„Es war nichts Persönliches"
„Es war nichts Persönliches"
Schwäbische Zeitung

Sieben Kugeln treffen den jungen Polizisten Wolfgang Seliger. Geschossen hat am 3. Mai 1977 in Singen der RAF-Terrorist Günter Sonnenberg. Auf zehn Prozent beziffern die Ärzte Seligers Überlebenschance. Mittlerweile ist er 53 Jahre alt und nach wie vor Polizist in Singen. Es hat Jahre gedauert, bis er einen Weg fand, den Mordversuch zu verarbeiten.

Von unserem Redaktionsmitglied Andreas Müller

3. Mai 1977: Das Vesper für die Frühstückspause steht schon bereit. Es ist Dienstag. Gegen neun Uhr betritt die Bedienung eines nahen Cafés die Polizeidienststelle. Bei ihr im Gastraum sitzen zwei gesuchte Terroristen, glaubt sie. Solche Hinweise gehen zurzeit auch in Singen beinahe täglich ein, denn das ganze Land ist mit Fahndungsplakaten regelrecht tapeziert. Vor vier Wochen sind in Karlsruhe Generalbundesanwalt Siegfried Buback und seine Begleiter ermordet worden. Immer wieder glauben Bürger seither, RAF-Mitglieder erkannt zu haben. Immer wieder Fehlalarm. Auch dieses Mal wird sich die Sache sicher rasch klären lassen. Zusammen mit einem Kollegen wird der 20-jährige Wolfgang Seliger losgeschickt. Dass dies ein Himmelfahrtskommando ist, weiß niemand.

3. Mai 2010: Heute arbeitet Wolfgang Seliger im Bereich des Opferschutzes und der Kriminalprävention; ein junger 53-Jähriger, der sich die Sonnenbrille lässig ins Haar steckt. „Ich war damals ganz einfach zur falschen Zeit am falschen Ort“, sagt er. An dieser Erkenntnis kann man verzweifeln. Oder man empfindet sie wie Seliger als tröstlich. „Es war nichts Persönliches. Die Schüsse galten nicht mir, sondern – in der Sprache der RAF – dem Schweinestaat.“ Als politische Straftäter lässt der Familienvater die Terroristen aber nicht gelten. „Das ist Blödsinn. Es waren nichts als hochkriminelle Leute.“

Günter Sonnenberg und Verena Becker haben keinerlei Ähnlichkeiten mit ihren Konterfeis auf den Fahndungsfotos. Sie reagieren vollkommen gelassen auf die beiden Polizeibeamten. Sie seien auf der Durchreise, stammten aus der Stuttgarter Gegend. Ihre Ausweise lägen im Auto. Ein vollkommen unverdächtiges Pärchen. Der Ordnung halber begleiten Wolfgang Seliger und sein Kollege die beiden zu ihrem Wagen. Erst als Sonnenberg ein Auto mit einheimischem Kennzeichen als das seine ausgibt, wird den Polizisten klar, dass dies hier wohl kein Routineeinsatz ist. Zu spät.

„Die Beiden waren uns in der Handhabung der Waffen haushoch überlegen“, erinnert sich Wolfgang Seliger. Er und sein Kollege, die den Umgang mit der Schusswaffe damals nur selten einmal trainierten, standen zwei Kontrahenten gegenüber, die zum Teil in palästinensischen Terrorcamps ausgebildet worden waren. „Die sind unglaublich abgebrüht und kaltblütig vorgegangen.“ Sonnenberg ist zweieinhalb, Becker viereinhalb Jahre älter als Wolfgang Seliger.

Günter Sonnenberg eröffnet das Feuer auf Wolfgang Seliger. Die erste Kugel reißt dem jungen Polizisten den Mittelfinger der rechten Hand ab, die zweite trifft den linken Oberschenkel. Seliger fällt, sucht Deckung hinter einem Auto. Sonnenberg kommt immer näher, feuert sein ganzes Magazin leer. Fünf weitere Projektile treffen. Der Kollege – von Verena Becker niedergeschossen – kann Seliger nicht helfen. Die beiden Polizisten haben keinen einzigen Schuss abgegeben.

