Für S 21 müssen Tunnel unter der Landeshauptstadt gebaut werden – Hausbesitzer fürchten um ihr Eigentum

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Keine Freunde des Bahnprojekts: Dem Stuttgarter Ehepaar Schweizer machen die Stuttgart-21-Bauarbeiten Sorgen. (Foto: Klaus Eppler)

Wenn Frank Schweizer am Frühstückstisch sitzt, auf seinem Teller eine Brezel mit Butter, daneben ein Glas frisch gepresster Orangensaft, davor ein selbst gebackener Gugelhupf von seiner Frau Elisabeth, dann hört er in regelmäßigen Abständen das „Ding-Dong-Ding“ der Ansagen am Hauptbahnhof.

Wenn er in die Küche geht und aus dem Fenster schaut, dann kann der 66-Jährige die kahlen Flächen vor den Gleisen sehen. Dort, wo früher Bäume standen, ist heute nur noch plattes Land. Die Vorbereitungen für den Tiefbahnhof Stuttgart 21 haben begonnen.

Geht es nach dem Mann mit dem weißen Haupthaar und dem weißen Vollbart, werden dort unter der Oberfläche allerdings niemals Fernzüge fahren: „Da werde ich dagegen halten, solange ich lebe“, sagt Schweizer. Seit 1995 kämpft er gegen Stuttgart 21. Schon damals haben er und seine Frau sich mit ihrem Denkmalschutzverein für den Erhalt des Hauptbahnhofes eingesetzt. Da wussten sie noch nicht einmal, dass sie irgendwann wegen ihres Grundstückes selber betroffen sein könnten – von den Bohrungen, den Grabungen und den Tunnels.

Jeden Montag wird demonstriert

Der Streit um das Bahnprojekt Stuttgart 21 spaltet bis heute die Landeshauptstadt Stuttgart. Auf politischer Ebene haben stets die Grünen in der Stadt, im Land und im Bund gegen das Projekt gekämpft. Als Regierungspartei müssen sie den Bau nun durchsetzen. An der Basis demonstrieren nach wie vor montags um die Tausend Stuttgarter gegen S 21. Mindestens 5,6 Milliarden soll das Projekt nach derzeitigem Stand kosten. Doch neben der allgemeinen Aufregung gibt es in Stuttgart auch Menschen, die sich vom Bau des Projektes ganz direkt gestört fühlen– weil die Bahn unter ihren Häusern Tunnels bauen will.

„Wir unterschreiben nicht!“ lautete der Titel einer Zeitungsanzeige im März. 112 Menschen hatten die Anzeige mit ihren Namen unterzeichnet, zwei davon sind Elisabeth und Frank Schweizer. Die Bahn braucht die Zustimmung der Grundstückseigentümer, um unter ihren Häusern graben zu dürfen. Doch die Besitzer haben Angst vor Schäden an den Gebäuden und wollen „angemessene Entschädigungen“, wie es in der Anzeige heißt. Außerdem fordern sie Regelungen für den Fall, dass Risse an den Häusern entstehen. „Ich traue der Bahn nicht. Die sagt nachher: Bei einem 130 Jahre alten Gebäude, wären die Schäden sowieso gekommen. Dann muss ich prozessieren, um meine Schäden bezahlt zu bekommen“, sagt Frank Schweizer, der gemeinsam mit anderen Betroffenen das Netzwerk Kernerviertel gegründet hat.

Das Ehepaar wohnt in der Kernerstraße und ist Eigentümer eines sechsstöckigen Ziegelbaus mit Sandsteinfassade aus dem Jahr 1890. Künftig sollen hier in 40 Metern Tiefe zwei Tunnelröhren verlaufen, eine hinauf auf die Fildern, die andere nach Untertürkheim. Um in dieser Tiefe bauen zu können, muss die Bahn Grundwasser entnehmen, reinigen und wieder ins Erdreich speisen. Das sensible Gipsgestein, auf dem auch Schweizers Haus steht, soll dabei trocken bleiben. Doch Schweizer, der als selbstständiger Berater für Abfall- und Wasserwirtschaft in Entwicklungsländern arbeitet, glaubt daran nicht: „Vor der Hacke ist es dunkel“, zitiert er ein altes Bergarbeitersprichwort. „Wer Tunnels baut, muss mit Schäden rechnen.“ Er befürchtet, dass das Gipsgestein feucht wird, quillt und nachgibt. In Staufen fing diese Art von Gestein nach Geothermie-Bohrungen an, wie ein Hefeteig aufzugehen. Seit sechs Jahren hebt sich hier der Boden, Risse zerstören die Häuser in der historischen Altstadt.

