Die Ziehung der Lottozahlen: Illegale Online-Anbieter bringen Lotto in Not.
Die Ziehung der Lottozahlen: Illegale Online-Anbieter bringen Lotto in Not. (Foto: dpa)
Klaus Wieschemeyer

Auf den ersten Blick sieht alles nach Lotto aus: die Tippfelder, das Auftreten, die Quoten. Doch „Tipp24“ ist gar kein Lotto: Es ist eine Firma, die nach englischem Recht auf die deutsche Lottoziehung wettet. Wer im Internet dort oder bei vielen anderen Anbietern Geld setzt, spielt nicht in Deutschland, sondern in London. Seit Jahren geht das so. Und so geht es nicht weiter, sagt Marion Caspers-Merk, die Chefin von Lotto Baden-Württemberg.

Caspers-Merk sitzt in der Lotto- Zentrale im Norden von Stuttgart und zählt auf, was ihre Gesellschaft alles leistet. Natürlich geht es auch um die Lottofee, die Ziehung der Zahlen, der Kaffee mit den Großgewinnern. Doch es geht um viel mehr: um die von Lotto bezahlte Suchtprävention und um die Annahmestellen auf dem Land. Und um viel Geld: Im vergangenen Jahr hat allein Lotto Baden-Württemberg 153 Millionen Euro an Lotteriesteuern ans Land abgeführt. Hinzu kommen 210 Millionen Euro, die als Zweckerträge ausgeschüttet wurden: Spieleinsätze, mit denen Sportplätze gebaut, Kultur gefördert, Denkmäler erhalten und soziale Projekte angeschoben wurden.

Auch Tipp24 tue Gutes, aber ganz anders: „Tipp24 kapert unsere Produkte und privatisiert die Gewinne. Was bei uns in die Förderung des Gemeinwohls fließt, geht dort an die Aktionäre. An all diesen gesellschaftlichen Leistungen drücken sich die privaten Anbieter vorbei“, sagt Caspers-Merk bitter.

Und es geht nicht nur dort so: Friedrich Stickler, Präsident von mehr als 80 europäischen gemeinwohlorientierten Lotterien, warnte im Juli in Stuttgart gar vor einem Ende der Staatsgesellschaften. Es sei fünf vor Zwölf. Während diese dank staatlicher Regulierung eigentlich nichts mehr dürften, machten die Illegalen, was sie wollten, klagte Stickler. Nur eines von vielen Beispielen: der früher in der Zeitung einliegende Lottoschein zum Selberausfüllen. Beliebt bei Lesern und Lotto gleichermaßen. Doch dann untersagt vom zuständigen Regierungspräsidium – Suchtgefahr. Doch nichts gegen die Flut von Spam-Mails, die für Online-Glücksspiel werben.

Es ist wieder so eine Ausbeuter-Geschichte, die die New Economy schreibt: Ein neuer Anbieter schlägt auf, ignoriert alle Regeln und nutzt schamlos das aus, was andere mühsam an Werten schaffen, um daraus Millionenprofite zu schlagen. Bei Tipp24 hört sich das natürlich ganz anders an: Man zahle Millionen Steuern, sagt deren Sprecher Sebastian Blohm. Nur eben in London – weil die Firma erfolgreich von den „Lobbyisten“ aus Deutschland vertrieben worden sei. Nach Ansicht der Lottogesellschaften ist das Geschäftsmodell von Tipp24, vom Ausland aus deutsches Zahlenlotto zu nutzen, illegal. Was Tipp24-Sprecher Blohm auch nicht wirklich dementiert. Ebenso sind auch unlizensierte Sportwettenläden in Innenstädten nicht erlaubt. Aber auch nicht verboten, weil der Staat bisher keine Lizenzen rausgegeben hat. Laut deutschem Glücksspielstaatsvertrag könnte man vieles unterbinden – so könnte man Geldflüsse über die Grenze stoppen. Wenn ein Gewinner nicht mehr an sein Geld käme, wäre das Geschäftsmodell von Tipp24 wohl umgehend erledigt. Zuständig für Geldsperren ist – dem Föderalismus sei Dank – Niedersachsens Innenministerium.

Als die „Süddeutsche Zeitung“ Ende Juli schrieb, dass die Niedersachsen an einem Stoppsystem arbeiten, rauschte die Aktie von Tipp24 umgehend in den Keller. Zu Unrecht, findet Sebastian Blohm: Seine Firma geht nicht davon aus, dass die Zahlungssperre bald kommt. Es gebe zu viele offene Rechtsfragen. Mehr müsse man beim Ministerium direkt erfragen: Eine solche Anfrage der „Schwäbischen Zeitung“ konnte man in Hannover bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe nicht beantworten.

Oddset abgehängt

Während die Zahlungsströme in Niedersachsen bearbeitet werden, liegt ein anderes Arbeitsfeld in Hessen: die Lizensierung von Sportwetten. Seit Jahren herrscht Wildwuchs, weil die zwanzig Lizenzen für Deutschland nicht vergeben waren. Und weil keiner eine Lizenz hatte, machten auch die ohne schlicht weiter – zulasten des staatlichen Angebots Oddset, das massiv einbrach. 2002 machte Lotto Baden-Württemberg 78 Millionen Euro Umsatz mit der Wette, im vergangenen Jahr verblieben noch 14,7 Millionen Euro. Experten schätzen den Marktanteil von Oddset bei den Sportwetten mittlerweile auf gerade einmal zwei bis drei Prozent.

Caspers-Merk schöpft aber Hoffnung: Im ersten Halbjahr 2014 ist die Lage rosiger, auch wegen der Fußball-WM. „Oddset läuft wieder etwas besser. Aber wir warten immer noch auf die Lizenz, ohne die wir nicht ins Internet dürfen.“ Die könnte jetzt tatsächlich kommen: Das Land Hessen hat am Dienstag die zwanzig Lizenzen vergeben, wie ein Sprecher der „Schwäbischen“ Zeitung bestätigte. Damit könnte auf dem Milliardenmarkt Ruhe einkehren.

Oder auch nicht. Denn längst sind die Wettanbieter groß geworden und werden sich wohl mit allen rechtlichen Mitteln gegen das Ende ihrer Geschäfte stemmen. Der Glücksspielstaatsvertrag bietet da durchaus Angriffsfläche: Er gilt unter Experten als verkorkst. Zudem haben die Wettanbieter hochrangige Werbepartner – auch im Südwesten.

Das macht Caspers-Merk ziemlich sauer, zumal einige der heutigen Erstligakicker ihre Erfahrungen auf von Lotto bezahltem Rasen gemacht haben dürften: „Ich finde es schon merkwürdig: Auf der einen Seite fördern wir den Sport im Südwesten mit mehr als 59 Millionen Euro im Jahr. Auf der anderen Seite haben alle drei Fußball-Bundesligisten im Land Verträge mit Sportwettenanbietern ohne Lizenz. Das Unrechtsbewusstsein scheint hier nicht sehr groß zu sein“, sagt Caspers-Merk.

Das Totenglöckchen will die Lotto-Chefin aber nicht über ihrer Gesellschaft läuten. Zwar ist der durchschnittliche Lottospieler schon Mitte 50, und die Umsätze liegen seit 2006 weit unterhalb der früheren Milliardengrenze. Doch aktuell geht es bergauf: Bis zur Jahresmitte verzeichnete die Gesellschaft einen Umsatzzuwachs von 3,5Prozent. Wachstumstreiber ist dabei vor allem der neue Eurojackpot.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen