In einer WG mit Benedikt, Diener von Franziskus: Leben und Arbeiten mit zwei Päpsten

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Erzbischof Georg Gänswein stattet während seines Urlaubs auch dem Europa-Park in Rust einen Besuch ab.
Erzbischof Georg Gänswein stattet während seines Urlaubs auch dem Europa-Park in Rust einen Besuch ab. (Foto: dpa)
Deutsche Presse-Agentur
Jürgen Ruf

Georg Gänswein ist der Diener des Papstes. Mit dem 2013 zurückgetretenen Benedikt XVI. lebt er im Vatikan in einer Wohngemeinschaft, ist sein Privatsekretär. Für Papst Franziskus, Benedikts Nachfolger, arbeitet er als Präfekt des Päpstlichen Hauses. Im Vatikan hat er damit eine Schlüsselposition inne.

Seiner Heimat bleibt der aus dem Schwarzwald stammende Gänswein treu – auch 35 Jahre nach seiner Priesterweihe in Freiburg. Seinen zwei Wochen dauernden Sommerurlaub und die Zeit nach Weihnachten verbringt er jedes Jahr im Schwarzwald. „Das sind meine Wurzeln“, sagt Gänswein bei einem Gespräch in Rust. Seine Schwarzwaldvisite nutzt er für einen Besuch des Europa-Parks, der auch fünf Kirchen und zwei Pfarrer hat.

Seit 23 Jahren Leben und Arbeiten im Vatikan

Ende Mai 1984 wurde Gänswein zum katholischen Priester geweiht, danach war er zwei Jahre Kaplan in Oberkirch, nicht weit von Rust entfernt. Heute ist er Erzbischof, seit 23 Jahren lebt und arbeitet er im Vatikan. Gänswein, der vergangenen Dienstag 63 Jahre alt geworden ist, stammt aus dem 350-Seelen-Dorf Riedern am Wald. Dort hat er eine Wohnung.

„In Rom fehlt mir manchmal die Heimatluft“, sagt er. In dem Dorf und den Nachbarorten im Kreis Waldshut leben seine vier Geschwister, Verwandte und Freunde. „Für mich ist hier der Ort des Auftankens.“ Wanderungen und Begegnungen stünden im Mittelpunkt – und jeden Morgen in der kleinen Dorfkirche die Heilige Messe.

Der engste Vertraute von Papst Benedikt XVI.

Der Geistliche, der einen Doktortitel und den Spitznamen „Don Giorgio“ trägt, gilt als engster Vertrauter des emeritierten Papstes. Joseph Ratzinger holte ihn Mitte der 1990er-Jahre nach Rom. Die Frage nach dem Gesundheitszustand Benedikts XVI. begleitet Gänswein seit Jahren. „92 Jahre, im Kopf ganz klar. Die körperlichen Kräfte haben stark nachgelassen – beim Gehen, beim Aufstehen, beim Sitzen“, sagt er über den Alt-Papst. „Er ist schneller müde, wenn er arbeitet. Ich sage dann: ,Heiliger Vater: Mit 92 darf man auch mal müde sein.’“

Missbrauch, Priestermangel und weniger Gläubige

Anteil nehme Benedikt XVI. an der Krise der katholischen Kirche in Deutschland. Der Missbrauchsskandal, die stark sinkende Zahl von Gläubigen und der Priestermangel machten ihm Sorge. Für Irritationen sorgte der emeritierte Papst, als er im April dazu einen Aufsatz veröffentlichte. Er forderte, sich auf den Glauben zu konzentrieren – und sah in der zunehmenden sexuellen Offenheit seit den 1960er-Jahren eine zentrale Ursache für Missbrauch. „Fantasien eines Alt-Papstes“ nennt der Freiburger Theologe Magnus Striet die These, die 68er-Revolution sei der Grund für Missbrauch.

Kein Rütteln an Traditionen und Zölibat

Gänswein fordert Aufklärung bei Missbrauchstaten, sieht sich aber auf Linie des Alt-Papstes: „Mit Rückbesinnung auf die Ur-Botschaft, mit Rückbesinnung auf die eigentlichen Grundelemente des Glaubens werden wir aus dieser Krise, aus dieser Not herauskommen.“ Kirche solle nicht jedem Zeitgeist folgen. Am Zölibat, der Pflicht zur Ehelosigkeit von Priestern, dürfe sie nicht rütteln. Auch Frauen als Priester lehnt Gänswein ab. Mit der Botschaft Christi sei dies nicht vereinbar. Positionen, die auch in der Kirche umstritten sind.

Der erste Diener zweier Päpste

Für Franziskus plant und organisiert Gänswein die päpstlichen Audienzen. Über seine Doppelrolle sagt er: Erstmals in der Geschichte gebe es mit ihm eine Person, die zwei Päpsten gleichzeitig diene. „Die Unterschiede sind gewaltig.“

„Es war am Anfang sehr schwierig“, sagt Gänswein: „Die große Unterschiedlichkeit sowohl der Persönlichkeit als auch der Art und Weise des Handelns und des Regierens war für mich eine große Herausforderung und nicht einfach. Inzwischen hat sich das gut eingefädelt, und wir haben einen sehr guten Kontakt.“

Franziskus ist ein Mann mit großem Humor, und er lebt auch Humor.

Georg Gänswein über den Papst

Der 82 Jahre alte Franziskus sei spontaner und setze andere inhaltliche Schwerpunkte. Das bringe Konflikte. Doch es gelinge, diese zu entschärfen. „Franziskus ist ein Mann mit großem Humor, und er lebt auch Humor“, sagt Gänswein: „Insofern ist manches, was sich atmosphärisch auflädt, humorvoll zu beseitigen.“

Inhaltlich und menschlich ist Gänswein nach Einschätzung von Beobachtern mehr dem traditionsbetonten Benedikt verbunden als Franziskus, der für kirchliche Reformen steht. Spekuliert wird daher über einen möglicherweise sinkenden Einfluss des Schwarzwälders im Vatikan.

Im Gespräch gibt er sich offen, nahbar, gut gelaunt und wortgewandt. Das Heimatdorf bleibe sein Rückzugsort, erzählt der Erzbischof, der vor zwei Jahren mit gesundheitlichen Problemen kämpfte und sich nun wieder fit fühlt, wie er sagt. Er ist offiziell weiter Priester der Erzdiözese Freiburg.

Die Entscheidung, Priester zu werden, bereue er nicht. „Es ist der schönste Beruf der Welt im Hinblick auf das, was ich zu verkündigen habe: die schönste Botschaft. Es ist inhaltlich erfüllend, weil man mit Menschen direkt zusammenkommt, von der Taufe bis zur Beerdigung sie begleitet und ihnen die Perspektive für das ewige Leben öffnet.“

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