Ludger Möllers

Pippi Langstrumpf könnte als Patin aller Modellbauer auftreten, Langstrumpf-Autorin Astrid Lindgren als Texterin ihrer Hymne: „Ich mach mir die Welt – widdewidde wie sie mir gefällt ...“, trällert die rothaarige Göre aus Schweden seit Jahrzehnten – und die Modellbauer können in ihren Kellern oder auf den Dachböden mitsummen. Denn abseits vom beruflichen Stress oder familiären Ärger baut sich jeder Modelleisenbahner seine eigene, kleine, meist beschauliche und fast immer sehr, sehr heile Welt. Seit 70Jahren stets dabei: Häuschen, Bahnhöfe, Fabrikanlagen, selbst fahrende Autos oder eine Kirmes aus dem Schwarzwald, wo die Firma Faller, Marktführer für das Modelleisenbahn-Zubehör, in diesen Tagen ihr Jubiläum vorbereitet. Am Freitag und Samstag, 30.September und 1.Oktober, gibt es einen Tag der offenen Tür am Firmensitz in Gütenbach.

Faller hat sich ganz in den Dienst moderner Weltenschöpfer gestellt. In Gütenbach, 900 Meter hoch und in der Stille des Schwarzwaldes, entsteht im Maßstab 1:87 die Welt, wie sie ersehnt wird: überschaubar, niedlich, sauber. 1946 entstanden die ersten Modellhäuser, damals noch aus Holz und Pappe. Mit der Idee, einen Baukasten zu konzipieren und anzubieten, wurde der Grundstein für die Erfolgsgeschichte gelegt. Heute ist Faller der Inbegriff für Miniaturisierung. Es wird wohl kaum eine Modelleisenbahnanlage ohne „Faller-Häusle“ geben. Weit mehr als 100Millionen verkaufte Modelle sprechen für sich. Es sind Fantasiewelten – aber auch Spiegelbilder der geheimen Wohnträume ihrer Schöpfer. „Modellbahnlandschaften zeigen, wie die Menschen leben wollen“, sagt Günter Vornholz, Professor für Immobilienökonomie an der EBZ Business School in Bochum.

Derzeit hat Faller nach eigenen Angaben mehr als 1500 Artikel im Sortiment, der neue Katalog ist 516Seiten dick. Im Jahr gehen beim Modellspielzeughersteller mehr als eine Million Bausätze vom Band. Verkauft werden die Produkte über derzeit 1000 Händler in Deutschland, der Exportanteil liegt bei 30Prozent. Im vergangenen Jahr verzeichnete das Unternehmen mit knapp 100 Mitarbeitern einen Umsatz von rund elf Millionen Euro.

Zum Vergleich: Im Jahr 2001 waren es noch 200 Mitarbeiter, die einen Umsatz von gut 17 Millionen Euro erwirtschafteten. Die Krise der ganzen Branche erwischte neben Faller auch Marktführer Märklin mit seinen Lokomotiven, Wagen und Schienen. Kleinere Anbieter verschwanden. Jahrzehntelang hatten die Modellbau-Hersteller Techniktrends verschlafen, produzierten zu teuer, bauten Produkte, die niemand mehr haben wollte. Bei Faller waren es beispielsweise Modelle von Bundeswehrkasernen: „Vieles löste keine oder negative Emotionen aus“, erinnert sich Spielwarenhändler Wolfgang Riess aus Tuttlingen. „Außerdem verramschte Märklin seine Artikel bei Aldi.“

2010 folgte bei Faller eine Insolvenz, aus der die Schwarzwälder gestärkt hervorgingen: „Wir sind heute kerngesund“, betont Geschäftsführer Horst Neidhard, „und schreiben schwarze Zahlen, wachsen weiter.“ Und Marketing- und Vertriebsleiter Stefan Rude ergänzt: „Ein guter Indikator, ob das Geschäft läuft, ist der Absatz von Modellkleber. Wenn viel Kleber verkauft wird, läuft’s gut.“ Derzeit werde viel Kleber verkauft.

„Ohne Faller wäre die Welt des Modelleisenbahners gar nicht vorstellbar“, sagt Wolfgang Riess, „die Züge können ja nicht durch eine leere Landschaft fahren!“ Der Spielwarenhändler hat sich auf Modellbahnen spezialisiert und weiß: „Bahnhöfe sind ganz wichtig.“ Tatsächlich ist der kleine Bahnhof Hintertupfingen für knapp zehn Euro bis heute eines der beliebtesten Faller-Modelle, „aber auch Kirchen laufen immer“, berichtet Riess. Es gehe neben liebevoll gestalteten Details vor allem um Emotionen: „Das Kind im Manne darf man nicht unterschätzen.“ Erinnerungen an die eigene Kindheit könne der Modellbahner umsetzen: „Und zwar ganz kreativ!“ Viele Kunden, die sich bei Riess eindecken, verändern die Bausätze nach eigenem Gusto, leben sich aus: „Ich mach mir die Welt – widdewidde wie sie mir gefällt...“

