Gurkenwasser gegen das Chaos: Wie sich Bayern gegen mögliche heftige Schneefälle wappnet

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Zug steht am Bahnhof, der von Schnee bedeckt ist
Schneechaos hatte im Januar 2019 Teile Bayerns lahmgelegt – so wie hier in Berchtesgaden. (Foto: Lino Mirgeler/dpa)
Deutsche Presse-Agentur
Sabine Dobel

Meterhoch lag der Schnee: Die heftigen Schneefälle im Januar 2019 zauberten im Süden Bayerns eine idyllische Landschaft – und brachten Tausende Rettungskräfte und freiwillige Helfer an ihre Belastungsgrenze. Schneebruch und Lawinen bedrohten Straßen, Dörfer waren von der Außenwelt abgeschnitten, Dächer drohten einzustürzen, Züge fielen tagelang aus. In fünf Landkreisen galt teils mehr als eine Woche lang der Katastrophenfall.

Knapp ein Jahr danach sieht es zumindest in den Tälern frühlingshaft grün aus, und viel Schnee ist laut Prognose nicht in Sicht. Die betroffenen Gebiete sehen sich für einen möglichen Notfall gerüstet.

Das Landratsamt Miesbach hat sich etwa mit gemeinsamen Übungen der Helfer vorbereitet. „Wir haben viele Notfall- und Alarmpläne überarbeitet, zusätzliche Infrastrukturen geschaffen und viele neue Mitarbeiter geschult“, teilte eine Sprecherin mit. Auch im Landkreis Berchtesgadener Land gab es Nachbesprechungen, um gut vorbereitet zu sein. Mit dem Schulamt seien Pläne erstellt worden, um auf Ausfälle besser reagieren zu können. Tagelang waren 2018 Schulen geschlossen.

Der Katastrophenschutzplan stehe, hieß es im Landratsamt Garmisch-Partenkirchen. „Dass diese Planungen greifen, wurde im Januar 2019 eindrucksvoll bewiesen.“ Das Amt hatte Anfang Dezember Hausbesitzer gemahnt, auf Schneelasten auf ihren Dächern zu achten und sich bei Bedarf um die Räumung zu kümmern. Ähnliche Hinweise gab das Landratsamt Bad Tölz-Wolfratshausen. Es gebe eine eigene Pflicht zum Räumen privater Dächer, so auch das Landratsamt Berchtesgadener Land. In diesem Winter würden keine Privatdächer mehr abgeschaufelt.

Bedrohlich schwerer Schnee

Heftige Schneefälle und anschließend wärmere Temperaturen mit Regen hatten vor einem Jahr die Schneemassen extrem schwer gemacht und die Lasten auf den Dächern bedrohlich steigen lassen. Äste krachten zu Boden, ein neunjähriger Junge wurde von einem Baum erschlagen, Straßen wurden gesperrt. Ein Schneepflug stürzte in die Isar, der Fahrer konnte nicht gerettet werden. Auf einsturzgefährdeten Dächern schaufelten Helfer gegen die Zeit an. Sogar die Bundeswehr half.

Bis zu 10 000 Menschen waren täglich im Einsatz, viele ehrenamtlich. Hochgerechnet habe sich die Arbeit in den stark gefährdeten Gebieten auf mehr als 70 000 Einsatztage summiert, rechnete Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) vor. Alle hätten mit „hohem Einsatzwillen und Tatkraft Enormes für die Sicherheit der Bevölkerung geleistet“. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) lud zum Dank 1400 Vertreter der Helfer in die Münchner Residenz: „Die gelebte Solidarität in Notsituationen zeichnet Bayern aus“, lobte er.

Ob inzwischen alle Schäden an Gebäuden beseitigt sind, ist nicht ganz klar. Denn vielfach sind dafür private Hausbesitzer zuständig. Vor allem in den Wäldern hat der Schnee riesige Schäden hinterlassen, die Aufräumarbeiten dauern an. „Insgesamt geht man von etwa zweihundertmal mehr gebrochenen Bäumen aus als in einem gewöhnlichen Winter“, teilte das Landratsamt Traunstein mit. Die Schäden im Forst seien wohl erst Mitte 2020 aufgearbeitet. Ansonsten sieht man sich auch hier gewappnet: „Wir bereiten uns auf jeden Winter bestmöglich vor.“

Auch die Klärung der Kostenfrage ist noch nicht abgeschlossen. Das Landratsamt Miesbach hat bei der Regierung von Oberbayern Kosten von 1,7 Millionen Euro zur Prüfung der Erstattung eingereicht. Der Landkreis Traunstein hat in seinem Nachtragshaushalt für den Katastrophenfall einen Betrag von 2,65 Millionen Euro veranschlagt. „Wir rechnen dabei mit einer Erstattung von zwei Millionen Euro aus dem Katastrophenschutzfonds des Freistaats Bayern.“ Das Landratsamt Garmisch-Partenkirchen bezifferte die bei ihm entstandenen und von den Gemeinden eingereichten Kosten auf rund 405 000 Euro.

Konsequenzen haben insbesondere die Bahnunternehmen gezogen. Die für die Aufsicht zuständige Bayerische Eisenbahngesellschaft hatte nach massiven Zugausfällen die Bayerische Oberlandbahn (BOB) und die Deutsche Bahn (DB) als Betreiberin der Strecken dazu verdonnert, einen Maßnahmenkatalog zu entwickeln. BOB und DB versprechen schnelleres Schneeräumen, mehr Personal und bessere Fahrgastinformationen.

Die BOB hatte damals fast ein Viertel des Angebots streichen müssen. Für zehn Tage fuhr südlich von Holzkirchen fast kein BOB-Zug. Ein Grund sei gewesen, dass die DB die Strecken nicht ausreichend geräumt habe. Die DB wies das zurück: Die Wetterlage sei extrem gewesen.

Das zeigte sich auch auf den Straßen. Auf Autobahnen, Bundes- und Staatsstraßen wurden laut bayerischem Verkehrsministerium allein in den ersten zehn Januartagen rund 85 000 Tonnen Streusalz ausgebracht, etwa 25 Prozent des im ganzen Winter verbrauchten Salzes.

Der Winterdienst mit rund 1300 Fahrzeugen und 3000 Mitarbeitern sei gut gerüstet, so Minister Hans Reichhart (CSU). Ein Pilotprojekt soll helfen, Salz zu sparen: Erstmals wird Salzwasser aus der niederbayerischen Gurkenproduktion helfen, Straßen schnee- und eisfrei zu halten.

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