließend geregelt ist.

Frage: Die Übernahme der Kosten ist weiter unklar. Die Bahn will erreichen, dass auch Stadt, Land und Region Stuttgart bezahlen. Zahlen Sie?

Nein. Wir als Stadt halten uns an die vereinbarte Beteiligung. Darüber hinaus lehnen wir eine weitere Kostenbeteiligung ganz klar ab. Das sehe nicht nur ich so, das sieht auch der Gemeinderat so. In der Finanzierungsvereinbarung ist auch nicht die Rede davon, dass die Stadt das bezahlt - oder das Land. Ich war noch im Bundestag, als Frau Merkel Stuttgart 21 zu einem europäischen Projekt von besonderer Bedeutung erkoren hat. Deshalb hat der Bund eine besondere Verantwortung.

Wir haben eine Vereinbarung über 4,5 Milliarden Euro Gesamtkosten. Jetzt ist die Bahn mit allen Risikopuffern bei 8,2 Milliarden Euro - also fast das Doppelte. Aber es ist die Bahn, die baut. Deshalb verlangen wir vom Bund, endlich seine Verantwortung zu übernehmen. Der Bund muss jetzt sagen, dass er die Mehrkosten übernimmt. Die Bundesregierung tut aber gerade so, als ginge sie das nichts an.

Frage: Noch immer protestieren jeden Montag Menschen gegen das Projekt. Was wird es den Stuttgartern einmal bringen, wenn es fertig ist - außer einem modernen Durchgangsbahnhof?

Es geht nicht nur um das Verkehrsprojekt. Stuttgart 21 bringt uns vor allem nötige Flächen. Rund 100 Hektar im Herzen der Stadt — ganz wichtig für den Wohnungsbau, aber auch für Kulturprojekte und die Parkerweiterung. Das ist also auch ein bedeutsames städtebauliches Projekt. Aber es wird auch verkehrliche Verbesserungen bringen.

Frage: Stuttgart gilt als schmutzigste Stadt Deutschlands - Stichwort Feinstaub. Dann noch diese Dauerbaustelle. Was sagen Sie denen, die das kaum noch aushalten?

Das mit der schmutzigsten Stadt klingt zwar griffig, stimmt aber nicht, zumindest nicht mehr. Vor allem ist Stuttgart aber die Stadt, die seit Jahren konsequent daran arbeitet, die Schadstoffwerte in der Luft zu reduzieren und das Thema nicht mehr unter den Teppich zu kehren. Richtig ist, die Baustellen wirbeln viel Staub auf. Und allen war klar, dass das kein Zuckerschlecken wird: im Herzen einer Stadt den Bahnhof unter die Erde zu verlegen und ihn auch noch zu drehen. Das haben alle gewusst. Aber dann hat sich die Mehrheit dafür entschieden. Wir müssen diese Stresszeit so kurz wie möglich halten.

Mit Sicherheit wird, wenn es weniger Großbaustellen sind, auch die Feinstaubbelastung runtergehen. Wiewohl wir es beim Feinstaub schon in diesem Jahr 2018 schaffen können, keine Grenzwerte mehr zu überschreiten. Bei den Stickoxiden - bedingt durch die Automobiltechnik - sieht es anders aus. Aber das ist eine andere Diskussion.

Frage: Wie sehr bremst die Baustelle die Entwicklung in Stuttgart? Es gibt zum Beispiel den Verein „Aufbruch Stuttgart“, der beklagt, dass der kulturell gute Ruf leidet und alles zu langsam geht.

Ich wünschte mir, dass es schneller ginge. Es geht aber nicht um Wünsche, sondern um Fakten. Wenn die Bahn länger braucht, hat das Folgen. Und auch wenn Stuttgart 21 fertig ist, ist ja noch nichts gebaut. Dann müssen sie die Gleise entfernen und mögliche Altlasten beseitigen. Dann können wir erst ans Bauen gehen.

Frage: Was haben Sie im Blick für die freiwerdenden Flächen?

Auf dem Gelände können etwa 7500 Wohneinheiten gebaut werden. Das ist viel für eine Stadt, die ansonsten knappe Flächen hat fürs Wohnen. Für das Zentrum haben wir aber auch noch einiges vor: Wir brauchen ein neues Kongresszentrum. Wir brauchen einen Neubau für das Linden-Museum für Völkerkunde. Und schließlich brauchen wir auch ein neues Konzerthaus. Das kann auf der S21-Fläche liegen oder bei den Fernsehstudios der Villa Berg oder auch gegenüber vom heutigen Linden-Museum. Wir sind, salopp gesagt, Weltmeister bei den großen Orchestern. Wir haben vier Klangkörper, die alle in der Liederhalle spielen. Das geht so nicht mehr. Das sind die Dinge, die wir zusammen mit der dringend nötigen Opernsanierung angehen müssen und wollen und werden.

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