Geothermie birgt noch immer Risiken
Geothermie birgt noch immer Risiken
Schwäbische Zeitung

Seit die badische Stadt Staufen nach einer missglückten Geothermiebohrung langsam auseinanderbricht, haftet dieser Energieform ein Makel an. In Schorndorf (Rems-Murr-Kreis) droht nun ein weiterer Millionenschaden. Dort werden Rufe nach strengeren Genehmigungsverfahren laut.

Von unserem Redakteur  Armin Kübler

Ein Schulrektor, der auf dem Boden eines Klassenzimmers mit Murmeln spielt, ist ein eher ungewöhnlicher Anblick. Doch an der Keplerschule in Schorndorf ist inzwischen einiges ungewöhnlich, viel mehr schräg. Die Murmel, die Rektor Dieter Leins einfach auf den Boden legt, rollt wie magnetisch angezogen Richtung Tafel. An der Wand angekommen, biegt sie links ab zur Fensterseite. „In diese Richtung kippt das ganze Klassenzimmer“, sagt Leins.

Im einstöckigen Grundschulgebäude der Keplerschule gibt es nicht nur ein schräges Klassenzimmer. Das Gebäude ist durchzogen von Rissen. „Über 170 sind es inzwischen“, sagt Andreas Stanicki, Schorndorfs Baubürgermeister. Durch einige der Spalten kann man vom Flur in die Klassenräume schauen.

Angefangen hatte alles im November 2008. Der Hausmeister bemerkte eines Morgens, dass aus der kleinen Quelle im Schulhof kein Wasser mehr sprudelt. Dann ließen sich die Türen einiger Klassenzimmer nicht mehr öffnen. Etwas Unheimliches war in Gang gekommen. Das wurde endgültig klar, als ein Nachbar der Schule, der seit längerem eine Grundwasser-Wärmepumpe betreibt, bemerkte, dass der Wasserspiegel um sechs Meter abgesunken ist.Schule sackt langsam ab

Das zuständige Landratsamt in Waiblingen ging der Sache nach. Die beauftragten Experten vermuten einen Zusammenhang mit zwei Erdwärmesonden. Diese waren kurz vor Versiegen der Quelle fertiggestellt worden. Die 115 Meter tiefen Bohrungen hätten laut Landratsamt eine Art Abfluss für das Grundwasser in tiefere Gesteinsschichten gelegt. Wie wenn man den Stöpsel in der Badewanne zieht, läuft das Grundwasser nun langsam aus. Mit dem Wasser verschwindet auch Volumen. Die Folge: Das Gelände unter der Schule sackt langsam ab.

Betroffen sind inzwischen auch ein knappes Dutzend Privathäuser in der Umgebung. Stanicki zeigt auf einen tiefen Riss zwischen zwei Doppelhaushälften. Seit fast eineinhalb Jahren werden die Schäden immer größer. Die Schule könne wohl bereits nicht mehr saniert werden. Ein Neubau werde bis zu acht Millionen Euro kosten, schätzt Stanicki. Die Schäden an den Privathäusern kämen noch oben drauf.

Noch sei die Statik in der Schule sicher. Aber schon bald könnte den Schülern ein Umzug in Container drohen. Der erste Landesbeamte im Rems-Murr-Kreis, Bernd Friedrich, hat Schorndorf schon den „zweitgravierendsten Fall nach Staufen“ genannt. In der Stadt im Breisgau, die deutschlandweit traurige Berühmtheit erlangt hat, sind inzwischen über 230 Gebäude beschädigt. Die Schadensschätzung von 40 Millionen Euro aus dem vergangenen Jahr dürfte schon wieder übertroffen sein.Förderung löste Boom aus

Aus dem Fall Staufen wurden erste Konsequenzen gezogen. Das Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau (LGRB) empfiehlt jetzt Erdwärmebohrungen zu stoppen, sobald das Gestein Anhydrit erreicht wird. Anhydrit wandelt sich bei Wasserkontakt in Gips um und vergrößert dabei sein Volumen beträchtlich. Das wurde der Stadt Staufen zum Verhängnis. Laut LGRB findet sich unter 30 Prozent der Landesfläche Anhydrit, allerdings in unterschiedlicher Tiefe.

In Schorndorf war Anhydrit kein Problem, und dennoch ging es schief. Der Untergrund birgt eben so manche Überraschung. Nicht umsonst lautet ein alter Geologenspruch: „Vor der Hacke ist es dunkel“. Schorndorfs Baubürgermeister Stanicki fordert nun eine strengere Handhabung der Bohrgenehmigungen. Er kritisiert, dass die Landratsämter bei Wärmesonden meist ein „vereinfachtes Verfahren“ anwenden. Die beschleunigte Genehmigung geht auf einen Leitfaden des Umweltministeriums aus dem Jahr 2005 zurück. Auf eine vierwöchige Frist zur Anhörung „Dritter“, die Einsprüche erheben könnten, wird dabei verzichtet. „Wenn wir beteiligt worden wären, hätten wir einen Geologen hinzugezogen“, sagt Stanicki.

2005 wurde seitens des Landes auch die finanzielle Förderung der sogenannten oberflächennahen Geothermie angekurbelt. Das löste einen richtigen Boom aus. Allein im Jahr 2008 wurde im Südwesten knapp 3000 Mal in Tiefen zwischen 50 und 150 Meter gebohrt. Angesichts dieser Zahl gibt es nur wenige Problemfälle. Neben Staufen und Schorndorf nennt das Umweltministerium noch einen Fall in Vogt (Kreis Ravensburg) und Freiburg. Die Schäden können dabei allerdings enorm sein.

Im Rems-Murr-Kreis will man nun Konsequenzen ziehen. Das Landratsamt werde auf das schnellere Verfahren verzichten, sagt ein Sprecher. Die Betroffenen einer Geothermiebohrung sollen ihre Bedenken künftig äußern dürfen. Eine landesweite Anpassung der Empfehlungen im Leitfaden zur Nutzung von Erdwärme sei derzeit aber nicht vorgesehen, ist aus dem Umweltministerium zu hören. Seit November tagt eine Arbeitsgruppe, die sich mit dem Thema befasst. Ein Ergebnis wird aber erst Ende des Jahres erwartet.

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