Oliver Baumann in Chicago, seiner neuen Heimat.Er will jetzt die US-Staatsbürgerschaft beantragen. Einer seiner Brüder ist Ober
Oliver Baumann in Chicago, seiner neuen Heimat.Er will jetzt die US-Staatsbürgerschaft beantragen. Einer seiner Brüder ist Ober (Foto: Frank Herrmann)
Frank Herrmann
Frank Herrmann

Das Abenteuer Amerika, es hat, wenn man so will, in Moskau begonnen. Oliver Baumann arbeitete am Föderationsturm, einem der höchsten Wolkenkratzer Europas, er war zuständig für die technische Gebäudeausrüstung. 18 Monate pendelte er zwischen Moskau und seinem Büro in München. Es war eine stressige Zeit, der Kunde schwierig. Bei Besprechungen mit ihm, einem jungen Oligarchen, standen Bewaffnete im Zimmer. „Wir haben uns dann aus dem Projekt rausgezogen“, sagt Baumann, und als ihm seine Firma, Ebert Ingenieure, die Leitung der russischen Filiale anbot, lehnte er dankend ab. Dennoch, das Ausland reizte. „Ich hab’ mir überlegt, wo geht die Reise hin? Warum nicht auf die andere Seite? Warum nicht nach Amerika?“

Wenn Baumann aus seinem Büro-fenster blickt, hat er den Sears Tower vor der Nase. Den höchsten Hochhausturm des Mittleren Westens, der zwar neuerdings Willis Tower heißt, was die Chicagoer aber nicht weiter beeindruckt, zu vertraut ist ihnen der alte Name. Auf Hochgleisen rattert die El, die S-Bahn, deren Bahnhöfe wirken, als wären sie zum letzten Mal renoviert worden, als Al Capone hier der König der Unterwelt war. Am Horizont die tristen Wohnblocks der South Side, des afro-amerikanischen Südens der Stadt, wo Barack Obama als Sozialarbeiter gegen asbestverseuchte Mietskasernen kämpfte. Im Parterre flimmern die Bildschirme der Warenterminbörse, darauf die Preise für Sojabohnen, Weizen und Mais. Baumanns Consulting-Firma sitzt in der 39. Etage, und wenn man nach Metaphern sucht, könnte man sagen, dass es ein Kontrapunkt zum Start in Washington ist. Als der Deutsche dort anfing, arbeitete er in einem Keller. Der Anwalt, der ihn bei der Firmengründung beriet, hatte ihm angeboten, sich im „basement“ seiner Kanzlei an einen Schreibtisch zu setzen.

Die Anfangshürde

2006 war das, Baumann 35, solo und voller Tatendrang. Als Erstes überraschte ihn der zermürbende Ostküstensommer mit seiner schwülen Hitze, „schon morgens um sechs brauchtest du nur ein paar Schritte zu gehen, und schon warst du schweißgebadet“. Als Nächstes lernte er, dass die netten, offenen Amerikaner zwar immer neugierig waren auf den Ingenieur aus Germany. Dass dies aber noch lange keine Geschäfte bedeutete. Eher war er gefangen in einem Teufelskreis. Auf die Frage, wie viele Projekte in Amerika er denn schon vorzuweisen habe, konnte Baumann nur mit den Achseln zucken, was zur Folge hatte, dass es mit neuen Projekten nichts wurde. „Diese Hürde zu überwinden, das war extrem schwer.“ Überhaupt, sagt er, mancher in Europa verstehe sie falsch, die lockere Art der Amerikaner. „Nur weil dich hier jeder mit dem Vornamen anredet, heißt das nicht, dass du jedem auf die Schulter klopfen kannst.“

Anfangs beschränkten sich die Aufträge auf die ausländische Community: deutsche Botschaft, deutsche Schule, Weltbank. Bis Baumann erstmals den Zuschlag eines US-Unternehmens bekam, vergingen anderthalb Jahre, und letztlich öffneten sich die Türen nach einem Fünf-Minuten-Telefonat. Baumann war nach Texas gereist, nach Houston, um einen Manager von Gensler, einem der führenden Architektenbüros des Landes, zu treffen. Sein Flugzeug hatte Verspätung, der andere musste zum Flughafen, so blieb gerade mal Zeit für ein kurzes Gespräch von Auto zu Auto. Das reichte. Kurz darauf bezog Gensler ihn ein bei einem Projekt, Energieberatung an der George Washington University. Nichts Großes, aber ein Anfang.

Holland dagegen, das ist ein anderes Kaliber. Holland, eine 33000-Einwohner-Stadt am Michigansee. Eigentlich wollte die Kommune ein neues Kohlekraftwerk bauen, Experten sollten die Kapazität prognostizieren, gemessen am Bevölkerungstrend der nächsten zwei, drei Jahrzehnte. Es ging hin und her, irgendwann verzichtete Holland auf das Kraftwerk und konzentrierte sich stattdessen darauf, den Energieverbrauch zu senken. Nach dem „Community Energy Plan“, angelegt auf 40 Jahre, werden undichte Türen und Fenster ausgetauscht, Häuserwände und Dachböden gedämmt, wer seinen betagten Heizkessel gegen einen neuen austauscht, erhält Zuschüsse. Eine sehr europäische Lösung, für die Tea Party theoretisch ein Grund, auf die Barrikaden zu gehen wegen der Steuergelder, die dafür fließen.

