Er hat es gewusst, von Anfang an. Als Rolf Lanzinger zum ersten Mal kambodschanischen Boden betrat, dachte er: Hier will ich bleiben. Das war im Februar 1992; Kambodscha war ein anderes Land damals. Lanzinger kam als Sanitäter, direkt vom Bundeswehrkrankenhaus Ulm, und sollte dabei helfen, aus dem bürgerkriegsgeplagten Landstrich einen stabilen Staat zu schaffen.

17 Jahre später sitzt Rolf Lanzinger in einem Restaurant der Hafenstadt Sihanoukville und erzählt aus seinem Leben. Längst arbeitet der heute 47-Jährige nicht mehr als Krankenpfleger. Aber er ist immer noch verliebt in seine südostasiatische Wahlheimat. Auf dem Tisch steht das örtliche Angkor-Bier. „Lanzi“, wie sie ihn hier nennen, reißt mit den Kellnern ein paar Witzchen auf Khmer. Draußen knattern Einheimische auf Mopeds vorbei.

Lanzinger hat es ziemlich weit gebracht. Er ist ein Junge aus dem Kinderheim, aufgewachsen in Singen am Hohentwiel, Bäckerlehre in Villingen-Schwenningen. Noch heute, nach all den Jahren in Asien, fühlt er sich als Badener. Die Bundeswehr schickte ihn nach Ulm, er lernte Sanitäter. Der Kalte Krieg war vorbei, die Armee bereitete sich zögerlich auf neue Aufgaben vor. Der Aufbau eines Feldlazaretts in Kambodscha unter UN-Kommando war so eine Aufgabe. Lanzinger bewarb sich – und wurde unter Hunderten ausgewählt. „Ich habe den Fuß auf kambodschanischen Boden gesetzt und mich sofort ins Land verknallt“, schwärmt er. „Es war unbeschreiblich.“ Dann erzählt er von Freunden die er hier gefunden hat, davon, dass jeder jeden kennt, und von den Eltern eines Freundes: „Mama und Papa – die haben mich adoptiert“. Bald ging ihm Khmer leichter von den Lippen als Englisch. Aber irgendwann war die Bundeswehrmission beendet, und Lanzinger musste nach Deutschland zurück. „Im Flugzeug habe ich geheult.“

Doch die Gedanken blieben in Kambodscha, und bald war ihm klar: Ich muss zurück. Erst versuchte er es mit Import-Export, später stieg er – ohne Fachkenntnisse – in die Metzgerei eines Dänen ein. Und die Firma „Danmeats“, die ihm mittlerweile alleine gehört, ist bis heute sein ganzer Stolz. „Bayern haben mir gesagt, ich mache die beste Weißwurst in ganz Asien“, erzählt er. Das freut den Badener besonders.

Ansonsten sieht er seine Firma nicht als spezifisch „deutsch“. Als er seine erste Wurst auf den Markt brachte, rümpften die Kambodschaner allerdings die Nase. Nicht wegen dem ungewohnten Geschmack, sondern just wegen der Aufschrift „Made im Cambodia“. Dabei war Lanzinger gerade auf die so stolz gewesen. Aber er musste lernen, dass seine Kunden heimische Produkte als minderwertig betrachteten und eher auf Importware setzten. „Schreib, dass die Würste aus Thailand kommen“, rieten ihm seine Angestellten. Lanzinger hörte nicht auf sie. Und mittlerweile haben auch die Einheimischen „Danmeats“-Würste zu schätzen gelernt. Lanzinger beliefert Hotels, Restaurants, Bars. Minister kaufen bei ihm ein, Botschafter geben Bestellungen für Partys auf.

Ein weiteres Angkor-Bier ist geleert, und längst ist klar: Lanzinger lebt mit Herz und Seele in Kambodscha. Aber Heimat? Nein. „Deutschland ist meine Heimat“, sagt er, und: „Ich denke dauernd an Singen am Hohentwiel“. Nur leben möchte er dort nicht mehr.

Keine Handwerkskammer

Er spricht über Lebensqualität, und die bedeutet für ihn auch wirtschaftlichen Spielraum. Als er in Kambodscha eine Metzgerei aufmachte, kam keine Handwerkskammer und fragte nach einem Meisterbrief. Es bedeutete auch keine Berge an Papierkram. Andererseits hat die Integration in der Wahlheimat auch Grenzen. Über deutsche Politik redet Lanzinger lieber als über kambodschanische. Und auf die in Kambodscha alltägliche Korruption, die dem Unternehmer wohl auch schon begegnet ist, kommt er auch nicht zu sprechen.

Würde Rolf Lanzinger angesichts seiner Erfahrungen anderen Menschen das Auswandern empfehlen? Er antwortet prompt: „Ja, natürlich!“ Und fügt nach kurzer Pause hinzu: „Aber brich nie alle Bücken nach Deutschland ab“.

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