Erst Sieg, dann Überraschung: VfB kommt nicht zur Ruhe

Thomas Hitzlsperger
Thomas Hitzlsperger, Vorstandsvorsitzender des VfB Stuttgart. (Foto: Tom Weller / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Von Christoph Lother

Es schien das friedlichste Wochenende seit langem zu werden für den VfB Stuttgart. Dann gab's am Sonntagabend doch noch Aufregung: Vorstandschef Thomas Hitzlsperger zieht seine Kandidatur für das Präsidentenamt beim Fußball-Bundesligisten zurück, wie er in einer Videobotschaft mitteilte - zwei Tage nachdem zumindest die Mannschaft mit einem 2:0 (0:0) über den FSV Mainz 05 wieder zurück in die Spur gefunden hatte.

„Ich mache das aus Verantwortung gegenüber unserem Verein und meinen Mitarbeitern“, erklärte Hitzlsperger. „Wir brauchen wieder Ruhe im Verein. Mit meiner Entscheidung will ich jetzt meinen Teil dazu beitragen.“ Bei der Ausgliederung der Profiabteilung 2017 sei den Mitgliedern versprochen worden, dass ihre Interessen gegenüber der neuen AG gewahrt bleiben. Seine Bewerbung habe das „nicht genügend berücksichtigt“, sagte der 38-Jährige: „Das tut mir leid.“

Er wolle auch die Aufklärung in der Datenaffäre vorantreiben, die die Schwaben seit mehreren Monaten schwer belastet. Der Club soll in der Vergangenheit wiederholt Mitgliederdaten an Dritte weitergegeben haben. Er wolle Strukturen und Prozesse schaffen, „die solche Vorkommnisse in Zukunft verhindern“, sagte Hitzlsperger. Dem neu gewählten Präsidenten biete er „eine gute Zusammenarbeit an“.

Der Ex-Profi hatte sich kurz vor dem Jahreswechsel für die nächsten Präsidentschaftswahlen des VfB beworben und den aktuellen Amtsinhaber Claus Vogt aufs Schärfste kritisiert. Weiterer Bewerber neben Vogt ist der Geschäftsmann Volker Zeh aus dem Remstal. Der Vereinsbeirat, der für die Auswahl zuständig ist, hatte zuletzt angekündigt, sich zudem noch nach weiteren potenziellen Kandidaten umzusehen.

Der Machtkampf in der Führungsetage hatte den Verein spürbar aus dem Gleichgewicht gebracht und sein öffentliches Ansehen massiv beschädigt - auch das des bis dahin in Fankreisen so beliebten Hitzlsperger.

Der bisher letzte Schrittt vor Hitzlspergers Rückzug: Vogt teilte vergangene Woche mit, die für den 18. März geplante Mitgliederversammlung, bei der auch die Wahlen anstehen, in den September verschieben zu wollen. Seine Präsidiumskollegen stellten sich dem 51-Jährigen daraufhin in den Weg.

Zu den Querelen in der Vereinsspitze hatten sich beim VfB zuletzt auch wieder ein paar sportliche Sorgen gesellt - bis zum erlösenden ersten Heimsieg des Aufsteigers in der laufenden Bundesliga-Saison am Freitag. Sasa Kalajdzic per Kopf (55. Minute) und Silas Wamangituka (72.) nach einem Super-Solo über fast den ganzen Platz trafen gegen Mainz. Sie habe „einen geilen Job gemacht“, sagte Sportdirektor Sven Mislintat über seine Mannschaft, die aus den vorangegangenen sieben Partien nur fünf Punkte geholt hatte. Wie sie sich gegen den bissigen Tabellenvorletzten gewehrt habe, habe ihn „besonders stolz“ gemacht.

Mit dem Abstieg dürften die Stuttgarter, die vermutlich wochenlang auf den am Oberschenkel verletzten Kapitän Gonzalo Castro verzichten müssen, angesichts ihres üppigen Polsters auf den Relegationsrang nun kaum noch etwas zu tun haben. „Wenn wir uns auf diesem Platz zehn festbeißen und am Saisonende dort landen sollten, hätten wir eine herausragende Runde gespielt“, sagte Mislintat.

Abseits des Rasens werden beim VfB aber auch nach dem Rückzug Hitzlspergers im Kampf um den Präsidenten-Posten weiter Turbulenzen erwartet. Am Montag soll die mit der Aufklärung der Datenaffäre beauftragte Kanzlei Esecon dem Club ihre Ergebnisse präsentieren. Und auch mit Blick auf den Termin für die kommende Mitgliederversammlung herrscht noch Unklarheit.

Immerhin zwei Tage lang durften sich die Fans des VfB aber wieder weitgehend uneingeschränkt an ihren vielen Top-Talenten erfreuen. Vor allem an Wamangituka und dessen sehenswertem Sprint zum 2:0 gegen Mainz. Bei elf Saisontoren steht der flinke Kongolese nun schon - und wandelt damit auf den Spuren von Ex-Stürmerstar Fredi Bobic. Er war in der Saison 1996/1997 der bis dahin letzte Stuttgarter, der nach 19 Spieltagen so oft getroffen hatte. Zumindest Wamangituka und Co. lassen den Anhang also wieder von besseren Zeiten träumen - trotz der Tristesse, die das Theater in der Chefetage weiter mit sich bringt.

© dpa-infocom, dpa:210131-99-246286/3

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