Uwe Jauss

„Und was ist, wenn die leichten Erdbeben nur Vorboten eines großen Rüttlers sind?“ Eine gute Frage. Rentnerin Monika Zureich hat sie in die Runde eines frühabendlichen Stammtischs im Café Chantal geworfen. Das kleine, schummrige Lokal liegt in einem Neubaugebiet von Hilzingen. Unter der 8500-Seelen-Gemeinde ist wiederum seit Anfang November regelmäßig das jeweilige Epizentrum der Erdstöße, die den Hegau am westlichen Ende des Bodensees zumindest leicht erzittern lassen – inzwischen fast 70-mal. „Einige davon hat man richtig gespürt“, berichtet Monika Zureich. „Geschirr hat gewackelt, auch die Schränke.“

Damit meint sie wohl jene vier bisherigen Spitzen-Erdbeben. Deren stärkstes erreichte die Stufe 3 der Richterskala. „Bei dem hat es auch einen richtigen Knall gegeben“, weiß die Frau. Wie zur Beruhigung nimmt sie einen Schluck Rotwein zu sich. Ihr daneben am Tisch sitzender Mann Wolf Zureich erinnert sich: „Als es so stark gebebt hat, ist die Katze wie ein Blitz auf und davon.“ Wobei selbst die Stufe 3 üblicherweise nicht zu Katastrophen führt. Vielleicht fällt ein Glas aus dem Regal. Kommt es ganz schlimm, kann es Risse in Hauswänden geben. Angeblich war dies nun in Hilzingen der Fall. Aus dem Rathaus heißt es, dass solche Berichte vorlägen. Ob für diese Risse aber wirklich Erdstöße verantwortlich sind, wird infrage gestellt. Sie könnten beispielsweise auch durch Bodensetzungen entstanden sein, wird von amtlicher Seite gemutmaßt.

Schreckensbilder aus Italien

Die Stammtischmannschaft im Café Chantal hat jedoch sowieso ganz andere Bilder im Kopf. Da geht es nicht um Risse, sondern um jüngste Verwüstungen in Mittelitalien. Seit dem Sommer hatten dort mehrere starke Erdbeben Zehntausende Menschen obdachlos gemacht. Rund 300 Tote wurden gezählt. Einer der Erdstöße lag bei 6,6 der Richterskala. Es war der stärkste seit über 30 Jahren in Italien. „Es wird doch nicht so schlimm werden wie dort“, hofft Ewald Beier und umklammert seine Bierflasche. Der alte Mann bietet sogar eine eigene Theorie zur Entstehung der Erdbebenserie: „Vielleicht sind unterirdische Geheimgänge beim Hohentwiel eingestürzt.“ Dazu muss man wissen, dass auf dem gleich bei Hilzingen emporragenden Berg in alten Zeiten die größte württembergische Landesfestung stand.

Aberwitzige Erklärungen

Mächtige Ruinen sind immer noch da. Wie so oft bei solchen Gemäuern gibt es dazu auch Volkssagen über kilometerweite Gänge von Festungskasematten hinaus zu Dörfern. Ein Unsinn gemäß historischer Forschung. In diesen Tagen lassen sich aber in Hilzingen immer wieder Menschen wie Ewald Beier finden, die für die Beben spezielle Erklärungen anbieten. Dazu gehören vermeintliche nordkoreanische Atombombentests oder vermutete, unkonkret bleibende Öko-Verschwörungen. Wie so oft bei solchen Ereignissen findet sich auch jemand, der „eine Strafe Gottes“ vermutet. Ein geologisch kundiger Bürger verweist auf die Vulkanlandschaft des Hegau: „Vielleicht kommt es zu einem neuen Ausbruch.“

Die meist mit Burgruinen bekrönten Hegau-Berge gehen zwar auf Vulkane zurück. Deren beste Aktivzeiten liegen aber 14 Millionen Jahre zurück. Bald darauf erloschen sie. Übrig sind von ihnen nur noch Gesteinskegel. Erneute vulkanische Tätigkeiten schließen Geologen für den Hegau aus. Aber momentan wird in dem sonst eher ruhigen Hilzingen eben gerne spekuliert. Dies weist auch darauf hin, dass die Bodenwackelei vielen unter die Haut zu gehen scheint. Natürlich geht das Leben trotzdem seinen Gang. Eltern holen Kinder von der Schule ab. Beim Bäcker wird einkauft. Im Gewerbegebiet kurven Sattelschlepper umher. Die katholische Kirchengemeinde lädt auf einem Plakat zur Theateraufführung ein. Kommt die Rede jedoch auf die Erdbebenserie, ist aber auch von unaufgeregten Bürgern oft zu hören: „Es ist erschreckend.“ Bürgermeister Rupert Metzler beschreibt die Gefühlslage im Ort etwas zurückhaltender: „Durch die Häufigkeit der Erschütterungen sind die Bürger schon etwas verunsichert.“ Er selbst gibt sich gelassen: „Wenn ich sehe, dass unsere Barockkirche Peter und Paul seit über 250Jahren steht, mache ich mir wegen dieser Beben keine Sorgen.“ Dennoch würde Metzler den Menschen gerne eine stichhaltige Erklärung für die Erdstöße liefern – zumal ihre Häufigkeit an einem Ort nach Angaben des Landeserdbebendienstes durchaus sehr ungewöhnlich ist. Dessen Chef Wolfgang Brüstle kann nur generell sagen, dass „die Gründe für die aktuellen Erdbeben Spannungen im Gestein und Brüche an geologischen Verwerfungen sowie Schwächezonen im Untergrund sind“. Weshalb sich die Beben häufen, sei noch nicht bekannt.

