Grün-Gelb im Ländle? FDP-Chef Theuer flirtet mit Kretschmann

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Winfried Kretschmann und Michael Theurer
Ministerpräsident Kretschmann spricht mit Landesvorsitzenden Theurer über eine neuen Landesregierung. (Foto: Thomas Kienzle/Archivbild / DPA)
Deutsche Presse-Agentur

FDP-Landeschef Michael Theurer kann sich eine von Winfried Kretschmann geführte grün-gelbe Koalition in Baden-Württemberg ab 2021 gut vorstellen. „Wir brauchen im Land Baden-Württemberg und in Berlin eine Reformkoalition“, sagte Theurer. Im Südwesten sehe er dafür eine Chance - allerdings nur unter der Voraussetzung der Technologieoffenheit bei der Entwicklung klimafreundlicher Antriebe. 2016 noch hatte die FDP eine Koalition mit den Grünen abgelehnt. Grundsätzlich sei es erfreulich, wenn sich die FDP offener aufstelle, sagte ein Regierungssprecher in Stuttgart.

Theurer rechnet mit kräftigen Zugewinnen für die Grünen in Baden-Württemberg bei der Wahl 2021. „Ich glaube, wenn der Kretschmann nochmal antritt, ziehen die Grünen nach oben ab“, sagte Theurer. „Die liegen ja jetzt schon um die 30 Prozent, dann ziehen die eher Richtung 40.“ Die FDP liege bei 10 Prozent und könne noch zulegen im Südwesten. „Und plötzlich - mit ein bisschen Fantasie jedenfalls - ist es nicht mehr ausgeschlossen oder würde es mich jedenfalls nicht wundern, wenn am Ende sogar Grün-Gelb möglich wäre.“

2016 noch hatte die FDP etwa eine „Ampel“ mit Grünen und SPD klar abgelehnt. Der nächste baden-württembergische Landtag wird im Frühjahr 2021 gewählt. Kretschmann regiert seit 2011 - er ist der beliebteste Ministerpräsident Deutschlands, die Grünen sind bundesweit derzeit im Höhenflug, ihr zentrales Thema Klima dürfte auch den Landtagswahlkampf dominieren. Der Grünen-Regierungsschef will über den Sommer entscheiden, ob er zur Wahl 2021 für eine dritte Amtszeit kandidiert oder nicht. Zum Zeitpunkt der Landtagswahl wird er 72 sein. Der Druck auf ihn ist groß, wieder anzutreten. Ein möglicher Nachfolger wurde bei den Grünen nicht gezielt aufgebaut.

Theurer sagte, er glaube daran, dass Kretschmann wieder antrete. Landespolitisch sei niemand da, der Kretschmann „den Schneid abkauft“. CDU-Spitzenkandidatin und Kultusministerin Susanne Eisenmann werde am engen Band geführt und kriege in wesentlichen Punkten der Bildungspolitik nichts durch. Er sei gespannt, ob die CDU unter Eisenmanns Führung zulegt oder noch weiter absackt. Die Partei könne weder Opposition noch Juniorpartner, sagte Theurer mit Blick auf die Rolle der Union im Südwesten seit dem Machtverlust 2011. „Da sagen wir: Das können wir besser.“

Bei der Landtagswahl 2016 hatten die Grünen den einstigen Platzhirschen CDU mit 27 Prozent auf den zweiten Platz verwiesen. Kretschmann und die Grünen triumphierten mit 30,3 Prozent. FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke, der sich seit langem für eine sogenannte Deutschland-Koalition aus CDU, SPD und FDP offen zeigt, sagte zur Möglichkeit von Grün-Gelb: „Wenn eine solche Koalition rechnerisch möglich wäre und die Inhalte der FDP in einem Koalitionsvertrag hinreichend verankert werden könnten, so schließe ich ein derartiges Bündnis in keinster Weise aus.“

Theurer stellte aber gleich Bedingungen für die Rolle als Juniorpartner der Grünen. Man werde nur in eine Regierung eintreten, wenn man wesentliche eigene Inhalte umsetzen könne. Eine Bedingung der Liberalen sei die Technologieoffenheit bei der Mobilitätswende. Theurer warnte eindringlich vor einer einseitigen Konzentration auf batteriebetriebene Elektroautos. Stattdessen müsse man stärker auf die Brennstoffzelle setzen. Deutschland müsse „Wasserstoffland Nr. 1“ werden, Baden-Württemberg könne eine Vorreiterrolle dabei übernehmen.

Grüne Politiker hätten sich vor kurzem für Technologieoffenheit ausgesprochen, sagte Theurer. „Wenn sich dieser Trend verfestigen würde bei den Bundes-Grünen und auch bei den Landesgruppen, dann könnte das für uns Anknüpfungspunkt sein, auch in Baden-Württemberg eine entsprechende Mehrheit zu bilden.“

Auf Bundesebene sehe momentan hingegen alles nach Schwarz-Grün oder Grün-Schwarz aus, sagte Theurer, der auch FDP-Fraktionsvize im Bundestag ist. Bei einem Wechsel im Kanzleramt sei die FDP zu Gesprächen über die Bildung einer Regierung und auch einer Duldung einer Minderheitsregierung unter Bedingungen bereit. „Auf Bundesebene sehe ich eher das Thema einer Jamaika-Konstellation noch einmal neu kommen.“ Die FDP sei dann bereit, die Verantwortung zu übernehmen. „Aber Grün-Gelb sehe ich auf Berliner Ebene nicht“, sagte Theurer. „Grün-Gelb sehe ich nur in dieser Sondersituation Kretschmann.“

Grundsätzlich sei es erfreulich, wenn sich die FDP offener aufstelle, sagte ein Regierungssprecher in Stuttgart. 2016 habe die FDP eine Koalition mit den Grünen noch durchweg abgelehnt. „In diesen Zeiten müssen demokratische Parteien grundsätzlich koalitionsbereit sein“, sagte der Sprecher. Aber an Spekulationen zu Zusammensetzungen nach 2021 wolle man sich nicht beteiligen.

„Wir freuen uns über jeden, der mit uns progressive Politik machen will“, teilten die Grünen-Landesvorsitzenden Sandra Detzer und Oliver Hildenbrand mit. Allerdings habe sich die FDP sowohl nach der Landtagswahl 2016 als auch nach der Bundestagswahl 2017 der Regierungsverantwortung verweigert. „An der Technologieoffenheit der Grünen würde es nicht scheitern, sie ist für uns selbstverständlich.“

Beiden Parteien gehe es drum, die Meinungsführerschaft bei Wählern der gehobenen Mittelschicht zu gewinnen, kommentierte der Freiburger Politikwissenschaftler Ulrich Eith die grün-gelben Farbenspiele. „Genau deshalb war eine Koalition zwischen beiden Parteien unwahrscheinlich.“ Aber nun würden sich alte politische Frontlinien verschieben. Die FDP bemühe sich darum, von einem Image wegzukommen, das lange Zeit auf Wirtschaftsliberalismus reduziert wurde. Dass alle auf das Thema Klimaschutz aufspringen, verwundere nicht, sagte Eith. „Keine Partei will von gestern sein.“ Wie ernst es den Parteien mit dem Klimaschutz wirklich sei, werde man dann sehen.

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