Integrationsstudie: Die guten Erfahrungen mit Zuwanderern überwiegen

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Baden-Württembergs Ministerin für Integration, Bilkay Öney (SPD) (Foto: dapd)
Schwäbische Zeitung
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Bilkay Öney gilt seit Amtsantritt der grün-roten Landesregierung ein besonders kritischer Blick der baden-württembergischen Landtagsopposition. Am Montag legte die Integrationsministerin mit türkischen Wurzeln, die in Berlin aufgewachsen ist, die erste, in dieser Form „einzigartige“ repräsentative Studie mit 3001 Befragten zum Stand der Integration im Südwesten vor.

Auch daraus leitet die 41-Jährige viele Gründe dafür ab, dass es ihr Ministerium zu Recht gibt und sie einen Platz am Kabinettstisch hat.

Integration sei „gut gelungen“

Generell sieht es für Baden-Württemberg gut aus. Der Südwesten geht aus der repräsentativen Umfrage von Infratrest Dimap unter der „Mehrheitsbevölkerung“ (immerhin 20,3 Prozent der Befragten hatten einen Migrationshintergrund) nicht gerade als Hort der Integrationsgegner hervor. 61 Prozent der Befragten im Land kommen zu dem Urteil, die Integration von Zuwanderern sei „gut gelungen“. Aber 61 Prozent nehmen sich auch in die Pflicht und meinen, dass sie neben den Zuwanderern selbst (70 Prozent) noch mehr für ein besseres Zusammenleben tun müssten. Genannt werden praktische Hilfestellungen bei Behördengängen oder Tipps „zum Einleben in der neuen Umgebung“.

Bilkay Öney stuft das als bemerkenswert ein und lobt diesen „selbstkritischen Ansatz“. Dazu passt die Grundeinschätzung der Baden-Württemberger, das Leben in einem fremden Land müsse nicht automatisch mit der Aufgabe von kulturellen und religiösen Eigenheiten verbunden sein. 33 Prozent der Befragten sehen das zwar so, im Bundesdurchschnitt sind es aber 41 Prozent.

Häufiger Kontakt am Arbeitsplatz

Als „gutes Zeichen“ bewertet Bilkay Öney auch, dass bei aller Bereitschaft zum Zusammenleben eine „Null-Toleranz-Grenze“ gezogen wird, wenn das Recht gebrochen und in Persönlichkeitsrechte eingegriffen wird“. Die klassischen Beispiele dafür nennt sie gleich im Nachsatz – Zwangsheiraten, im schlimmsten Fall Ehrenmorde wegen Verstößen gegen die Familientradition. Generell aber berichten die Befragten von positiven Erfahrungen. 68 Prozent der Baden-Württemberger erlebten bislang „überwiegend gute Erfahrungen“ mit Zuwanderern, allerdings auch mit einem klaren Schwerpunkt. Am Arbeitsplatz (66 Prozent) kommt es zu „häufigen Kontakten“, von der direkten Nachbarschaft behaupten das nur 26 Prozent.

Die Integrationsministerin ging am Montag intensiv darauf ein, was alles von ihrem Ministerium bereits angestoßen ist. Ein Schwerpunkt in der Zukunft wird die Sprachförderung sein. Öney wird auch den „Runden Tisch Islam“ fortsetzen. Bei der nächsten Sitzung geht es um die Rechte der Frauen und um die Rolle der Geschlechter. Sie bekennt sich dazu, dass politische Extremisten auf deutschem Boden keine Chance erhalten dürfen: „Es war gut, dass der Innenminister einen radikalen Salafisten ausgewiesen hat.“

Bilkay Öney will auch aktiv bei Vereinen, bei Kirchen und bei ehrenamtlichen Gruppierungen dafür werben, Zuwanderer aufzunehmen. Allerdings weiß sie auch, dass die Politik auf diesem Gebiet vor allem mit Appellen arbeiten muss. Abseits von Fördermöglichkeiten und Gesetzen kommt es darauf an, „die Mehrheitsbevölkerung für die Integration zu gewinnen“. An der Grundbereitschaft fehle es ja erkennbar nicht.

Blick auf wirtschaftliche Stärke

Einen Beleg dafür sieht Bilkay Öney darin, dass 81 Prozent der Befragten im Alltag sehr wohl Anzeichen für Diskriminierung bei der Wohnungssuche oder am Arbeitsplatz erlebt haben. Eine „fiktive Befragung“ unter den Teilnehmern ergibt, dass unabhängig von der Nationalität die Einschätzung der wirtschaftlichen Stärke allerdings die maßgebliche Rolle einnimmt, wenn es um die direkte Nachbarschaft geht. 23 Prozent empfänden Deutsche aus ökonomisch schwachen Schichten als „sehr unangenehm“ oder „eher unangenehm“, im Bundesdurchschnitt sind es 20 Prozent. Bei Türken würden 27 Prozent der Baden-Württemberger eher abwinken, im Bund sind es 25. Bei Indern sind es im Südwesten elf, im Bundesvergleich 15 Prozent.

Immer wieder sorgt das Tragen von Kopftüchern für Diskussionen. Dabei hat die Umfrage zunächst einen deutlichen Unterschied hervorgebracht. In Württemberg (38 Prozent) stößt das eher auf Befremden als im badischen Landesteil (30 Prozent). Konfessionslose (42 Prozent) und Nichtchristen (39 Prozent) stören Kopftücher aber mehr als katholische (34 Prozent) und evangelische Christen (33 Prozent). Herausgefunden haben die Befrager auch, dass nur in der Landeshauptstadt Stuttgart die Integration insgesamt vor Ort schlechter als im Landesdurchschnitt eingestuft wird. Besonders hoch fällt dagegen die Akzeptanz in Wohnorten zwischen 2000 und 5000 Einwohnern aus.

Russlanddeutsche kommen schlechter weg

Nachgehakt worden ist bei der Umfrage insbesondere auch der Stand der Integration von Jugendlichen mit Wurzeln in Russland und in der Türkei, den aktuell größten Gruppen. Russlanddeutsche kommen dabei deutlich schlechter weg bei Befragten mit Hauptschulabschluss. Türkische Jugendliche werden von der Bevölkerung mit höherer Schuldbildung kritischer wahrgenommen.

Generell aber zog Bilkay Öney weniger eine Bilanz der Abgrenzung denn eine Aufmunterung dafür, erkennbar positive Tendenzen zu verstärken. Immerhin 18 Prozent der Befragten empfinden generell andere Kulturen und Bräuche als positiv, acht Prozent bezeichnen die Bereicherung von Gastronomie und der Esskultur als angenehme Begleiterscheinung einer Zuwanderergesellschaft. Der Zuspruch zu Pizza- und Döner-Ständen passt dazu.

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