Training in der Sportinsel des MTG Wangen. Die Einnahmen des Fitnesszentrums sind dem Verein ein finanzielles Rückgrat.
Training in der Sportinsel des MTG Wangen. Die Einnahmen des Fitnesszentrums sind dem Verein ein finanzielles Rückgrat. (Foto: Roland Rasemann)
Landes-Korrespondentin

Um neue Mitglieder zu gewinnen und alte zu halten, betreiben viele Sportvereine eigene Fitnessstudios. Dabei profitieren sie von Steuervorteilen und öffentlichen Fördergeldern. Deshalb fühlt sich die private Konkurrenz benachteiligt. In Ulm und Neu-Ulm protestieren Fitnessstudio-Besitzer gegen Pläne von Vereinen, der Bundesverband Gesundheitsstudios Deutschland (BVGSD) prüft rechtliche Schritte. Die Sportverbände sehen sich jedoch durch ein aktuelles Urteil des EU-Gerichtshofs bestärkt.

Thomas Röhrle hat den Ursprung des Ungemachs eindeutig ausgemacht: „Baden-Württemberg war der Auslöser, jetzt zieht sich das Problem nach und nach durch ganz Deutschland.“ Röhrle betreibt ein Fitnessstudio in Fellbach (Rems-Murr-Kreis) und ist Landesreferent des BVGSD. Was er als „Auslöser“ kritisiert, ist ein Modell, auf das der Württembergische Landessportbund (WLSB) sehr stolz ist. Es geht um Sportvereinszentren (SVZ). 40 davon haben Vereine seit der Entwicklung des WLSB-Konzepts vor zehn Jahren in Württemberg eingerichtet, 18 sind in Planung. In Baden gibt es aktuell zehn Zentren. In Bayern gibt es das Konzept laut Bayerischem Landessportverband so nicht, aber sehr viele Vereine hätten ähnliche Anlagen gebaut. Die Idee der Baden-Württemberger: Mit Fitnessstudios, Kursen und Wellnessbereichen sollen die Clubs auf die wandelnden Interessen der Menschen reagieren.

Finanzielle Gründe

Aus Sicht des WLSB sind die SVZ ein probates Mittel, um in die finanziellen Grundlagen der Vereine zu sichern. Dass die Clubs bei der Einrichtung von Fitnesszentren von Steuererleichterungen und öffentlicher Förderung profitieren (siehe Kasten), sei legitim. Sie erfüllten wichtige Aufgaben für die Gesellschaft. Mit den Einnahmen aus den SVZ „kann der Verein seinen unmittelbaren Zweck, den Sport mit einem breiten Sportangebot zu fördern, besser erfüllen. Damit können diese Sportangebote auch von sozial schwächeren Bürgern genutzt werden“, heißt es im Konzept des WLSB. Thomas Kern, Geschäftsführer des Bayerischen Landessportverbands: „Vereine leisten viel mehr als private Fitnessstudios, deshalb sind sie ja gemeinnützig.“

Ein Beispiel: Die MTG Wangen. Sie hat mit der Sportinsel bereits 2004 ein Fitnesszentrum errichtet. „Das ist unser finanzielles Rückgrat“, sagt Geschäftsführer Timo Petersen. Die Hälfte des Umsatzes der MTG erzielt die Sportinsel. Das Geld stecke der Verein in seine gemeinnützige Arbeit – so könnten 16 Festangestellte die Vereinsarbeit unterstützen. „Das wäre ohne die Sportinsel nicht möglich.“ Auch die Stadt Wangen profitiere. In einem gemeinsamen Sportprojekt für Flüchtlinge seien Mitarbeiter aktiv, die aus den Sportinsel-Einnahmen bezahlt würden.

Kunden verloren

Der Ulmer Fitnessstudio-Besitzer Harald Pietschmann fühlt sich dennoch wie viele seiner Kollegen massiv benachteiligt. Er habe zahlreiche Kunden durch die Aktivitäten der Vereine verloren. „Das hat nichts mit Marktwirtschaft zu tun. Vereine haben Unterstützer in jedem Gemeinderat, die Fitnessbranche hat keine Lobby.“

Ihn kann auch nicht beschwichtigen, dass der WLSB den Vereinen empfiehlt, ihre Fitnessangebote nur an Mitglieder zu machen. „Das wurde schon bei Gründung des Hans-Lorenz-Zentrums (HaLo) vor 20 Jahren durch den SSV Ulm versprochen, aber mit Schnupperangeboten oder Zehnerkarten für Nicht-Mitglieder wird das umgangen“, sagt Pietschmann. Der WLSB dagegen betont, nach seinen Erhebungen nutzen vor allem Mitglieder die Sportvereinszentren.

Neben dem HaLo planen allein in Ulm die TSG Söflingen und der SV Jungingen vereinseigene Fitnessstudios. 13 private Betreiber, darunter auch Pietschamnn, schrieben deshalb einen Protestbrief an Abgeordnete und Behörden. Die Stadt Ulm und der WLSB verweisen jedoch auf die Richtlinien von Stadt und Land, welche die Förderung von Fitnessstudios nur eingeschränkt zulassen.

Drohende Konkurse

Für den Fellbacher Studiobesitzer Röhrle ist jedoch klar: „Zahlreiche kleine Betreiber gehen wegen der SVZ in Konkurs.“ Die Sportvereine hätten zwischen 30 und 40 Prozent weniger Kosten durch die steuerlichen Erleichterungen, schätzt Röhrle. Sein Verband BVGSD hatte viel Hoffnung in einen Prozess vor dem EU-Gerichtshof gesetzt. Betreiber privater Kletterhallen hatten gegen die öffentliche Förderung konkurrierender Einrichtungen des Deutschen Alpenvereins geklagt. Sie unterlagen jedoch.

Der Jurist Peter Fischer sieht in dem Richterspruch ein wegweisendes Urteil. „Das ist ein Meilenstein“, erklärt der Düsseldorfer Professor, der den WLSB in Sachen Sportvereinszentren berät. Erstmals habe ein Gericht der EU soziale Gründe für eine Bevorzugung genannt. Die BVGSD hält das nicht ab. Er prüft derzeit, ob er vor Finanzgerichten gegen die SVZ klagt.

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