Längst bietet Faller mehr als Häuschen, Bahnhöfe, Figuren, Bäume oder Material zur Landschaftsgestaltung wie Steinchen. Seit Jahren gehören Kirmes-Modelle zum Programm: „Daraus hat sich ein eigenes Segment mit vielen Kunden entwickelt, die gar keine Modelleisenbahn mehr haben, sondern sich als Diorama eine Kirmes bauen“, weiß Marketingleiter Rude. Wo sich Riesenräder drehen, Autoscooter zusammenstoßen und das Kettenkarussell seine Freunde findet, ist auch die Imbissbude nicht weit. Ein Mitbewerber bietet Sounds mit typischen Kirmesgeräuschen an. Zwar duftet es noch nicht nach Würstchen oder Meeresgetier aus der Sylter Fischbude, aber mit dem Kirmesprogramm hat Faller vor 30 Jahren den Sprung in die bewegte Welt geschafft. Kleine Motoren treiben einfache Modelle an, in die aufwendigen Bausätze, die um die 200 Euro kosten, wird Steuerungselektronik eingebaut: Dann könnten die kleinen Kirmesbesucher auch ein- oder aussteigen.

„Technik wird immer wichtiger“, erklärt Stefan Rude, „das merken wir im Kirmes-Segment und auch beim Car System.“ Faller bietet Modellautos an, die mit einem Motor ausgestattet sind und wie von Geisterhand gesteuert über die Anlage sausen. Ein in der Straße versteckter Draht lenkt die Modelle: Blaulichter zucken beim Feuerwehreinsatz, Ampeln blinken, eine Radarfalle lichtet zu schnelle Flitzer ab. Neuerdings lenken Computer und Satelliten, die unter der Decke angebracht werden, die Autos: „Punktgenau“, sagt Rude. Dann bremsen die Fahrzeuge mit ihren 128 möglichen Fahrstufen langsam ab, beschleunigen und setzen den Blinker. Die Grundausstattung mit zwei Autos und der erforderlichen Elektronik sowie der Software kostet etwa 1500 Euro. Viel Geld, das die Kundschaft – unter ihnen sind Modellbauer in allen Altersstufen – gerne aufbringt. Insbesondere junge Zielgruppen greifen zu. Aber: „Noch kennen wir fast alle Kunden, die das digitale Car System nutzen, persönlich“, schränkt Rude ein, „aber die Entwicklung der letzten Monate stimmt sehr positiv für die Zukunft. Es war die richtige Entscheidung, hier einen Innovationssprung zu machen.“ Dieser war auch dringend nötig bei einer Kernkundschaft im eher gesetzten Alter.

Doch auch der eher traditionell orientierte Modellbauer schätzt die Innovationen aus dem Schwarzwald – und zückt die Geldbörse: beispielsweise für das Modell des mittelalterlichen Klosters Bebenhausen aus dem schwäbischen Schönbuch. 2500Arbeitsstunden der Entwickler waren nötig, um das 60 Zentimeter lange und 51 Zentimeter breite Modell zu bauen. Für immerhin 400 Euro gibt es satte fünf Kilo Bausatz und 1400 Einzelteile. Auch im Kloster sind Emotionen möglich: In den Glockenturm lässt sich mit wenigen Handgriffen ein kleiner Lautsprecher einbauen, aus dem für das Brautpaar vor der Klosterkirche der Hochzeitsmarsch ertönt.

Den Kontakt zum Endkunden muss Faller über andere Wege als den Handel ausbauen, denn immer weniger Einzelhändler führen Modelleisenbahnen, immer mehr Modellbauer ordern übers Internet. Zwischen Ulm und Freiburg, Lindau und Aalen sind noch etwa zehn Fachhändler zu finden, die das Sortiment führen: „Wir aber wollen unser Wissen teilen und unsere Kunden einbeziehen“, formuliert Geschäftsführer Neidhard seine Vision vom Wissensmanagement. Auf einer Internetplattform könnten sich Modellbauer über Tricks und Kniffe austauschen, ihr Wissen weitergeben.

Auch denkt Neidhard darüber nach, dass Kunden ihre Anregungen für neue Modelle formulieren und an Faller zwecks Umsetzung weitergeben. Ob sich eines Tages Modellbauer im Sinne des Crowd-Funding zusammenfinden? Ob sich beispielsweise 1000 Interessenten für den Pariser Eiffelturm sammeln und dessen Entwicklung per Anzahlung vorfinanzieren? Möglich sei das, meint Neidhard, aber in weiter Ferne: „Nicht nur, weil das Modell dann drei Meter hoch wäre!“ Heute schon werde ein Modell des Berliner Hauptbahnhofs häufig angefragt, sei aber derzeit nicht umsetzbar. Ausschließen will man im Haus Faller aber nichts, denn jeder Modellbauer habe seine eigenen Ideen: „Ich mach mir die Welt – widdewidde wie sie mir gefällt...“

Am 30. September und 1. Oktober 2016 feiert Faller seinen runden Geburtstag. Der Traditionshersteller öffnet sein Haus und bietet Einblicke hinter die Kulissen, in die Produktion und Entwicklung. Für Klein und Groß wird es Bastelstationen, Praxisaktionen und Modellanlagen zum Bestaunen geben. Offizielles Programm gibt es an beiden Tagen von 10 Uhr bis 17 Uhr und in den Abendstunden wird im Festzelt weitergefeiert.

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