Sensible Gipsschichten

Auch Wolfgang Grössle fürchtet um sein Haus. Der Architekt wohnt drei Straßen weiter und hat Sorge, dass durch die Entnahme des Grundwassers „der Berg ausgehöhlt wird und der Hang sich bewegt.“ In die Bahn habe er in Sachen Grundwassermanagement kein Vertrauen. Grössle fordert zudem „ein belastbares Gutachten unter Beachtung der Einwände der Anwohner und Fachleute jenseits der Bahn“. Damit ist er nicht allein. Auch Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) hat sich den Forderungen des Netzwerkes Kernerviertel angeschlossen und mehrfach an die Bahn appelliert, ein geologisches Gutachten vorzulegen.

Kürzlich hat die Bahn dazu neue Unterlagen eingereicht und erklärt: „Weder Schäden an Bauwerken noch Hangrutschungen“ seien zu befürchten. „Auch etwaige geringe Baugrundverformungen sind unbedenklich.“ Das Umweltministerium sieht sich aktuell noch nicht zu einer Einschätzung in der Lage. Die neuen Unterlagen würden geprüft, sagte ein Sprecher des Ministeriums. Zwar komme durchaus in Stuttgart das gleiche Gestein wie in Staufen vor. Allerdings sei auch entscheidend, welches Gestein über und unter der sensiblen Gipsschicht verlaufe. Zudem liege der S-Bahn-Tunnel in Stuttgart sogar tiefer als der künftige Hauptbahnhof. „Von Problemen ist mir hier nichts bekannt“, sagt der Sprecher.

Als die Pläne für ihr Viertel vor knapp zehn Jahren konkret wurden, hat das Ehepaar Schweizer bereits gegen die Bahn geklagt. Sie wollten das Projekt aufhalten, weil es ihnen zu teuer ist, grundsätzlich nicht sinnvoll und die Risiken nicht beherrschbar erscheinen. „Eigentum verpflichtet“, sagt dazu Elisabeth Schweizer. Schließlich könnten sie als Hausbesitzer gegen das Projekt juristisch vorgehen, weil sie direkt betroffen seien. Andere könnten nur demonstrieren. Doch auch vor dem Bundesverwaltungsgerichtshof scheiterten sie und zahlten letztlich 10000 Euro für Anwalt und ein Gutachten, das ihre Sorgen untermauern sollte. Die Unterlagen findet Schweizer heute allerdings nicht mehr, wie der Gutachter zu kontaktieren ist, weiß er auch nicht.

Bahn AG könnte Eintrag in Grundbuch erzwingen

Die Bahn hat bereits einigen Grundstückseigentümern Vertragsentwürfe vorgelegt. „Die Eigentümer gestatten der DB Netz AG mit sofortiger Wirkung, unter dem oben genannten Grundstück einen Eisenbahntunnel zu erstellen“, heißt es in den Schreiben. Außerdem verpflichtet sich der Eigentümer, „alle Handlungen zu unterlassen“, die den Tunnelbau gefährden könnten. Frank Schweizer hat deswegen auch noch Sorge, dass er künftig nicht mehr frei entscheiden kann, was er mit seinem Haus macht. So überlegt er, einen Aufzug einbauen zu lassen. Die Bahn verweist bei Tunnels, die 40 Meter unter der Erde liegen, allerdings eher auf Tiefgaragen und neue Kellerräume.

Uwe Dreiss und seine Frau Gabi haben die Anzeige „Wir unterschreiben nicht!“ ebenfalls unterzeichnet. „Wir unterschreiben nicht in dieser Form“, konkretisiert er seine Position. Eine komplette Verweigerung bringe nichts, die Verträge müssten vielmehr „vernünftig verhandelt werden“. Die Bahn AG könnte den Eintrag ins Grundbuch schließlich erzwingen.

Dreiss ist als ehemaliger Patentanwalt Mitglied bei den „Juristen gegen S 21“. Die Gruppe fordert für die Verträge unter anderem genaue Angaben, was der Hauseigentümer zu unterlassen hat, um die Tunnelbauten nicht zu gefährden. Außerdem soll die Bahn nachweisen müssen, dass sie nicht schuld ist, sollten Risse in den Gebäuden entstehen. Bisher müssten die Eigentümer das Gegenteil beweisen.

Streit um Entschädigungen

Die Entschädigungen für den Eintrag ins Grundbuch berechnen sich nach einem Verfahren, wie es bereits in den 60er- und 70er-Jahren beim Bau der S-Bahn in München angewendet wurde. Allerdings richtet sich die Bahn dabei nur nach dem Wert des Grundstücks, unabhängig davon, was darauf steht.

Das reicht Frank Schweizer und seinen Mitstreitern nicht. Schweizer selbst fürchtet, dass er nur 3000 Euro erhält – statt 30 000 Euro, die er für angemessen hält. Sollte die Bahn versuchen, die Einträge ins Grundbuch nach den derzeitigen Verträgen durchzusetzen, wollen die Schweizers und auch Dreiss klagen. „Wenn man so ein Haus kauft, dann wird ein Traum Wirklichkeit“, sagt Frank Schweizer. „Doch durch Stuttgart 21 wird es zum Trauma.“

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