Heimliche Schwabenhymne „Auf de Schwäb'sche Eisebahne“ wird 125

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Am Bahnhof Durlesbach erinnert eine Skulptur an die heimliche Schwabenhymnne. (Foto: dpa)
Deutsche Presse-Agentur

Am Ende baumelt nur noch der Kopf eines Ziegenbocks am Seil hinterm Zug: So fröhlich die Melodie des Volkslieds „Auf de Schwäb'sche Eisebahne“ klingt, so brutal ist die Geschichte, die es erzählt.

Ein Bauer bindet das Tier an den letzten Waggon, doch selbst die im 19. Jahrhundert noch mühsam vor sich hindampfende Bahn ist zu schnell zum Mitlaufen. Der Ohrwurm wurde zur heimlichen Hymne der Schwaben, ist weit über die Grenzen des Ländles hinaus bekannt und wird in diesem Jahr 125 — zumindest, wenn man vom ältesten schriftlichen Beleg im „Allgemeinen Liederschatz“ ausgeht.

Andere Quellen verweisen zwar auf ein Tübinger Kommersbuch von 1853, doch das konnte laut Waltraud Linder-Beroud vom Deutschen Volksliedarchiv an der Universität Freiburg bis heute nicht ermittelt werden. Sie räumt aber ein: „Obwohl das Spottlied derzeit erst 1888 gedruckt belegt ist, bin ich der Ansicht, dass es zu der Zeit mündlich schon länger in Umlauf gewesen sein muss.“

Indizien dafür: eine Karikatur um 1860, Textabweichungen bei den ersten Abdrucken sowie „die Tatsache, dass im späten 19. Jahrhundert auch im letzten schwäbischen Winkel die Geschwindigkeit einer Eisenbahn bekanntgewesen sein dürfte“, sagt Linder-Beroud. Die ersten Lokomotiven in Deutschland ab 1835 hätten der ländlichen Bevölkerung noch als feuerspeiende Dampfrösser Furcht und Schrecken eingejagt.

1850 wurde die erste durchgehende württembergische Bahnstrecke von Heilbronn an den Bodensee eröffnet. Einige der Bahnhöfe werden bei der „Schwäb'schen Eisebahne“ besungen — wenn auch reimbedingt in der geografisch falschen Reihenfolge: „Trulla, trulla, trullala, Schtuegart, Ulm ond Biberach, Meckebeura, Durlesbach“.

Mit dem Text über die Hilflosigkeit eines naiven und angesichts des technischen Fortschritts überforderten Bauern wollten sich möglicherweise Tübinger Akademiker über die vermeintlich hinterwäldlerischen Oberschwaben lustig machen, meint Historiker Eckart Schörle, Autor des Buchs „Auf de schwäbsche Eisebahne: Eine Schwabenhymne“. Dass diese zum populären Schlager wurde, führt er auf die eingängige Melodie und den eingängigen Refrain zurück. „Und es ist nicht allzu tiefgründig“, fügt er mit einem Augenzwinkern hinzu.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sei das Stück dann touristisch vermarktet worden. „Binnen kurzem wurde das Lied von der schwäbischen Eisenbahn zu einem Markenzeichen für die Südbahn“, erklärte Frank Brunecker, Leiter des Museums Biberach, anlässlich der Eröffnung einer Schau über die schwäbische Eisenbahn vor einigen Wochen. Das Lied landete auf Humorpostkarten, Ansteckern und Wimpeln.

„Im 19. Jahrhundert hingegen sang der ganze Zug aus vollem Herzen und reiner Fortschrittsbegeisterung, gemeinsam schunkelnd in bierseliger Gemütlichkeit“, so Brunecker. Die dann folgende Verbreitung weit über die Grenzen Schwabens hinaus spricht aus seiner Sicht dafür, dass das Lied nicht als Spott elitärer Studenten, sondern humorvoll und selbstironisch aufgefasst wurde.

Wo die „Schwäb'sche Eisebahn“ überall bekannt ist, macht Sänger, Chorleiter und Schwabe Gotthilf Fischer deutlich: „In Amerika, China, Brasilien und Afrika bin ich schon danach gefragt worden.“ Vor allem für Ausgewanderte sei das Lied eine Verbindung nach Hause, Heimweh spiele eine große Rolle. „Anderen bereitet es einfach Freude. Auch der Hamburger will die „Schwäb'sche Eisebahn” hören, natürlich auf Schwäbisch“, erzählt er.

Allerdings klingt Fischer pessimistisch, wenn es um die Zukunft des Lieds geht: „Solange noch alte Leute leben, wird die „Schwäb'sche Eisebahn” gesungen, weil es ihr Welthit war. Aber was in der Schule nicht gepflegt wird, ist irgendwann tot.“ Schörle gibt der amüsanten Hymne da eher eine Chance: Auch wenn der Konflikt zwischen Städtern und ländlicher Bevölkerung nicht mehr so ernst zu nehmen sei wie früher, schwele er doch unterschwellig weiter. „Unterschiede zwischen den industriellen Zentren und dem ländlichen Raum spielen heute noch eine Rolle, gerade auch bei der Infrastruktur.“ Ein Stichwort fällt vielen Baden-Württembergern da wohl sofort ein: Stuttgart 21.

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