Ans Auswandern hat der heute 95-jährige Ernst Winsauer nie gedacht, auch dann nicht, als die Nazis seinen Vater aus dem Amt des
Ans Auswandern hat der heute 95-jährige Ernst Winsauer nie gedacht, auch dann nicht, als die Nazis seinen Vater aus dem Amt des Landeshauptmanns jagten. (Foto: Fotos: Christian Flemming)
Schwäbische Zeitung

Der heute 95-jährige Ernst Winsauer aus Bregenz erinnert sich an den Anschluss Österreichs 1938 an Deutschland, als sei es gestern gewesen. Was er heute noch zu berichten weiß.

Am Morgen des 12. März 1938 ertönt zu ungewöhnlicher Stunde die Glocke im Feldkircher Jesuiten-Internat „Stella Matutina“. Ernst Winsauer reibt sich die müden Augen und geht gemeinsam mit seinen Schulkameraden in die Aula. Winsauer ist der Sohn des gleichnamigen Vorarlberger Landeshauptmanns, was in etwa einem deutschen Ministerpräsidenten entspricht. Im Hof fallen dem 15-Jährigen Männer in braunen Uniformen auf, die Armbinden mit dem Hakenkreuz tragen. Der Direktor des Internats tritt vor die Schüler und sagt: „Heute Nacht hat es einen Umsturz in unserem Land gegeben. Bewahren Sie Ruhe.“ In der Nacht haben österreichische Nationalsozialisten noch vor dem Einmarsch deutscher Einheiten die Macht an sich gerissen. Wenig später werden weite Teile der österreichischen Bevölkerung die deutschen Truppen in einer Gesamtstärke von 65 000 Mann als Vorboten einer „Wiedervereinigung“ auf den Straßen bejubeln.

„Dann haben wir im Internat darauf gewartet, dass unsere Eltern uns abholen“, sagt Ernst Winsauer an seinem Küchentisch in der Gemeinde Hard bei Bregenz sitzend, genau 80 Jahre später. Und er vergisst nicht zu ergänzen: „Ich erinnere mich, als ob es gestern gewesen ist.“ Der heute 95-jährige Ernst Winsauer spricht mit einer zerbrechlichen, aber klaren Stimme. Mindestens so klar ist sein Verstand, der es ihm erlaubt, erstaunliche Details aus der dramatischen Zeit des Anschlusses von Österreich an Hitler-Deutschland ohne Stocken in die Jetztzeit des Jahres 2018 zu holen.

Vater von den Nazis abgesägt

Zum Beispiel über den Seelenzustand des Vaters, den die Nazis als Landeshauptmann noch am selben Tag aus seinem gewählten Amt jagen, weil er bis zuletzt für die Unabhängigkeit Österreichs eingetreten ist. „Mein Vater war in dieser Zeit furchtbar deprimiert“, sagt Winsauer. Davon abgesehen verhängen die Nationalsozialisten ein Berufsverbot über den Politiker und studierten Chemiker. Eines Tages rückt sogar die SA in das Bregenzer Haus der Familie an. Die Nazis durchwühlen die Zimmer. Während Frau und Kinder, darunter der junge Ernst Winsauer, draußen warten müssen, wird der Vater verhört. Ein führender Nationalsozialist Vorarlbergs – noch dazu ein ehemaliger Schulkamerad des Vaters – eröffnet dem gestürzten Landeshauptmann, dass er von nun an sämtliche Ansprüche gegenüber dem Staat verloren hat. Er wird über Nacht quasi zur Persona non grata. Die Familie steht praktisch mittellos da. „Da hat mein Vater mir mit Tränen in den Augen gesagt, dass ich nicht zurück ins Internat kann“, erinnert sich Ernst Winsauer, der fast zärtlich über seinen Vater spricht und sich zusammennehmen muss, damit ihm nicht noch heute, 80 Jahre später, die Tränen kommen.

Die „Stella Matutina“ war ein internationales Internat, in dem neben Schweizern viele Franzosen und Engländer die Schulbank drückten. Darunter auch die Schriftsteller James Joyce und Arthur Conan Doyle, der den Meisterdetektiv Sherlock Holmes erfand. „Ich mochte diese Schule. Nur die Tatzen, die wir da auf die Finger bekommen haben, die mochte ich nicht“, sagt Winsauer und streicht sich dabei über die alten Hände, während ein feines Lächeln seinen Mund umspielt. Die Rückkehr nach Bregenz fällt dem jungen Mann nicht allzu schwer, weil ihn schon damals ein unerschütterlicher Optimismus ausgezeichnet habe, der auch aus dem 95-Jährigen von heute spricht.

Keine Chance auf Arbeit

Während Ernst Winsauer senior aufgrund des Berufsverbots nahe an der Verzweiflung ist, weil er nicht weiß, wie er seine Frau und die beiden Söhne ernähren soll, werden die Brüder alsbald zum Militärdienst eingezogen. Fritz verschlägt es an die Ostfront in die Nähe von Leningrad. Seinen Bruder Ernst trifft es besser: „Ich wurde dem Offiziersstab unterstellt und war Putzer“, sagt er und betont: „Ich bin ein Mensch, der immerzu Glück hatte.“ Die Aufgabe habe darin bestanden, seinem Offizier hinterherzuputzen, was Winsauer auch macht. Er kommt dabei unter anderem nach Stuttgart und schließlich Augsburg.

