Hochsprung-Legende aus Laupheim: Gretel Bergmann wird 100

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Schwäbische Zeitung
Redaktionsleiter

Worte können wie Gewehrkugeln sein: hinterhältig, vernichtend. Gretel Bergmann treffen sie im Juli 1936, wenige Tage vor Beginn der Olympischen Spiele in Berlin. „Der Herr Reichssportführer hat es nicht vermocht, Sie in die Mannschaft, die Deutschland vertreten wird, einzureihen“, teilt ihr der Reichsbund für Leibesübungen mit. „Sie werden auf Grund der in letzter Zeit gezeigten Leistungen wohl selbst nicht mit einer Aufstellung gerechnet haben.“

Für die 22-jährige Hochspringerin aus Laupheim bricht eine Welt zusammen. Keine drei Wochen ist es her, dass sie bei einem Wettkampf in Stuttgart den deutschen Rekord eingestellt hat. Sie ist in der Form ihres Lebens, hat beste Chancen auf eine Medaille, doch die Nationalsozialisten lassen sie fallen. Weil sie Jüdin ist. Ein Jahr später wandert sie verbittert nach Amerika aus.

New York, im Februar 2014. Die Nachmittagssonne flutet den Stadtteil Jamaica. Vom Meer bläst ein eisiger Wind herüber. Die Avon Street ist wie leer gefegt. Eine ruhige Wohnstraße, großzügig bemessene Gärten, die Häuserfassaden aus Naturstein vermitteln ein Gefühl von Geborgenheit. Hier lebt Gretel Bergmann seit bald 60 Jahren. Am Esstisch empfängt sie Besucher. Im Herbst hat sie sich bei einem Sturz die Schulter lädiert, das schränkt die Beweglichkeit noch immer ein. Doch der Geist ist wach, ihr Humor unverwüstlich, sie wird umsorgt von ihrem jüngeren Sohn Gary. „Jetzt bin ich fast hundert“, sagt sie. „Ich kann es nicht glauben.“ Ihre Geschichte ist ein Lehrstück über die seelischen Wunden, die das Hitler-Regime schlug. Und über das schwierige Unterfangen, die Wunden zu schließen.

Meistertitel in Serie

Gretel Bergmann, geboren am 12.April 1914, genießt eine unbeschwerte Kindheit. Ihr Vater ist Mitinhaber einer Haar- und Frisurenfabrik in Laupheim. Dort leben Christen und Juden damals friedlich zusammen. Die jüdische Gemeinde, Mitte des 19. Jahrhunderts die größte im Königreich Württemberg, hat entscheidend zum wirtschaftlichen Aufschwung des Städtchens beigetragen.

Früh entpuppt sich Gretel als Sportlerin durch und durch. Sie turnt, schwimmt, läuft Schlittschuh und Ski, spielt Handball und Tennis. „Ich habe alles ausprobiert.“ Furore macht sie als Leichtathletin. Sie gewinnt Meistertitel in Serie, im Sprint, Kugelstoßen, Mehrkampf. Und in ihrer Paradedisziplin, dem Hochsprung. 1930 wechselt sie der besseren Trainingsmöglichkeiten halber vom TSV Laupheim zum Ulmer FV. „Meine Eltern waren zunächst alles andere als begeistert, dass ich nur Sport im Sinn hatte“, erzählt sie. „Die Schule war mir egal.“

Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 wird Gretel Bergmann von ihrem Verein verstoßen. Juden unerwünscht. Über Nacht sind bisher geachtete Mitbürger und Sportkameraden geächtet. Nur wenige nicht-jüdische Freunde trauen sich fortan, die Familie Bergmann zu besuchen. Sie drücken sich abends durch die Hecke und schleichen vor Tagesanbruch aus dem Haus.

Zum Trainieren bleiben ein notdürftig eingeebneter Kartoffelacker und der Hof der jüdischen Schule in Laupheim. SA-Männer grölen im Vorbeigehen wüste Lieder. An das geplante Studium an der Berliner Hochschule für Leibesübungen ist nicht mehr zu denken.

Im Herbst 1933 schickt Edwin Bergmann seine Tochter auf das Polytechnikum in London. Im Juni 1934 gewinnt sie die englische Meisterschaft im Hochsprung. Sie bewältigt 1,55 Meter. Die Reporter reißen sich um das Fräulein aus Germany.

Unter den Zuschauern im Stadion ist ihr Vater. Nach der Siegesfeier eröffnet er Gretel den wahren Grund seiner Anwesenheit. Die Nazis haben ihn unter Druck gesetzt, seine Tochter zurückzuholen, damit sie bei den Olympischen Spielen in Berlin für Deutschland starten könne. Weigert sie sich, drohen der Familie Repressalien.