„Wir schießen, wenn auf uns geschossen wird“, hatte Ulrike Meinhof Anfang der 70er-Jahre geschrieben. „Den Bullen, der uns laufen lässt, lassen wir auch laufen.“ Als Sonnenberg und Seliger sich gegenüberstanden, galten diese Sätze – wenn sie denn je gegolten hatten – längst nicht mehr.

Nach den beiden ersten Treffern Sonnenbergs ging von dem jungen Polizisten keine Gefahr mehr für die Terroristen aus. „Warum ist er da nicht gleich abgehauen?“ Wolfgang Seliger fährt sich über die Bartstoppeln. Die eine Frage beschäftigt ihn noch immer. „Warum wollte er mich töten?“ Eine Antwort hat er nie erhalten. Im Prozess wegen des Mordversuchs, erinnert er sich, äußerte sich Günter Sonnenberg nicht, er saß nur apathisch da – mit einer Stahlplatte im Hinterkopf. Er hatte bei seiner nur Minuten nach der Tat erfolgten Festnahme einen Kopfschuss erlitten und im Singener Krankenhaus direkt neben seinem Opfer ums Überleben gekämpft.

Ein knappes halbes Jahr nach dem Attentat trat Wolfgang Seliger wieder zum Dienst an, musste funktionieren als er – angesichts seiner Vorgeschichte eigentlich unvorstellbar – für acht Wochen als Personen- und Objektschützer für Richter und Bundesanwaltschaft in Karlsruhe und Stuttgart eingesetzt wurde. Er hatte unruhige Tage und mitunter schlaflose Nächte. „Wenn es gewitterte, bin ich einige Zeit senkrecht im Bett gestanden“, erzählt Seliger. Die grellen Blitze erinnerten ihn an Günter Sonnenbergs Mündungsfeuer. Mit wem sollte Wolfgang Seliger darüber reden? „Meine Familie wollte ich nicht noch mehr belasten“, sagt er. Und im dienstlichen Umfeld war es damals noch längst nicht üblich, Hilfe bei der Bewältigung solcher Erlebnisse einzufordern oder anzubieten. Verlor man überhaupt ein paar Worte darüber, sprach man von einem Unfall.

Erst Anfang der 90er-Jahre findet Wolfgang Seliger eine Möglichkeit, die angestauten Emotionen herauszulassen. Mehrere Interview-Anfragen hat er abgelehnt, ehe er sich dazu überreden lässt, mit einem Journalisten über sein Schicksal zu sprechen. Es ist der Beginn einer öffentlichen Gesprächstherapie. „Ich habe gemerkt, dass es mir gut tut, darüber zu reden“, sagt Seliger, der in der Folge mit Redakteuren und Dokumentarfilmern spricht, bei Alfred Biolek und bei Anne Will zu Gast ist. In den Interviews bewältigt Wolfgang Seliger seine eigene Vergangenheit, indem er die Erinnerung an die von der RAF getöteten Kollegen wach hält. Von Norbert Schmid, der im Oktober 1971 in Hamburg zum ersten Todesopfer der RAF wurde, bis Michael Newrzella, der 22 Jahre später in Bad Kleinen erschossen wurde – Seliger kennt alle Namen. An ihnen will er Interesse wecken, wenn er in Fernseh-Talkshows oder vor Schulklassen spricht.

Der 3. Mai ist für Wolfgang Seliger längst kein Schreckensdatum mehr. Die neuerliche Anklage gegen Verena Becker wegen des Buback-Mordes interessiert ihn nur am Rande. Günter Sonnenberg, der 1992 aus der Haft entlassen wurde, ist Wolfgang Seliger gleichgültig.

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