Fast täglich kleine Erbeben

Dass es bebt, ist jedoch grundsätzlich nicht überraschend. Der deutsche Südwesten liegt noch im Einflussbereich eines tektonischen Großereignisses – nämlich dem Zusammenprall der Afrikanischen mit der Eurasischen Kontinentalplatte. Seismologe Brüstle meint dazu: „Sehr schwache, in der Regel nicht wahrnehmbare Erdbeben werden in Baden-Württemberg fast täglich gemessen.“ Mit mittelstarken Beben sei einmal in zehn Jahren zu rechnen. Zudem könnten katastrophale Ereignisse nicht ausgeschlossen werden.

Immerhin hat sich sogar ein Erdbeben im Volksgedächtnis zwischen Stuttgart und Bodensee eingebrannt: jenes im Zollerngraben bei Hechingen 1978. Es erreicht die Stufe 5,7 der Richterskala. Hunderte Gebäude wurden beschädigt. Auf der Burg Hohenzollern rutschten Mauern ab. Die Knochen des seinerzeit dort verwahrten Preußenkönigs Friedrich der Große sollen angeblich fast aus dem Sarg gesprungen sein. Die Erschütterungen waren im weiten Umkreis spürbar. „Auch bei uns im Ort“, erinnert Werner Mennle, der in Hilzingen ein Elektrogeschäft betreibt. Aber auch früher seien im Hegau Erdbeben bemerkbar gewesen. Eine stark in die Jahre gekommene Kundin erinnert sich im Laden an ihre Kindheit im elterlichen Bauernhaus. „Dies war nicht so stabil gebaut. Da haben sich die Wände sichtbar bewegt.“

Brennpunkte sind die Zollernalb sowie das Dreiländereck am Rheinknie

Heutzutage existieren amtliche Mindeststandards fürs Bauen in gefährdeten Gebieten. Dies gilt auch für Hilzingen. Der Ort steht in der sogenannten Erdbebenzone 2. Dazu gehört der Bodenseeraum, Teile Oberschwabens, der Schwäbischen Alb und der Hochrhein-Bereich. Theoretisch können sich die Geologen hier schwere Erdbeben vorstellen. Brennpunkte sind die Zollernalb sowie das Dreiländereck am Rheinknie bei Basel, Lörrach und Mühlhausen. Sie gehören zur Zone 3, der höchsten Gefährdungsstufe. In historischen Zeiten hat es das eidgenössische Basel bereits einmal schwer getroffen: Im Jahr 1356 legten Erdstöße die Stadt in Trümmer. Tausende starben. Nach aktuellen Forschungen lag die Stärke bei 7 auf der Richterskala.

Von Hilzingen aus sind es gerade mal 92 Kilometer bis Basel. Etwas nördlich davon existiert aber etwas, das im Hegau weitaus mehr Sorgenfalten hervorruft als ein historisches Beben: das französische Uralt-Atomkraft Fessenheim am Oberrhein. Trotz aller Beteuerungen seines Betreibers Electricité de France wird die Erdbebensicherheit der beiden Reaktoren angezweifelt. Auch die baden-württembergische Landesregierung tut dies seit Jahren offiziell. Die beabsichtigte Stilllegung Fessenheims zieht sich aber seit Jahren hinaus. „Wenn dort etwas geschieht, sind wir in Hilzingen mit betroffen“, glaubt Anja Saßmannshausen, Inhaberin des örtlichen Buchladens „s’Büchle“.

Bebengefahr durchkreuzt Pläne

Fessenheim mag die marodeste Atomeinrichtung des Landstriches zwischen Hegau, Hoch- und Oberrhein sein. Die Schweiz hat der Region aber drei weitere Reaktoren beschert. Zwei davon sind noch älter als jene von Fessenheim. Hinzu kommen eidgenössische Überlegungen, beim Dorf Benken unweit des Schaffhausener Rheinfalls ein Atomendlager zu bauen. Von Hilzingen aus wäre dies ein Katzensprung. Doch die Eidgenossen haben jüngst angefangen, das entsprechende Erdbebenrisiko für ihre Atomanlagen neu zu berechnen. Seitdem scheint Benken nicht mehr erste Wahl zu sein, wie der Schweizer Bundesrat durchklingen ließ. Deutsche Überlegungen, das Hegau auf die geologische Tauglichkeit für eine Endlagerstätte zu untersuchen, haben sich indes nach Mitteilung einer Expertenkommission des Bundes im Juni komplett erledigt. Der Grund ist einmal mehr die Gefahr durch Beben.

Die Nachrichten, dass Nuklearmüll wohl nicht in die Nachbarschaft kommt, hat auch die Stammtischler im Café Chantal erreicht. „Gut so. Wir wollen doch nicht Atomschrott vor unserer Hilzinger Haustüre. Mit den ganzen Erdbeben eh nicht“, betont Wolf Zureich. Seine Frau sinniert inzwischen, nimmt nochmals einen Schluck Wein und meint schließlich genervt: „Wenn die Beben nur endlich mal aufhören würden.“ Ein namenloser Zecher schimpft dazu im örtlichen Dialekt: „Genug ist genug.“ Die Seismologen des Landeserdbebendienstes können dem Stammtischkreis aber keine Hoffnung machen. Ihrer Ansicht nach kann es noch monatelang mit schwächeren und stärkeren Beben weitergehen. Sie haben jetzt erst einmal eine mobile Messstation in Hilzingen stationiert.

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