Ein finsteres Doppelspiel

„Ich hatte keine Wahl!“ Die Augen der Hundertjährigen funkeln. Ein finsteres Doppelspiel nahm damals seinen Lauf.

Die Olympia-Kandidatin Bergmann wird zu Lehrgängen und Ausscheidungswettkämpfen eingeladen, trainieren muss sie auf sich gestellt. Immerhin, sie schenkt entrechteten Menschen Zuversicht: „Wer einmal die Leichtigkeit des Sprungs sah, wer sieht, wo noch Steigerungsmöglichkeiten liegen, der weiß, dass hier eine echte Olympia-Hoffnung in unserem Lager steht“, schwärmt ein Athlet im „Israelitischen Familienblatt“.

Die Hoffnungsträgerin quält derweil die Frage: „Was haben die Nazis mit mir vor?“ Wie könnte sie ihnen trauen! „Lass dich hängen im Wettkampf, dann schmeißen sie dich raus und es ist vorbei“, überlegt sie. „Aber dann sagte ich mir: Oh nein, diesen Gefallen wirst du ihnen nicht tun. Darauf warten die doch bloß.“ Ihr Kampfgeist behält die Oberhand. Sie will die Konkurrentinnen besiegen, will „zeigen, zu was eine Jüdin imstande ist“. Dieses Ziel treibt sie zu Höchstleistungen unterm Hakenkreuz. „Ich war wütend, und je wütender ich wurde, desto höher sprang ich.“ Ende Juni 1936 egalisiert sie in Stuttgart mit 1,60 Meter den deutschen Rekord von Elfriede Kaun.

Trotzdem wird sie ausgebootet. Der Zeitpunkt wirft grelles Licht auf die Absichten der Nationalsozialisten: Sie haben Gretel Bergmann als „Alibi-Jüdin“ missbraucht, um ausländischen Protesten entgegenzuwirken. Die Amerikaner hatten einen Boykott der Berliner Spiele erwogen für den Fall, dass jüdische Sportler von der Teilnahme ausgeschlossen würden. Die Nazis warten deshalb, bis das US-Team mit dem Schiff unterwegs nach Europa ist. Erst dann werfen sie die jüdische Medaillenanwärterin aus dem Kader. Offiziell heißt es, sie sei verletzt. „Das war so verlogen.“

Mit einem Sprung just über 1,60Meter gewinnt die Ungarin Ibolya Csák in Berlin Gold. Gretel Bergmann, gedemütigt und um ihren olympischen Traum betrogen, will nur noch eines: raus aus Deutschland. Im Mai 1937, auf dem Dampfer nach Amerika, leistet sie einen Schwur: „Nie wieder werde ich deutschen Boden betreten. Nie wieder!“

In New York fristet sie ihren Lebensunterhalt mit schlecht bezahlten Jobs und kratzt jeden Cent zusammen, um ihrem Verlobten Bruno Lambert das Nachkommen zu ermöglichen. Im Sommer 1938 trifft er ein. Die Hochzeit folgt auf dem Fuß, und aus Gretel Bergmann wird Margaret Lambert. Sie setzt ihre Sportkarriere noch ein paar Jahre fort, wird amerikanische Meisterin im Hochsprung und im Kugelstoßen.

Ihr Mann, ebenfalls Jude, stammt aus Andernach. Er hat Medizin studiert. 1942 wird er eingebürgert, als Bataillonschirurg bei einer Kampfeinheit der US-Armee hilft er das „Dritte Reich“ besiegen. Die Nazis haben seine Familie ausgelöscht. Margarets Eltern und ihr jüngerer Bruder entkommen vor Kriegsausbruch mit knapper Not.

Nach dem Krieg praktiziert Bruno Lambert als Hausarzt. In seinem Bezirk Ridgewood wohnen viele Deutsche, Alt-Nazis sind darunter. „Wenn er zu denen gerufen wurde, sagte ich immer: Gib ihnen Rizinus“, erzählt Margaret. Tief bestürzt stellt sie fest, dass Rassendiskriminierung auch in Amerika allgegenwärtig ist. Dass selbst jüdische Emigranten gegen Schwarze hetzen. „Wenn da auf Partys Abfälliges geäußert wurde, sind Bruno und ich wortlos aufgestanden und gegangen.“

Sie bringt zwei Söhne zur Welt. Der Kontakt in die alte Heimat ist völlig abgerissen. Nur durch einen Zufall erfährt sie, dass die Olympia-Vierte im Hochsprung, Dora Ratjen, mit der sie während der Vorbereitungslehrgänge das Zimmer teilte, als Mann enttarnt worden ist.

