Zwei Männer sitzen nebeneinander an einem Tisch im Klassneraum
Hartmut Kabelitz (Zweiter von links, neben ihm sitzt Michael Gänßmantel) zeigt Studenten einen Pumpensystem-Schlauch. Sieben Jahre lang hat er solche Schläuche in einer Behindertenwerkstatt in Plastiktaschen verpackt. Keine anregende Aufgabe, wie er kritisiert. (Foto: Marijan Murat/dpa)
Julia Giertz

Wie leben und arbeiten eigentlich Menschen mit Handicap? Was wünschen sie sich? Nichtbehinderte wissen häufig kaum etwas über ihre Nöte und Sorgen. Ein Projekt will das ändern. Das Land fördert nun Bildungsfachkräfte.

Sieben Jahre lang hat Hartmut Kabelitz in einer Werkstatt für behinderte Menschen Schläuche für Pumpen aufgerollt und in Plastikbeuteln verpackt. Mehr als 100 Stück am Tag. Einzige Abwechslung: Mal waren die Schläuche dicker, mal schmaler. „Ich fühlte mich total unterfordert“, erzählt der 52-jährige Heidelberger, der bei einem Unfall in seiner Jugend ein Schädel-Hirn-Trauma erlitt und seitdem als geistig behindert gilt. Nur beim Schachspielen in der Freizeit erlebte er Anerkennung.

Doch 2017 kam überraschend die berufliche Wende: Unter mehr als 40Bewerbern für eine neuartige Qualifizierung als Bildungsfachkraft wurde er als einer von sechs Anwärtern ausgewählt. „Das war wie ein Sechser im Lotto“, sagt Kabelitz. Vor allem schätzt er, dass er der Monotonie der Werkstatt entfliehen und sich intellektuell betätigen kann.

Kern des Projektes ist, dass Menschen mit Behinderungen angehenden Sozialarbeitern und Pädagogen ihre Sicht auf die Arbeits- und Lebenswelt vermitteln. Die Studenten sollen ihr bislang theoretisches Fachwissen durch den Austausch mit den Bildungsfachkräften erweitern. „Sie sollen aus erster Hand lernen, was es heißt, mit Handicaps zu leben“, betont Projektleiter Stephan Friebe.

Werkstätten sind auch Schutzräume

Die angehende Bildungsfachkraft Kabelitz sitzt schon zum fünften Mal mit seinem Kollegen Michael Gänsmantel vor 30 Studenten der Sozialarbeit, der inklusiven Pädagogik und Heilpädagogik der Evangelischen Hochschule in Ludwigsburg. Heute dreht sich alles um das Thema Arbeit. Selbstverwirklichung, freie Berufswahl, Existenzsicherung oder Sinn und Spaß verbinden die überwiegend weiblichen Studierenden mit dem Begriff Arbeit.

Viele dieser zum Teil in der UN-Behindertenrechtskonvention festgeschriebenen Werte konnte Kabelitz in der Werkstatt nicht umsetzen. Nur 0,5 Prozent von 300 000 Werkstätten-Beschäftigten schaffen es nach seinen Angaben, im ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne), die das Projekt unterstützt, erinnert allerdings daran, dass Werkstätten als Schutzräume für manche Menschen unentbehrlich seien. Sie lehne ein Schwarz-Weiß-Denken ab.

Zu dem geringen Anteil jener, die es auf den ersten Arbeitsmarkt schaffen, gehören bald Kabelitz und Gänsmantel. Mit Ende der Ausbildung im Oktober diesen Jahres werden die beiden und ihre vier Kollegen sozialversicherungspflichtig arbeiten.

In den Werkstätten erhalten die Beschäftigten nur wenig Gehalt und sind damit auf Grundsicherung angewiesen. Gänsmantel, der früher Schrauben sortierte, empfindet das magere Entgelt als diskriminierend. „Damit kann man keine großen Sprünge machen.“ Der 23-Jährige, der unter den Folgen eines offenen Rückens leidet, verlangt mehr berufliche Chancen für Menschen mit Behinderung. Schon im Schulsystem werde aussortiert. Junge Leute mit Handicap und ohne anerkannten Schulabschluss hätten keine Alternativen zu den Werkstätten. Doch für den Absolventen einer Förderschule eröffnen sich mit dem neuen Job neue Möglichkeiten, auch privat. Vielleicht kann der Mosbacher sich bald seinen Traum von einem Urlaub auf den Kanarischen Inseln erfüllen.

Was bringt der Austausch mit den beeinträchtigten Menschen den Studierenden? Student Markus findet die Idee super. Er bewundere die Offenheit der beiden Männer. „Das ist ein Perspektivwechsel“, findet er.

Veränderungen sieht Wissenschaftsministerin Bauer auch bei den Lehrenden, die sie zu Beginn der dreijährigen Qualifizierung 2017 in Heidelberg besucht hatte. „Sie haben seither durch ihre Ausbildung eine enorme Entwicklung durchlaufen und enorm an Selbstsicherheit, Reflexionsvermögen und Kompetenz gewonnen. Ich habe sie kaum wiedererkannt.“

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