Schlägt die katholische Kirche einen neuen Weg ein? Papst Franziskus (ganz links) hat die Debatte um den Zölibat neu entfacht.
Schlägt die katholische Kirche einen neuen Weg ein? Papst Franziskus (ganz links) hat die Debatte um den Zölibat neu entfacht. (Foto: dpa)
Schwäbische Zeitung

Wolfgang Kramer hat einst das Wilhelmsstift in Tübingen besucht. Sein Traum war es, Priester zu werden. „Aber ich wusste, ich kann das nicht. Zum zölibatären Leben fühlte ich mich nicht berufen“, sagt er. „Ich war dann einer der ersten Pastoralreferenten, die es überhaupt gab.“ Heute ist der 68-Jährige offiziell im Ruhestand, bezeichnet sich als „leidenschaftlichen Seelsorger“ und widmet sich noch immer der Kirche, respektvoll und kritikfreudig. Heute kämpft er für eine Sache, die ihm selbst verwehrt blieb: Dass verheiratete Männer zu Priestern geweiht werden.

Die Pflicht zur Ehelosigkeit und Enthaltsamkeit für katholische Priester ist eine der umstrittensten Regeln in der katholischen Kirche. Nur Priester dürfen die Messe feiern, Beichte hören und die Krankensalbung spenden. Damit soll Schluss sein – viele Kirchengemeinden der Diözese Rottenburg-Stuttgart schlagen Alarm: Sie bangen wegen hoher Austrittszahlen, Mangel an Personal um Einschränkungen in der Seelsorge. Gerade die sonntägliche Eucharistiefeier am Ort, Quelle und Höhepunkt christlichen Lebens, kann immer weniger gewährleistet werden. Als Ausweg sehen sie das Ende des Pflichtzölibats.

Neuer Zugang zum Priesteramt

In vielen Kirchen liegen Unterschriftenlisten aus, Pfarrer predigen über den Aufruf, Kirchengemeinderäte verfassen Stellungnahmen. „Uns sind Seelsorgeeinheiten bekannt, in denen der Priester für sieben Gemeinden zuständig ist. So kann keine Seelsorge stattfinden – und wie soll dieser Priester seine Gemeindemitglieder angemessen betreuen?“, fragt der katholische Kirchengemeinderat der Stadt Tettnang in einer Stellungnahme, die die Initiative „pro concilio“ im Juli Bischof Gebhard Fürst mit weiteren Stellungnahmen und Unterschriftenlisten vorlegen wird. Dieser wird gebeten, sich in der Bischofskonferenz für einen neuen Zugang zum Priesteramt einzusetzen.

Noch liegt die Tettnanger Stellungnahme auf dem Schreibtisch von Wolfgang Kramer. Er ist Sprecher von „pro concilio“, ein Zusammenschluss von Priestern und Katholiken der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Jeden Tag bekommt Kramer Post: Anfragen für Informationsabende, Unterschriftenlisten, Stellungnahmen. „Überall regt sich etwas“, sagt Kramer. „Von denen, die mit der Kirche überhaupt noch was zu tun haben, steht ein Großteil hinter uns.“

Aktion kommt an 

Im Januar hat die Initiative eine Aktion gestartet und sich mit dem Memorandum „Priestermangel – Zeit zum Handeln“ an Kirchengemeinden, an Kirchenvertreter, an Interessierte gewandt: „Mit unserem Memorandum wollen wir die Dringlichkeit einer Diskussion um neue Zugangswege zum kirchlichen Amt anstoßen.“ Ziel ist, dass geeignete Diakone, Pastoralreferenten und geschulte Ehrenamtliche zu Priestern geweiht werden. Damit soll auch verheirateten Männern Zugang zum Priesteramt gewährt werden. Die Aktion findet Anklang: „Wir sind sehr zufrieden, wie es läuft“, sagt Kramer. Er trinkt Kaffee, während er spricht, seine Stimme ist entspannt, er klingt optimistisch.

Vor gut acht Jahren stellte sich Kramer eine bedeutende Frage: Aus der Kirche austreten oder auftreten? Damals sorgte die Aufhebung der Exkommunikation von vier Bischöfen der Piusbruderschaft, darunter des Holocaust-Leugners Richard Williamson, durch Papst Benedikt XVI. in aller Welt für Entsetzen.

Erneuerung der Kirche

Kramer entschied sich damals für Letzteres, für das „Auftreten“. Im Januar 2010 war die konstituierende Sitzung der Initiative „pro concilio“. Kramer ist Gründungsmitglied. Das Ziel: Die Erneuerung der Kirche auf der Grundlage des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Heute befinde sich die Kirche in einer Krise, so Kramer. „Zukunftsweisende Impulse wurden jahrelang blockiert. Heute spüren wir ihn, diesen stillen lautlosen Auszug aus der Kirche.“ Diesen „Niedergang der Kirche“, wie es Kramer überspitzt formuliert, wolle die Initiative stoppen. Sie fordert Reformen und ruft nach Strukturen, die zur heutigen Zeit passen.

Papst Franziskus selbst hat die Debatte um den Zölibat bei katholischen Geistlichen und um die Zulassung zur Priesterweihe von sogenannten „viri probati“ – also von bewährten verheirateten Männern, die ein nach katholischen Maßstäben vorbildliches Leben führen – neu entfacht. Unter anderem in einem Interview mit der Zeitung „Die Zeit“ im März hat er das Thema Ehelosigkeit bei Pfarrern und den Kampf gegen Priestermangel angesprochen. „Wir müssen darüber nachdenken, ob ,viri probati’ eine Möglichkeit sind. Dann müssen wir auch bestimmen, welche Aufgaben sie übernehmen können, zum Beispiel in weit entlegenen Gemeinden“, so Franziskus.

Mangel an Priestern

Er forderte die Bischöfe in der Vergangenheit zu „mutigen Lösungen“ auf und ist offen für eine Diskussion. Kramer will diese Diskussion, Tausende Katholiken fordern sie, denn die Lage verschärft sich. Ein Blick auf die Altersstrukturen zeigt, dass die Zahl – gleich ob Priester, Diakon, Pastoralreferent – der Altersgruppe, die zwischen 55 bis 60 Jahren liegt und in den kommenden Jahren das Ruhestandsalter erreicht, deutlich höher ist als die Zahl der 30- bis 40-Jährigen. Gerade einmal ein Priester wurde 2016 in der Diözese Rottenburg-Stuttgart geweiht. In dem Memorandum „Zeit zum Handeln“ der Initiative heißt es: „Jeder kann selbst ausrechnen, dass wir zunehmend ohne Priester auskommen müssen.“

Doch nicht alle folgen dem Ruf der Initiative. „Politische Aktionen wie diese kommen immer wieder vor. Themen werden über alle möglichen, zum Teil auch originelle Wege an Entscheider herangetragen. Innerhalb wie außerhalb der Kirche“, berichtet Bernd Herbinger, Leiter der Seelsorgeeinheit Friedrichshafen Mitte und stellvertretender Dekan. „Es geht eigentlich um Aufmerksamkeit für eine in den Augen der Befürworter wichtige Sache. Gremien sind es aber auch leid, mit etwas befasst zu werden, was sie auf ihrer Ebene ohnehin nicht entscheiden können. Wir haben uns in meinen drei Gemeinden entschieden, die Themen deshalb nicht auf die Agenda zu nehmen. Der Ort, um die Anliegen zu platzieren, ist der Diözesanrat.“

Dennoch wolle er sich zu einem Thema inhaltlich äußern: Dem Vorschlag, ständige Diakone zu Priestern zu weihen. „Das widerspricht diametral dem entwickelten Berufsbild der Diakone, die schon jetzt nicht Hilfspfarrer sein wollen, sondern aus ihrer definierten Position heraus Anwalt der Armen sind. Wenn’s klemmt, hilft man, auch das gilt schon länger in der Kirche. Deshalb sind bereits heute ein Viertel aller Priesterstellen mit ausländischen Mitbrüdern besetzt. Für mich liegen Lösungswege für den Priestermangel in einer verstärkt qualitativen Zusammenarbeit der Gemeinden wie auch der pastoralen Dienste.“

Somit ringen die Kirchengemeinden um die richtigen Wege zur Veränderung, den einen gehen die Forderungen zu weit, anderen nicht weit genug: „Um dem eklatanten Mangel an Priesteramtskandidaten entgegenzuwirken, reicht es unserer Meinung nach nicht, nur auf die ,viri probati’ zurückzugreifen“, heißt es etwa in der Mitteilung des Tettnanger Kirchengemeinderats. „Wir denken, dass die Abschaffung des Pflichtzölibats dazu führen könnte, dass wieder mehr Absolventen eines Theologiestudiums bereit wären, den Priesterberuf zu ergreifen. Der Zwang, sich in jungen Jahren auf ein Leben im Zölibat festlegen zu müssen, hält sicher viele davon ab, sich für ein Leben als Priester zu entscheiden.“

Ferner sollen auch Frauen zu den Weiheämtern zugelassen werden. „Wir erleben es in unserer Gemeinde und in der evangelischen Gemeinde hier am Ort, dass Frauen als Gemeindereferentin, Pastoralassistentin und Pfarrerin eine sehr gute seelsorgerische Arbeit leisten und von den Gemeindemitgliedern sehr geschätzt werden. Für uns ist es deshalb unverständlich, warum Frauen immer noch rigoros vom Diakonat und vom Priesteramt ausgeschlossen sind.“

Forderung nach mehr

Ähnliche Lücken in dem Anliegen der Initiative „pro concilio“ sieht der Dekanatsrat Allgäu-Oberschwaben: „Wir tragen das Schreiben als Dekanatsrat so nicht mit“, erläutert Florian Müller, Dekanatsreferent. „Es geht uns zu wenig weit und stützt sich zu einseitig auf die ,viri probati’. Wir wollen nicht nur, dass das Thema ,viri probati’ im Blick gehalten wird, sondern auch das Diakonat der Frau, als auch die Bemühungen des Diözesanrates zu anderen Zugangsämtern zur Gemeindeleitung. Wir sind der Überzeugung, dass wenn man für ,viri probati’ öffnet, das Problem auf die Zukunft hin nicht behoben ist.“ Das Dekanat wolle eine eigene Stellungnahme verfassen und dem Bischof schicken.

Das Diakonat der Frau, es ist eine Forderung, die auch „pro concilio“ unterstützt, aber aus strategischen Gründen zunächst ausgeklinkt hat: „Das ist Zukunftsmusik. Wir müssen klein anfangen und für das Frauendiakonat mindestens noch zehn Jahre warten“, sagt Kramer. „,Viri probati’ dagegen – das kann sofort umgesetzt werden und gibt es auch schon.“ Sieben bis acht Prozent der Priester in der katholischen Kirche, darunter die meisten in den mit Rom unierten Ostkirchen, schätzt er, sind verheiratete Männer.

Und trotz allem: „Wir sind Befürworter des Zölibats für die Männer und Frauen, die diese Berufung haben. Wir sehen zwei Berufungen: die für den Berufsweg und die für die Lebensform. Dass diese, was das Priesteramt betrifft, gekoppelt werden, ist heute nicht mehr begründbar“, so Kramer. „Die Folgen sind verheerend.“

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