Kurz vor Weihnachten hat keiner Zeit. Es sei denn, er teilt sich seine Stunden korrekt ein. Zu dieser Kategorie gehört offensichtlich Bischof Fürst, der beim Besuch in der SZ-Zentralredaktion keine Anzeichen von Festtagsstress zeigte. Auskunftsfreudig ging er auf die Fragen ein, und nach dem rund zweistündigen Gespräch verteilte er in alter bischöflicher Tradition Geschenke. Es gab Kalender mit Impressionen seiner Reise nach Südafrika. Man könnte das als eitle Eigenvermarktung kritisieren, aber die Bilder vom Besuch der deutschen und afrikanischen Schwestern der Franziskanerinnenkongregation von Sießen dokumentieren auch deren wichtige Arbeit unter den Ärmsten dieser Welt. Pro verkauftes Exemplar geht ein Euro nach Südafrika. Wohltätigkeit und PR scheinen also durchaus kompatibel.

Apropos PR: Die Bedeutung der Außenwirkung ist im medialen Zeitalter auch in den Zentralen der Bistümer ein großes Thema. Als Ort der Verkündigung hat die Kanzel allein längst ausgedient. Wer wahrgenommen werden will, muss multimedial konzertieren. Als Vorsitzender der Publizistischen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz soll Fürst Ideen und Visionen entwickeln, wie die Botschaften seiner katholischen Brüder und Schwestern möglichst breit unters Volk gebracht werden können. Dabei setzt er auf hausgemachte Informationen. Sein größtes Projekt ist ein katholischer Fernsehsender. Erste Erfahrungen will er hier mit Internet-TV sammeln. Schließlich kostet ein Fernsehsender, wenn er den Vorstellungen Fürsts genügen und sich nicht als reines Verlautbarungsorgan verstehen soll, richtig Geld. Und wenn es ums Geld geht, da verstehen auch die frömmsten Schäfchen keinen Spaß.

Diözese wirtschaftet solide

Das wurde auch nach Veröffentlichung des neuen Diözesanhaushaltes besonders deutlich, der für die Renovierung des Bischöflichen Palais, für Um- und Neubauten rund 36,5 Millionen Euro veranschlagt. Damit soll nicht nur das barocke Gebäude gesichert, sondern die Verwaltung modern und zent- ral untergebracht werden. Auch das Archiv, das im Keller vor sich hinschimmelt, so dass die Mitarbeiter bei ihren Recherchearbeiten eigentlich Gesichtsmasken tragen müssten, gehört saniert. Alle sparsamen Schwaben, die von der Dringlichkeit der Maßnahmen nach über 50-jähriger Renovierungsabstinenz noch nicht überzeugt sind, hofft Fürst durch ein Argument zu besänftigen: „Das ist unser Investitionsprogramm. Wir sichern damit auch Arbeitsplätze“, erklärt Fürst und kann dabei beruhigt auf eine solide Finanzierung verweisen. Denn Rottenburg-Stuttgart hat seit 2002 nicht nur sparsam, sondern auch ethisch korrekt gewirtschaftet – wie die Erzdiözese Freiburg und die beiden evangelischen Landeskirchen auch. All diese Kirchenleitungen ließen sich nicht von der Gier nach möglichst hohen Zinsgewinnen anstecken und gingen damit ohne Blessuren aus der Finanzkrise hervor.

Den Vorwurf, die Kirche habe ihre Stimme nicht deutlich genug gegen die falschen Propheten der Wirtschaft erhoben, lässt der Bischof nicht gelten. Seit Jahrzehnten klage die katholische Soziallehre ein ethisch-wirtschaftliches Denken und Handeln ein, aber in Zeiten der Hochkonjunktur seien diese Mahnungen untergegangen. „Geh mir aus der Sonne!“, habe ihm ein Rotary-Freund einmal zynisch entgegnet, als er ihn an die soziale Verantwortung erinnerte.

Gottes Mühlen mahlen langsam, aber trefflich. An dieses Sprichwort konnte man sich erinnert fühlen, als man über Lug und Trug in der Welt diskutierte und dabei auch das Thema Bioethik streifte. Die Linie des Kirchenmannes war als Mitglied des Nationalen Ethikrates immer klar: Keine Forschung an embryonalen Stammzellen! Nur „adultes Material“, also von Erwachsenen, sollte verwendet werden. Was zunächst von der euphorischen Wissenschaft als Bremsklotz beschimpft wurde, erscheint heute mehr und mehr zukunftsfähig. Allein die Arbeit mit adulten Stammzellen habe nach jüngsten Erfahrungen zu positiven Ergebnissen geführt, berichtet Fürst nicht ohne eine gewisse Genugtuung.

Fürst ist gegen Sterbehilfe

Wie man es von einem hochrangigen Geistlichen nicht anders erwarten kann, ist er auch ein entschlossener Gegner der aktiven Sterbehilfe: „Das Leben ist ein Geschenk. Die Verfügungsgewalt darüber hat ein anderer.“ Menschen mit einem atheistischen Weltbild, die derlei Argumenten nicht zugänglich sind, gibt er zu bedenken: Aktive Sterbehilfe setzt Alte und Kranke unter Druck. Sie könnten sich zum sozialverträglichen Abgang gedrängt fühlen, wenn sie der Gemeinschaft nicht mehr lieb und nur noch teuer sind. Ein finsteres Szenario, das allerdings nicht mehr so futuristisch anmutet, wenn Angebote wie Selbstmordkoffer im Handel sind.

So kurz vor Weihnachten blieben die letzten Dinge im Leben eines Menschen nicht außen vor, wobei den Seelsorger zum Beispiel die große Anzahl der Feuerbestattungen sehr beschäftigt. Denn ginge es dabei nur um die kostengünstigste und platzsparendste Art der Entsorgung eines Verstorbenen, so sei das bedenklich. Nach dem Besuch eines hochmodernen Krematoriums, wo die Leichen in einer rotierenden Trommel verbrannt und dabei die nichtbrennbaren Teile herausgeschleudert werden, stellte er fest: „Keine andere große Religion geht so mit den Toten um wie wir.“ Auch die Bestattung der ökologischen Urne als Düngemittel im Friedwald kann er als Christ nicht akzeptieren. „Als Christen haben wir keinen Naturkreislauf. Wir sind Geschöpfe Gottes und sterben in die Gegenwart Gottes hinein.“

Zum 60. Geburtstag am 2. Dezember erhielt der Bischof eine Sammlung kluger Texte , die das Thema missionarische Kirche reflektieren. „Von der heilsamen Nähe Gottes“ spricht der Titel. Gefragt, wann er denn diese heilsame Nähe gespürt habe, ist er zurückhaltend. Er sei kein Fundamentalist, der Tag und Uhrzeit genau benennen könne. Aber wenn ein Mensch einem anderen zur Seite stehe, dann ist das für ihn ein Zeichen der heilsamen Nähe Gottes. Ein passendes Wort zur Weihnachtszeit, in der die Engel Konjunktur haben.

Fotostrecke: Redaktionsbesuch von Bischof Fürst

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen