Grün ist das neue Schwarz: Winfried Kretschmann sieht sich als Ministerpräsident einer im Land verankerten Volkspartei.
Grün ist das neue Schwarz: Winfried Kretschmann sieht sich als Ministerpräsident einer im Land verankerten Volkspartei. (Foto: dpa)

„Keine Experimente“. Ausgerechnet mit einer Abwandlung des legendären Wahlspruchs von CDU-Bundeskanzler Konrad Adenauer warnt der Grüne Winfried Kretschmann mehr als ein halbes Jahrhundert später vor eben jener CDU. „Sie können auf Experimente setzen, also auf die CDU“, sagt der Ministerpräsident des Landes. „Oder sie können auf Erfahrung setzen, also auf uns Grüne“. Die CDU stehe für „Unklarheit und Herumeiern“, die Grünen für einen „klaren Kurs mit Ecken und Kanten.

Die Bürger sollten sich „in Ruhe ein Bild von der alten und der neuen Baden-Württemberg-Partei machen“, rät Kretschmann: „Schauen Sie sich unsere Konzepte und die der CDU an, lernen Sie meinen Herausforderer kennen und verfolgen Sie weiter, wie ich mich im Amt schlage.“ Den Namen des Herausforderers Guido Wolf nennt der amtierende Ministerpräsident in seiner Rede nicht.

Lob für Teufel und Späth

Kretschmanns von den Delegierten begeistert beklatschte These: Die Grünen sind das, was die CDU lange war – die Baden-Württemberg-Partei, die Partei für den ländlichen Raum, für den Bosch-Ingenieur, den Disko-Gänger, die Hausfrau aus Niederstotzingen. 58 Jahre lang sei das Land „alles in allem ordentlich“ mit der Union gefahren, sagt der Spitzenkandidat, lobt ausdrücklich „kluge und mutige Köpfe“ wie Lothar Späth und Erwin Teufel. Doch die Zeiten hätten sich geändert, die Christdemokraten das Gespür für die Menschen verloren.

Die Grünen als neue Volkspartei, als CDU 2.0? In Reutlingen hält man das nicht für abwegig. „Wir sind auch eine politische Heimat für diejenigen, die früher einen Teufel oder Späth gewählt haben“, sagt Bundes-chef Cem Özdemir. „Es gibt keinen Gegensatz zwischen den Grünen und dem Land“, betont Landeschefin Thekla Walker. Und da man getreu dem Programm-Motto „Grün aus Verantwortung“ auch 2016 weiterregieren will, verläuft der zweitägige Parteitag auch so, wie es sich einer Regierungspartei geziemt: größtenteils harmonisch und ohne große programmatische Überraschungen: Der Vorschlag der Grünen Jugend, das Gymnasium abzuschaffen, wird mit einer klaren Mehrheit von 178:24 Stimmen versenkt, nachdem sowohl Kretschmann als auch Wissenschaftsministerin Theresia Bauer eine klare Haltung der Partei pro Gymnasium eingefordert hatten.

Überraschung bei Sperrstunde

Überraschend kann sich die Grüne Jugend mit Bennet Müllers Vorschlag zur Abschaffung der landesweiten Sperrstunden in der Gastronomie durchsetzen. Und auch die Forderung nach einer bundesweiten Steuerfahndung für Großkonzerne und Reiche schafft es ins Programm. Dazu gibt es viel Bekanntes: Die Grünen wollen Landtagsabgeordnete über Listen und Landräte direkt wählen sowie Polizisten bei Großdemos kennzeichnen. Andere Vorschläge wie der nach mehr Gleichstellungsbeauftragte fallen bei den Delegierten durch, weil Kabinettsmitglieder Bauchschmerzen bei der Umsetzbarkeit anmelden. Das geschieht in bemerkenswert sachlicher Debatte: Wer Streit sucht, ist hier falsch.

Selbst beim Thema Flüchtlinge, von der Parteitagsregie auf den zweiten Tag gelegt, geht es ruhig zu: Der Ravensburger Manne Lucha lobt die „Gallionsfiguren“ Kretschmann und Merkel und schimpft auf den „oberschwäbischen Heimatdichter“ und CDU-Spitzenkandidaten Guido Wolf, der die Bevölkerung verunsichere. Danach singen die Delegierten zum Abschluss mit einem Flüchtlingschor unter Leitung der gebürtigen Biberacherin Cornelia Lanz die Europahymne „Freude, schöner Götterfunken“. Das Programm wird einstimmig beschlossen. Keine Experimente.

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