Aggenstein-Gipfel im Ostallgäu: Der Klimawandel betrifft den Alpenraum besonders.
Aggenstein-Gipfel im Ostallgäu: Der Klimawandel betrifft den Alpenraum besonders. (Foto: dpa)
Sabine Dobel

Die Gletscher schwinden. Graue Steinwüsten und Moränen bleiben zurück, wo früher blaues Eis schimmerte. Damit wächst in höheren Lagen die Artenvielfalt: Insekten schwirren immer höher hinauf, und es sprießen Pflanzen, die es vorher dort nicht gab.

Der Klimawandel betrifft den Alpenraum besonders. Die Temperatur stieg hier seit dem späten 19. Jahrhundert um etwa zwei Grad – doppelt so stark wie im globalen Durchschnitt. Umweltschützer und Wissenschaftler schlagen Alarm. Der Deutsche Alpenverein (DAV) wirbt vor der Europawahl zusammen mit den Alpenvereinen Österreichs und Südtirols unter dem Motto #unserealpen für den Alpenschutz: „Die Alpen sind schön. Noch. Es lohnt sich, dafür zu kämpfen“, appelliert der DAV, der am 9. Mai sein 150-jähriges Bestehen feiert.

Im alpinen Raum kommen rund 30 000 Tier- und 13 000 Pflanzenarten vor – doch ihre Lebensräume verschieben sich. Bei Libellen etwa: Die Torfmosaikjungfer und die Nordische Moosjungfer kämen 200 bis 300 Meter höher vor als früher auf bis zu 800 Metern Höhe, weil es ihnen zu warm wurde, sagt der Artenschutzreferent des Bundes Naturschutz in Bayern (BN), Kai Frobel. „Libellen gelten als sehr gute Indikatoren für Klimaveränderung, weil sie sehr mobil sind und rascher reagieren als andere Insekten.“

Libellen gelten als sehr gute Indikatoren für Klimaveränderung, weil sie sehr mobil sind und rascher reagieren als andere Insekten.

Kai Frobel

Zugleich drängten weiter unten mediterrane Arten wie die Feuerlibelle nach. „Das macht in der Summe ein Plus – obwohl das eigentlich besorgniserregend ist.“ Es zeige, dass der Klimawandel zu einer massiven Wanderungsbewegung der Arten führe. „Das ist in Deutschland schon voll im Gange.“

Auch neue Pflanzenarten haben in der Höhe nun eine Chance, wie Forscher aus elf Ländern in einer 2018 im Fachblatt „Nature“ veröffentlichen Studie nachwiesen. Von 2007 bis 2016 etablierten sich auf Europas Bergen fünfmal so viele Arten neu wie im gleichen Zeitraum vor 50 Jahren. Arnika wächst dort nun, Alpen-Rispengras sprießt auf mehr Bergen und in größerer Höhe als bisher – bis auf 3500 Meter. Das alles ist für die Forschung aber kein gutes Zeichen.

„Das zeigt, dass Ökosysteme auf den Gipfeln in Bewegung geraten sind. Diese Veränderungen sollten uns zu denken geben, denn neue Arten sind hier nicht unbedingt positiv, sondern ein Zeichen dafür, dass der Klimawandel sich bereits bemerkbar macht“, sagt Wolfgang Lucht vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. In der Zukunft könne sich die Entwicklung möglicherweise sogar umkehren: Wenn neue Arten bisherige Arten verdrängen, kann deren Vielfalt in den Alpen auch wieder abnehmen. Der „Nature“-Studie zufolge gibt es schon Verlierer: Die Verbreitung des Bayerischen Enzians etwa hat etwas abgenommen.

Das zeigt, dass Ökosysteme auf den Gipfeln in Bewegung geraten sind.

Wolfgang Lucht vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

Dabei nimmt der Transitverkehr über die Alpen zu. Es entstehen neue Hotelburgen, Lifte und Schneekanonen. Die Alpen seien aber nicht nur durch die Erschließung von Skigebieten bedroht, betont der DAV. Er fordert klare Grenzen auch für den Ausbau von Energietechnik und Verkehr, eine Förderung von nachhaltigem Tourismus, ein Umdenken in der Verkehrspolitik und verstärkten Gewässerschutz.

All das müsse auch auf europäischer Ebene stattfinden. Ein großer Teil von Europa profitiere von Ressourcen der Alpen, etwa von den immensen Wasservorräten. „Wie es den Alpen geht, ist für ganz Europa wichtig, schließlich wirkt sich ihr Zustand auf den gesamten Kontinent aus – und umgekehrt“, sagt DAV-Vizepräsident Rudi Erlacher.

Wie es den Alpen geht, ist für ganz Europa wichtig, schließlich wirkt sich ihr Zustand auf den gesamten Kontinent aus – und umgekehrt.

DAV-Vizepräsident Rudi Erlacher

Nicht zuletzt die Gletscherschmelze bringt den Wasserhaushalt weit über den Alpenraum hinaus aus dem Gleichgewicht. Nach einer neuen Studie, die Schweizer Forscher im Fachblatt „The Cryosphere“ veröffentlichten, könnten die Gletscher in den Alpen bis zum Jahr 2100 weitgehend wegschmelzen. Im schlimmsten Fall, wenn sich das Klima bis zum Ende des Jahrhunderts auf mehr als zwei Grad verglichen zur vorindustriellen Zeit erwärmt, könnten bis 2100 mehr als 90 Prozent der Gletscher verschwunden sein.

Die Folgen des Klimawandels zeigen sich in den Alpen auf engstem Raum. Denn sie repräsentieren von den Tälern bis zu den Gipfeln verschiedene Klimazonen. Das hatte schon der Naturforscher Alexander von Humboldt erkannt, an dessen 250. Geburtstag in diesem September erinnert wird und der 1802 bei seinen Forschungsreisen in Südamerika als erster versuchte, den rund 6200 Meter hohen Chimborazo als damals höchsten bekannten Berg zu besteigen.

Humboldt habe als erster darauf verwiesen, dass sich die Vegetationszonen auf dem Globus teils an den Berghängen wiederfinden, sagt Lucht. „Deshalb sind Verschiebungen der Pflanzenvorkommen an den Berghängen besonders interessant.“ Derzeit gehe an den Berggipfeln die oberste Ökozone verloren, weil es dort wärmer werde und tiefere Vegetationszonen nach oben wandern. „Die Alpen können somit als wichtiges Frühwarnsystem für die Erde insgesamt dienen. Auf Berggipfeln kann man besonders früh und klar sehen, wie der Klimawandel die Natur verändert“, sagt Lucht. „Hochgebirge und Polkappen sind die Fieberthermometer der Erde.“

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