1980 bekommt Margaret Post aus Laupheim. Burkhard Volkholz, Stadtrat und TSV-Vorsitzender, ermuntert sie zu einem Besuch. Sie antwortet auf Englisch, frostig und direkt: „Ich habe mich 43 Jahre lang bemüht, alles zu verdrängen, was mit Deutschland zu tun hat, einschließlich der Sprache.“ Sie erinnert an die Millionen Menschen, die in den Gasöfen ermordet wurden, was ein Schicksal von völlig anderer Tragweite sei. Nein, sie habe weder vergessen noch vergeben, schreibt sie, „und ich werde es ganz sicher niemals tun“.

Volkholz aber gibt nicht auf. Eine Brieffreundschaft entwickelt sich; fast 20 Jahre korrespondieren sie, und allmählich schmilzt das Eis. Auch andere Gesten fördern den Prozess der Wiederannäherung. In Berlin wird eine Sporthalle nach der einstigen Meisterspringerin benannt. 1996 lädt Walther Tröger, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, die Lamberts zu den Sommerspielen nach Atlanta ein. Nach langem Zögern sagt das Ehepaar zu. „Es war eine gute Erfahrung“, sagt Margaret.

1999 wird ihr der Georg-von-Opel-Preis zuerkannt, den der Autokonzern in Erinnerung an den sportbegeisterten Enkel des Firmengründers vergibt. Die 85-Jährige fliegt zur Preisverleihung nach Frankfurt und besucht vier Tage Laupheim. Die Vergangenheit ist im Gepäck, die Furcht, von bösen Erinnerungen übermannt zu werden. Sie spricht von unsichtbaren Mauern, die sie auf den letzten Metern überwinden müsse. „Es war ein langer und schmerzhafter Weg zurück“, sagt sie bei einem Empfang im Rathaus und legt ihre seelischen Wunden offen: „Als das Land, das ich von ganzem Herzen geliebt hatte, meine Liebe mit Hass auf mich und alle jüdischen Menschen erwiderte, war ich gezwungen zu gehen. Und meinerseits war ich nun erfüllt mit Hass auf alles Deutsche, ein Gefühl, dass mich jahrelang nicht mehr verließ.“

Frieden gefunden

Heute sagt sie, dies sei töricht gewesen. „Die jungen Leute in Deutschland haben nichts damit zu tun“, man dürfe sie nicht für die Verbrechen der Väter verantwortlich machen. Die Rückkehr zu den Wurzeln habe einen inneren Heilungsprozess befördert, „ich habe meinen Frieden gefunden“. Sie pflegt wieder Freundschaften mit Laupheimern; 2003 ist sie noch einmal zurückgekehrt, mit einem Filmteam, ganz entspannt. Als das hiesige Carl-Laemmle-Gymnasium 2010 dem Netzwerk „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ beitritt, erklärt sie sich freudig bereit, Patin zu sein, und schreibt den jungen Leuten: „Nicht sehr viele von uns, die vor so vielen Jahren Rassismus in seiner übelsten Form erlebt haben, leben heute noch. Gerade für uns ist euer Bestreben, aus dieser Welt eine bessere zu machen, besonders wichtig. Ich habe großes Vertrauen in euch.“

Es ist spät geworden am Esstisch bei Margaret Lambert. „Möchtest du ein Leberwurst-Sandwich?“, fragt sie. Deutsche Metzgerware haben sie und ihr Mann stets gemocht. Ein Händler aus Brooklyn liefert frei Haus.

Im November ist Bruno Lambert im Alter von 103 Jahren entschlafen. „Er fehlt mir“, sagt Margaret, dankbar für die lange Zeit, die sie miteinander verbringen durften. „Die ersten hundert Jahre“ ist ein Foto von Bruno im Wohnzimmer überschrieben, daneben liegt sein Stahlhelm aus dem Krieg, mit einem roten Kreuz darauf.

Margaret Lambert freut sich auf ihren Ehrentag. Die Familie „plant etwas zu meinem Hundertsten, ich darf nichts wissen davon“. Sie freut sich auch, dass die Baseballsaison beginnt. Am Fernseher verfolgt sie die Spiele „ihres“ Clubs, der New York Yankees. „Ich bin ein glücklicher Mensch“, sagt sie. „Wenn ich an all die Prüfungen denke, vor die mich das Leben gestellt hat, glaube ich, sie haben einen besseren Menschen aus mir gemacht.“

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