Hunderte randalieren in Stuttgart: zahlreiche Verletzte, geplünderte und zerstörte Geschäfte

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Randale und Plünderungen in Stuttgart
21.06.2020, Baden-Württemberg, Stuttgart: Polizeieinheiten sammeln sich, um gegen Randalierer vorzugehen. Bei Auseinandersetzungen mit der Polizei haben dutzende gewalttätige Kleingruppen die Innenstadt verwüstet und mehrere Beamte verletzt. (Foto: Simon Adomat)
Landes-Korrespondentin
Deutsche Presse-Agentur

Bei Straßenschlachten mit der Polizei haben in der Nacht zum Sonntag dutzende gewalttätige Kleingruppen die Stuttgarter Innenstadt verwüstet und mehrere Beamte verletzt. „Die Situation ist völlig außer Kontrolle“, sagte ein Polizeisprecher in Stuttgart. Mehr als 200 Beamte aus dem Stuttgarter Umland waren in die Hauptstadt beordert worden, um die Lage unter Kontrolle zu bekommen. Mehr als 20 Personen wurden vorläufig festgenommen.

Nach Polizeiangaben war der Auslöser wohl eine Polizeikontrolle anlässlich eines Rauschgiftdelikts. Viele Feiernde, die sich in der Umgebung aufhielten, hätten sich solidarisiert und seien gemeinsam auf die Beamten losgegangen, heißt es in einer Pressemitteilung. Die Menschen seien dann Richtung Schlossplatz gezogen und hätten sich auch in der Innenstadt verteilt. 

Die Bilder aus der Stuttgarter Innenstadt können uns nicht kalt lassen.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat die Randale in der Stuttgarter Innenstadt scharf verurteilt. „Diese Taten gegen Menschen und Sachen sind kriminelle Akte, die konsequent verfolgt und verurteilt gehören. Die Bilder aus der Stuttgarter Innenstadt können uns nicht kalt lassen. Unsere Gedanken sind bei den verletzten Polizeibeamten und den durch die Plünderungen Geschädigten. Jetzt müssen wir die Faktenlage und Erkenntnisse zusammentragen und bewerten und mit Hochdruck klären, wer dahinter steckt. Ich habe mich von Innenminister Strobl informieren lassen. Mein Dank gilt den Polizeibeamten für ihren nächtlichen Einsatz“, teilte er am Mittag in Stuttgart mit.

Randalierer gingen mit Stangen und Pfosten auf Fahrzeuge los

Im Kurznachrichtendienst Twitter kursierten Videoaufzeichnungen von jungen Männern, die gegen Schaufensterscheiben von Geschäften traten oder Pflastersteine aus dem Boden rissen. Der Polizeisprecher sagte: „Es wurde richtig randaliert.“ Eine ganze Reihe von Geschäften seien betroffen gewesen, zudem Fahrzeuge. Es habe auch Plünderungen gegeben.

"Abgestellte Streifenwagen wurden massiv beschädigt. Mit Stangen und Pfosten wurde auf die Fahrzeuge eingeschlagen, die Scheiben zertrümmert", heißt es in der Pressemitteilung der Polizei. Schwerpunkte seien der Schlossplatz und die benachbarte Königstraße gewesen, die als Stuttgarts Shoppingmeile bekannt ist.

Die Übergriffe wurden von Passanten und Teilnehmern aufgezeichnet und in Sozialen Medien geteilt: 

Mehrere Hundert Menschen in Kleingruppen

Über die genauen Hintergründe der Auseinandersetzung und die Anzahl der Randalierer war zunächst nichts bekannt. Die Polizei sprach von mehreren hundert Menschen, die in Kleingruppen unterwegs gewesen. Es habe Verletzte, auch unter Polizisten, gegeben. Von schweren Verletzungen wusste der Sprecher zunächst nichts. Zudem gab es mehrere Festnahmen.

Die Krawalle hätten gegen Mitternacht begonnen. Am Sonntagmorgen hieß es, die Lage habe sich beruhigt. Der Großteil der Einsatzkräfte, die aus anderen Teilen Baden-Württembergs in die Landeshauptstadt beordert worden waren, hat Stuttgart wieder verlassen. 

Christian Erler kehrt am Sonntagvormittag in einem Mobilfunk-Geschäft an der Königstraße Scherben zusammen. Mitten in der Nacht hat ein Freund aus München ihn angerufen und ihm ein Video geschickt. „Da plündern welche euren Laden“, so die Nachricht. Seit 6 Uhr ist er mit seinem Chef im Geschäft. Es fehlen Handys, die Scheiben sind zertrümmert, Regale aus der Wand gerissen. „Das schockiert mich wirklich, mit so etwas rechnet man doch nicht, nicht hier in Stuttgart“ sagt Erler.

Randale in Stuttgart - der Tag danach. (Foto: Katja Korf)

Blutspur in der Königsstraße

Die Spurensicherung der Polizei war schon da, nun folgen Kamerateams, Fotografen und Passanten. Zwei Herren wollen von dem Ladenbesitzer wissen, ob die Täter „typische Schwaben“ waren. Der hat aber selbst nur Videos gesehen. Über die schicke Königstraße, die Shoppingmeile Stuttgarts, zieht sich eine schmale Blutspur. „Sieht schon übel aus“, sagt ein junger Mann in Poloshirt und Seglerschuhen zu  seiner Begleiterin.

Vor dem Haus der Katholische Kirche sind die Blutspuren deutlich zu sehen. Obdachlose unterhalten sich über die Nacht, „die hatten wohl einfach Langeweile“, lautet ihre These.

Ausgeartete Drogenkontrolle

Wenige Meter weiter, am wieder freilich daliegenden Schlossplatz, wirbt ein Café vor dem Einkaufszentrum Königbaus mit der „Törtchen-Time.“ An den Tischen spekulieren Gäste über Motive und Täter. Doch darüber ist zunächst wenig bekannt. Laut Polizei artete eine Drogenkontrolle aus, andere Feiernde schlossen sich den Randalen an. Am Nachmittag wollen Stadt und Polizei bei einer Pressekonferenz weitere Erkenntnisse bekannt geben.

Aus den Reihen der Politik gibt es bereits erste Reaktionen und Forderungen: 

Die Ausschreitungen, die wir in der Nacht in Stuttgart erleben mussten, waren von einer in Baden-Württemberg bisher noch nie dagewesenen Qualität. So etwas werden wir in diesem Land definitiv nicht dulden.

Innenminister Thomas Strobl

Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl kündigte am Mittag an, eine 40-köpfige Ermittlungsgruppe einrichten zu wollen. „Die Ausschreitungen, die wir in der Nacht in Stuttgart erleben mussten, waren von einer in Baden-Württemberg bisher noch nie dagewesenen Qualität. So etwas werden wir in diesem Land definitiv nicht dulden. Wir gehen gegen diese Randalierer konsequent mit der vollen Härte des Rechtsstaates vor.“  

Die Gruppe am Polizeipräsidium Stuttgart soll von Beamten des Landeskriminalamtes unterstützt werden. Außerdem kündigte er eine Sondersitzung des Innenausschusses am Mittwoch an. Diese hatten bereits Abgeordneten mehrerer Parteien gefordert.

„Wir werden die Stadt Stuttgart beim Umgang mit dieser schwierigen Situation in Zukunft gerne tatkräftig unterstützen. Ich danke den mehr als 280 eingesetzten Polizeibeamtinnen und -beamten, die in der vergangenen Nacht im Einsatz waren, aus ganzem Herzen für ihren schwierigen und gefährlichen Einsatz in dieser Nacht in Stuttgart.“

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