Die Filmcrew, unter anderem mit Regisseur Oliver Hirschbiegel (zweiter von links) und den Hauptdarstellern Katharina Schüttler
Die Filmcrew, unter anderem mit Regisseur Oliver Hirschbiegel (zweiter von links) und den Hauptdarstellern Katharina Schüttler (Foto: aug)
Schwäbische Zeitung
Miriam Augustin

Georg Elser versuchte vergeblich, Hitler mit einer Bombe zu töten. Das Leben des Widerstandskämpfers wird neu verfilmt - mit vielen bekannten Gesichtern.

Der Mann, der Georg Elser spielt, spricht ruhig und überlegt. Er müsse zugeben, sagt Darsteller Christian Friedel („Das weiße Band“), dass ihm der schwäbische Hitler-Attentäter vor den Dreharbeiten kein Begriff war. Jetzt steht der 35-jährige Magdeburger auf dem Gelände eines Freilandmuseums bei Schwäbisch Hall. Sein lockig frisiertes Haar fällt ihm ins Gesicht, er trägt einen altmodischen Dreiteiler mit Einstecktuch. Der Schauspieler, der so jungenhaft wirkt, erzählt, dass er für die Rolle abgenommen, Akkordeon gelernt und einiges über Georg Elser gelesen habe. Im Hintergrund treten Mitglieder der Filmcrew nervös von einem Bein aufs andere. Der Schauspieler wird für die nächste Szene gebraucht.

Woher nahm dieser Georg Elser den Mut, am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller einen Sprengstoffanschlag auf Adolf Hitler zu verüben – und das ganz auf sich allein gestellt? Dieser Frage will die SWR-Produktion „Elser“ nachgehen. Das Drehbuch stammt von Fred Breinersdorfer. Der gebürtige Mannheimer war schon bei „Sophie Scholl – die letzten Tage“ für das Drehbuch verantwortlich. Ähnlich wie bei diesem Oscar-nominierten Film aus dem Jahr 2005 werden auch bei „Elser“ die Verhöre durch Gestapo-Beamte nach der Verhaftung des Schreiners eine wichtige Rolle spielen. „Es soll zudem klar werden, wie der Hass auf das NS-Regime bei Elser langsam gewachsen ist“, sagt Carl Bergengruen von der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg, die den Kinofilm fördert.

„Einer muss es ja machen“

Einen bemerkenswerten Film über Georg Elser gibt es schon: 1989 spielte Klaus Maria Brandauer den bis dahin fast vergessenen, über lange Jahre verfemten Helden. Brandauer führte bei „Elser – einer aus Deutschland“ auch selbst Regie und schuf Bilder, die im Gedächtnis hängen blieben. Zum Beispiel den über seinen Zeitzünder gebeugten Elser, der im Schein einer Lampe mit ruhiger Präzision die Bombe baut, die Hitler töten soll. „Einer muss es ja machen“ – dieser Satz war in Brandauers Film zentral. Wo sich Brandauer mit Interpretationen zurückhielt und einen stillen, in sich gekehrten Menschen zeigte, wollen die Macher der Neuverfilmung weitergehen. „In der Figur steckt unheimlich viel. Ich möchte zeigen, wie Elser von einem lebenslustigen, freiheitsdenkenden Menschen in eine tiefe Depression stürzte“, sagt Christian Friedel kurz vor dem Dreh der nächsten Szene „Kartoffelernte“.

Neben dem Kartoffelacker sitzt Regisseur Oliver Hirschbiegel. Er ist braungebrannt, hat eine Glatze und spornt seine Schauspieler mit einer irritierenden Mischung aus Strenge und Lässigkeit an: „Kinders, let’s do it. And Action!“

Die Szene soll zeigen, wie Elser als junger Mann in sein Elternhaus nach Königsbronn (Kreis Heidenheim) zurückkehrt. Frauen in Schürzen stehen auf dem Feld, Georg Elser alias Christian Friedel zieht mit einem schweren Koffer an ihnen vorbei. Die Schauspielerinnen schauen dem Mann im Anzug hinterher. „Und cut!“ Die Szene ist geschafft. „War das nicht zu langsam?“, fragte eine Mitarbeiterin den Regisseur. „Ach, das wird doch noch geschnitten, Darling“, erwidert Hirschbiegel. Er wirkt zufrieden.

Zuletzt musste der Regisseur für einen Film über Lady Diana Kritik einstecken. Hirschbiegels bislang größter kommerzieller Erfolg war der Oscar-nominierte „Untergang“ über die letzten Tage im Führerbunker. Bruno Ganz gab damals den schreienden, keifenden Hitler. Der betrachtete Elser als seinen Erzfeind und ließ ihn nach dem Attentat in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Dachau einsperren, als „Sonderhäftling des Führers“. Wenige Wochen vor Kriegsende entschied Hitler, Elser ermorden zu lassen. Am 9. April 1945 wurde der Häftling mit dem Decknamen „Eller“ erschossen.

Von Freunden distanziert

„Ich glaube nicht, dass Elser ein Held sein wollte“, sagt Darsteller Christian Friedel. Glaubt man den Berichten von Zeitzeugen, soll sein Umfeld nichts von den Plänen für ein Attentat geahnt haben. Auch nicht Elsa Härlen. Katharina Schüttler („Unsere Mütter. Unsere Väter“) spielt die Geliebte Elsers. Ihr Kostüm ist ein Blümchenkleid, in der einen Hand hält sie Smartphone und Zigarette, mit der anderen schützt sie ihre Augen vor der Sonne. „Ich glaube, dass Georg Elser ganz anders war als die Männer, die Elsa bis dahin kannte. Er hatte etwas Sanftes, und er trug eine große Freiheit in sich.“

Von der Geliebten, von Freunden und Familie hatte Elser sich in den Monaten vor dem Attentat bewusst distanziert. Wohl um sie im Falle seiner Verhaftung nicht mit ins Unglück zu reißen. Breinersdorfers Drehbuch legt viel Wert auf diese persönlichen Seiten Elsers und die Beziehung zu Elsa. In der kommenden Woche werden in Lindau am Bodensee weitere Szenen mit Elsers „großer Liebe“ gedreht, unter anderem eine Schiffsszene. Nach sechs Tagen in Schwäbisch Hall zieht die Produktion aber zunächst einmal nach Metzingen, Reutlingen und Stuttgart.

Falsche Gerüchte

In der Landeshauptstadt sollen vor allem die Verhörszenen nach dem Attentat gedreht werden. Die Protokolle dieser Stunden gaben Historikern wertvolle Einblicke in Elsers Gedankenwelt und räumten durch ihre Veröffentlichung 1969 ein für allemal mit den Gerüchten auf, Elser sei ein SS-Unterscharführer oder bloß Handlanger dubioser Hintermänner gewesen.

Heute sieht die Öffentlichkeit Elser ganz im Sinne seines Satzes: „Ich wollte (...) durch meine Tat noch größeres Blutvergießen verhindern.“ So bekannt wie die Widerstandskämpfer Stauffenberg und Sophie Scholl scheint Georg Elser zwar noch immer nicht zu sein. Vielleicht ändert daran ein weiterer Spielfilm ja etwas. „Elser“ soll im Frühjahr 2015 in die Kinos kommen.

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