Bodensee Business Forum: Fußball im Zeichen der Menschenrechte

 BBF-Organisator Hendrik Groth (l.) im Gespräch mit DFB-Präsident Bernd Neuendorf.
BBF-Organisator Hendrik Groth (l.) im Gespräch mit DFB-Präsident Bernd Neuendorf. (Foto: Trautmann)
Redakteur

Verrückte Fußball-Welt: Wenn in zwei Monaten hierzulande die ersten Weihnachtsmärkte eröffnen, ist gleichzeitig im Wüstenstaat Katar Kick-off für die 22. Fußball-Weltmeisterschaft. Glühwein, Lebkuchen und Besinnlichkeit einerseits, Public-Viewing, Autokorso und Schlachtgesänge anderseits. Die ungewöhnliche Jahreszeit ist allerdings nur Nebensache angesichts der Tatsache, dass das globale Großereignis überhaupt in Katar stattfindet. Einem Staat, der seit Jahren wegen Menschenrechtsverletzungen in der Kritik steht, der die Arbeiter an den WM-Stadien unwürdigen und auch lebensgefährlichen Bedingungen ausgesetzt hat, der Meinungsfreiheit und sexuelle Selbstbestimmung ächtet. Dessen Werteverständnis ein grundlegend anderes ist als das unsere.

„Die Situation der Menschenrechte in Katar war klar, sie hat bei der Vergabe für die WM aber keine Rolle gespielt. Das darf nicht mehr passieren“, sagte am Dienstag DFB-Präsident Bernd Neuendorf beim Bodensee Business Forum in Friedrichshafen auf der Podiumsdiskussion „Erst Russland, nun Katar: Die Fußball-WM in der Kritik“. Neuendorf wurde erst im März dieses Jahres ins Amt eines von internen Intrigen geprägten Fußballverband gewählt, die WM hat er quasi dazu geerbt. Und sich frühzeitig festgelegt, wie er damit umgehen will, was er nun am Bodensee wiederholte: „Ich bin dezidiert gegen einen Boykott.“

Unterstützung findet er in dieser Haltung bei SPD-Landeschef Andreas Stoch, der auf dem Podium erklärte: „Es fehlt mir der Glaube, dass durch einen Boykott etwas besser wird.“ Denn ein Boykott, so der Sozialdemokraten, zu einfach, er will den Blick in die Zukunft richten: „Wir sollten aus dem Schlechten etwas Gutes machen und sehen, dass künftig bei einer WM-Vergabe Mindeststandards eingehalten werden.“

Neuendorf betonte, dass der Weltfußballverband entsprechende Schritte bereits eingeleitet hat. Und auch bei den Menschenrechten habe sich etwas getan, die Arbeitsmigranten erhielten inzwischen einen Mindestlohn, sie dürften zu ihren Familien reisen, auch Schutz gegen die teils sengende Hitze sei inzwischen vorhanden. „Es gibt punktuelle Verbesserungen.“

Die Betonung liegt allerdings auf punktuell. Und für viele kommt das Engagement auch zu spät, mindestens 15 000 Gastarbeiter sollen unbestätigten Recherchen zu Folge beim Bau der WM-Stätten in Katar ums Leben gekommen sein. Bis zu 14 Arbeitsmigranten wurden demnach in Baracken von maximal 20 Quadratmeter gepfercht, nach Schuftereien von bis zu zwölf Stunden am Tag und Temperaturen von teilweise 50 Grad.

„Viele, viele Tausende sind gestorben – und 70 Prozent davon sind ungeklärte Tote“, sagte Wenzel Michalski, Deutschland-Direktor von Human Rights Watch, auf dem BBF-Podium. „Deren Familien sitzen nun da und bekommen kein Geld.“ Geld, das sie dringend benötigen, damit ihre Kinder zur Schule gehen können und sich eine Zukunft aufbauen können. „Andernfalls wächst die nächste Generation an Arbeitssklaven heran.“

Damit dies nicht passiert, soll ein Wiedergutmachungsfonds eingerichtet werden, dem Vernehmen nach über eine Höhe von 440 Millionen Dollar. „Das muss die FIFA tun, dazu hat sie eine Verpflichtung“, betont Neuendorf. Und nicht nur der Weltverband, auch der katarische Staat, die Baufirmen und Sponsoren seien dazu verpflichtet, erklärt Michalski. „Das ist nicht Luxuriöses. Doch dieser Fond muss auch erst Mal ordentlich eingerichtet werden.“

Darauf will der DFB hinwirken, genauso wie auf die Einhaltung der Menschenrechte,er befindet sich im Austausch mit Human Rights Organisationen, Fraueninitiativen, Gewerkschaften und der LGBTIQ-Community, die für sexuelle Selbstbestimmung eintritt. Doch was erwartet zum Beispiel den schwulen Fußball-Fan, der nach Katar reisen will? Ist er dort überhaupt sicher? Heißt es vom Gastgeber doch: „Jeder ist willkommen. Aber unsere Kultur ist zu respektieren.“ Michalski sieht darin eine „vorgebaute Warnung“. „Ich glaube, dass nicht viel passieren wird – eine Garantie gibt es aber nicht.“ Gefahren sieht er auf alle Fälle für katarische Minderheiten, die im Rahmen des globalen Ereignisses ihre Neigungen womöglich ausleben wollen. „Die Überwachung in Katar ist total“, sagt Michalski. „Überall gibt es Kameras, die sozialen Medien werden kontrolliert. Da kann es den Leuten schnell schlecht gehen.“

Bernd Neuendorf will noch vor WM-Beginn mit der Bundesinnenministerin nach Katar reisen, dann wird es auch um Willkommenskultur, Menschenrechte und Minderheiten gehen. Was die Initiativen am Ende bringen, wird sich aber erst weit nach dem 4. Advent zeigen. An diesem sonst so besinnlichen Tag steigt in der Wüste das Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft.

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