In der Zwischenzeit versucht sein Vater verzweifelt, wieder beruflich Fuß zu fassen – vergeblich. Die Nazis sorgen dafür, dass Ernst Winsauer senior auf jede Bewerbung eine Absage erhält. Bis er schließlich in Wien als Chemiker eine Anstellung bei einem Fabrikanten für Hustenbonbons findet, weil dieser außerhalb des Einflussbereichs der Vorarlberger Nazis produziert.

Bruder kommt nicht zurück

Die politische Stimmung im Land entspricht in dieser Zeit bereits weitgehend der Situation in Deutschland. Die Symbole und Flaggen der Nationalsozialisten prägen das öffentliche Bild der Städte und Dörfer. Die Lebensumstände von politisch Andersdenkenden, Intellektuellen und Juden werden zunehmend unerträglich. Bereits in der Phase unmittelbar nach der Machtübernahme werden 70 000 Menschen verhaftet.

Und die Winsauers? Wie geht es Ernst und seinem Bruder Fritz in dieser Zeit, fern vom heimischen Bregenz? „Dazu muss ich Ihnen noch eine Geschichte erzählen, wenn Sie noch so viel Zeit haben“, sagt Winsauers zarte Stimme, während draußen vor dem Fenster die Dämmerung über das Haus fällt. Sein erster Urlaub führt Fritz zu seinem Bruder Ernst nach Augsburg. Die schlimme Zeit vor Leningrad, das Leben in Erdlöchern haben tiefe Furchen in das Gesicht von Fritz gegraben. Zur Aufheiterung gehen die beiden ins Theater. Tief ergriffen von der Vorstellung sagt Fritz: „Ich wünschte, ich könnte noch einmal mit dir in dieses Theater gehen. Aber ich habe Angst, dass ich nicht mehr von der Front zurückkomme.“ Am Ende wird Fritz mit seiner Vorahnung recht behalten. „Jemand hat berichtet, er ist durch einen Volltreffer gestorben“, sagt Winsauer heute, während sich seine Augen mit Tränen füllen. Er sei so ein feiner, ein so lieber Mensch gewesen. Andere Berichte legen nahe, dass er vermisst ist. Sein Bruder Ernst sieht ihn jedenfalls niemals wieder.

Sprache als Völkerverständigung

Für Ernst Winsauer selbst gehen die Kriegsjahre ohne schlimmere Verletzungen mit französischer Kriegsgefangenschaft in Bourges zu Ende. Als er davon erzählt, sagt er wieder: „Ich bin ein Mensch, der immerzu Glück hatte.“ So auch diesmal. Denn er kommt bei einem Bauern unter, der ihn und einen Mitgefangenen gut behandelt. Winsauer hält auch nach Kriegsende Kontakt zu ihm und schickt sogar seine Kinder in den Ferien auf den Hof nach Frankreich, damit sie Französisch lernen. Sprache als Teil der Völkerverständigung. Und damit als aktives Friedensinstrument.

Nie ans Auswandern gedacht

Die einschneidenden politischen Umwälzungen durch den Umsturz 1938, von dem die Winsauers so unmittelbar betroffen waren, hat der Familie den Wind der Geschichte stürmisch ins Gesicht geblasen. Umgeworfen hat er sie aber nicht, denn: Vater Ernst Winsauer zieht nach Ende des Zweiten Weltkriegs als Abgeordneter der Österreichischen Volkspartei in den österreichischen Bundesrat ein. Außerdem wird er Direktor der Chemischen Versuchsanstalt des Landes Vorarlberg in Bregenz. Sein Sohn Ernst junior schlägt ebenfalls eine wissenschaftliche Laufbahn ein und wird Ingenieur für Maschinenbau. Eine Reihe von Patenten geht auf ihn zurück.

Haben sein Vater und er nie daran gedacht, Österreich, das mit dem Jahr 1938 ja nicht mehr ihres gewesen ist, für immer hinter sich zu lassen und zum Beispiel in die Schweiz zu gehen? „Nein“, sagt der 95-Jährige kurz und knapp. Vorarlberg sei doch die Heimat, sein Vater ebenso wie er und auch der Bruder Fritz hätten immer dieses Heimweh verspürt. Obwohl er später die ganze Welt bereist habe. Der erste je in Österreich zugelassene Wohnwagen sei seiner gewesen.

So viele Geschichten

Aus Ernst Winsauer wäre aber ganz sicher auch ein vortrefflicher Schwabe geworden. Denn zum Abschied rezitiert er aus dem Kopf, frei und ohne auch nur über eine Silbe zu stolpern, Ludwig Uhlands langes Gedicht „Schwäbische Kunde“. Nachdrücklich gestikuliert er während seines Vortrags, ohne das geringste Zeichen von Müdigkeit. „Dazu muss ich Ihnen noch eine Geschichte erzählen, wenn Sie noch so viel Zeit haben“, setzt er noch einmal von Neuem an, um sich dann – schon in der Tür stehend – selbst zu ermahnen, es nun gut sein zu lassen. Denn es ist sowieso unmöglich, alle Geschichten zu Ende zu erzählen, die in diesen 95 Jahren Leben gebündelt sind. Dafür haben er und seine Familie vor und nach 1938 einfach viel zu viel erlebt.

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