Zwei Dinge hat Baumann gelernt in Holland, Michigan. Erstens klammern sich Amerikaner nicht ewig an alte Glaubenssätze, sie steuern um, sobald sie merken, dass es sich lohnt. Zweitens ist eher Nebensache, was Kabinett oder Kongress in Washington beschließen. George W. Bush etwa sprach vollmundig vom Nullenergiehaus, ohne an praktischen Schritten viel folgen zu lassen. Man schrieb das Jahr 2005, der Gasbedarf schien nur noch durch teure Importe zu decken, bevor die Fracking-Welle zu rollen begann. Kaum einer erinnert sich noch an Bushs Parolen. Schall und Rauch. „Wo wirklich was passiert, ist auf lokaler Ebene“, sieht Baumann. New York, Chicago, Seattle: allesamt Metropolen mit ehrgeizigen Umweltplänen. Holland will sein Old-Economy-Image einmotten, Investoren anziehen, dem Schicksal Detroits entgehen.

Keine Umweltvorreiter

Baumann hilft Häuser so zu konzipieren, dass sie keine Ressourcen vergeuden, wenn sie erst bezogen sind. Zudem berät er Bauherren, die sich mit einem Zertifikat schmücken wollen, das griffig Leed heißt, in voller Länge Leadership in Energy and Environmental Design. Vergeben vom Rat für Grünes Bauen, gilt es als Ausweis modernen Ökobewusstseins. Gute Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr, Fahrradstellplätze, kein Bauen auf der grünen Wiese und vor allem Energie sparen – das sind ein paar Leed-Kriterien. In Deutschland gibt es ein ähnliches Zertifikat, es ist anspruchsvoller, zugleich weniger einprägsam betitelt, DGNB. In Deutschland verleiht man Plaketten in Bronze, Silber und Gold, in den USA in Silber, Gold und Platin. „Umweltvorreiter sind die Amerikaner sicher nicht“, kommentiert der Fachmann den Unterschied, „aber klar überlegen beim Marketing“.

Baumann kannte die Neue Welt von Besuchen bei einem seiner Brüder, der als Wirtschaftsjournalist aus New York berichtete. Ein anderer Bruder ist Oberbürgermeister in Ehingen. In München hatte Oliver Baumann Maschinenbau studiert, im oberschwäbischen Biberach, seiner Heimatstadt, beim Bau eines Berufsschulzentrums erste Erfahrungen gesammelt. Vor zehn Jahren verbrachte er ein paar Monate als Gastforscher am Lawrence-Berkeley-Labor in der Nähe von San Francisco, schrieb an einer Doktorarbeit, die nie fertig wurde, sah auf seinen Amerika-Reisen immensen Nachholbedarf – und warb bei seinen Chefs für die Idee, dort ein Büro aufzumachen. Vor Kurzem rutschte Ebert in die Insolvenz, Baumann traf es nicht, seine Zweigstelle ist rechtlich getrennt von der deutschen Zentrale. Es ändert nichts daran, dass ihn deutsche Geschäftspartner argwöhnisch fragen, wie das denn sein könne, dass er nicht auch pleite sei. Das Stigma des Scheiterns, in Deutschland werde man es nur schwer wieder los, sagt er. Wer in den USA scheitere, stehe wieder auf, ohne dass das Etikett des Versagers an ihm klebenbleibe. Baumann vermisst es nicht, das deutsche Misstrauen. Was er indes vermisst, ist die deutsche Bürokratie.

Noch so ein Klischee: Das hemdsärmlige Amerika, wo der Amtsschimmel nicht wiehert und alles im Handumdrehen erledigt wird. Das Gegenteil ist der Fall. In Deutschland, sagt Baumann, könne man sich mit Leuten aus der Verwaltung zusammensetzen. In Amerika hänge man in Telefonwarteschleifen, und wenn man drankomme, erweise sich die Person am anderen Ende der Leitung entweder als desinteressiert oder unqualifiziert. Und dass 50 Bundesstaaten eine Union bilden, bedeutet noch lange kein Ende der Kleinstaaterei. Wenn Baumann, registriert im District von Columbia, dem Hauptstadtbezirk, bei Ausschreibungen in Maryland oder Virginia mitbieten wollte, im Speckgürtel rings um Washington, wurde er behandelt wie ein Ausländer. „Der reinste Flickenteppich.“

Im vergangenen Jahr zog er nach Chicago, nicht nur, weil die Sommer dort erträglicher sind als in den ehemaligen Sümpfen am Potomac. Cindy, die Ingenieurin, die er in den USA kennenlernte, mit der er verheiratet ist und zwei Kinder hat, stammt aus der „Windy City“. Demnächst beantragt Baumann die amerikanische Staatsbürgerschaft. Die deutsche, sagt er, wolle er dennoch behalten.

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