Schwäbische Zeitung
Klaus Wieschemeyer
Redakteur

Zwei im Südwesten bislang weithin unbekannte Bahnunternehmen sollen ab dem Jahr 2019 die wichtigen Nahverkehrsverbindungen der „Stuttgarter Netze“ übernehmen. Das Verkehrsministerium vergab die drei Ausschreibungslose am Dienstag an die Unternehmen Abellio (Niederlande) und Go Ahead (Großbritannien). Der bisherige Betreiber DB Regio wurde wegen Nichteinhaltung von Vorgaben vom Vergabeverfahren für alle drei Lose ausgeschlossen, obwohl die Bahntochter den niedrigsten Preis geboten hatte. „Ich hätte es der Bahn gerne gegönnt“, sagte Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne).

Doch rechtlich sei die Sache eindeutig. Die Bahn habe anders als gefordert die Preise pro Zugkilometer im ersten Jahr mehr als zehn Prozent höher angesetzt als in den Folgejahren, nämlich mit 11,5 Prozent. „Es gibt da Regeln. Und an die muss man sich halten“, assistierte Ministerpräsident Winfried Kretsch- mann (Grüne).

Von Würzburg bis Mannheim

DB Regio hat nun die Möglichkeit, gegen die Entscheidung des Landes Widerspruch einzulegen und gegebenenfalls vor Gericht zu ziehen. Das gilt als sicher, denn bei den „Stuttgarter Netzen“ handelt es sich um einen dicken Auftrag mit jährlich 14,8 Millionen Zugkilometern. Die Endpunkte der Regionalbahnen liegen unter anderem in Mannheim, Tübingen, Ulm, Würzburg und Karlsruhe, die Laufzeit des Vertrags beträgt dreizehn Jahre, der Umsatz in dieser Zeit soll etwa 2,7 Milliarden Euro betragen.

Abellio, ein aktuell mit Westfalenbahn und Rhein-Ruhr-Express vor allem in Nordrhein-Westfalen aktiver Anbieter, soll das Los 1a „Neckartal“ bedienen, das die stark frequentierten Linien von Stuttgart nach Pforzheim, Mannheim und Tübingen beinhaltet. Go Ahead ist für die Lose 1b „Rems-Fils“ und 1c „Franken-Enz“ mit den Strecken nach Aalen, Ulm, Crailsheim, Karlsruhe und Würzburg zuständig.

Kritik gekontert

Hermann nutzte die Verkündung, um zuletzt geäußerte Kritik an der Ausschreibungspraxis seines Hauses zurückzuweisen. Zuletzt hatte unter anderem der Rechnungshof das Ministerium gerüffelt. Nun konterte der Minister: Im Vergleich zum Großen Verkehrsvertrag aus CDU-Zeiten habe sich der Preis pro Zugkilometer etwa halbiert, das Ergebnis der aktuellen Ausschreibung sei „sensationell gut“. Zudem will das Land die neuen Auftragnehmer auch mit einem neuen Fahrzeugpark ausrüsten: Von Aalen und Ulm aus sollen künftig Stadler-Waggons vom Typ „Flirt“ nach Stuttgart fahren, auf den anderen Strecken „Talent 2“-Fahrzeuge aus dem Hause Bombardier. Alle Züge sollen vollklimatisiert sein, kostenloses Wlan an Bord haben sowie mit Stellplätzen für Räder und Rollstühle ausgerüstet sein. Das Land verspricht großzügige Sitzabstände, Klapptische, Handyverstärker und viele Steckdosen. Zudem sollen die Züge im einheitlichen schwarz-weiß-gelben Landesdesign unterwegs sein.

Gute Preise waren zu erwarten

Die CDU-Opposition kritisierte Hermann scharf: Er trage die Verantwortung, dass die guten Preise und neuen Fahrzeuge nicht schon 2016 mit Auslaufen des Großen Verkehrsvertrages, sondern erst ab 2019 kommen, sagte CDU-Verkehrssprecherin Nicole Razavi. Den Zuschlag für die Übergangszeit zwischen Großem Verkehrsvertrag und neuer Ausschreibung hatte übrigens die DB-Regio gewonnen.

Dass in den fahrgaststarken Stuttgarter Netzen gute Preise zu erzielen seien, sei zu erwarten gewesen, sagte Razavi. „Denn es gibt anders als beim Abschluss des Großen Verkehrsvertrages 2003 heute einen funktionierenden Wettbewerb auf dem Markt. Und Wettbewerb schafft günstige Preise.“

Razavi kritisierte, dass das Land mit der Anschaffung der Züge, die an die Verkehrsunternehmen weitervermietet werden, das komplette Einnahmerisiko übernehme.

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