Minister Peter Friedrich lässt sich von Einheimischen in die Kunst des Trommelns einweisen.
(Foto: pla)
Christoph Plate

Es ist ein verdammt langer Weg aus den bequemen Stühlen im Robert-Gleichauf-Saal ins enge Büro von Sylvestre Sindayihebura. In dem lichten Raum im Stuttgarter Neuen Schloss wurde vor zwei Wochen eine Partnerschaftserklärung zwischen Baden-Württemberg und Burundi unterschrieben. Der Ministerpräsident sagte kluge Worte über Rechtsstaatlichkeit und erklärte, die Freunde Burundis im Südwesten machten sich große Sorgen über die politische Gewalt in dem ostafrikanischen Land. Der burundische Außenminister in seinem zu groß geratenen Anzug nickte im Robert-Gleichauf-Saal.

Im engen Büro des hochaufgeschossenen Gouverneurs der Provinz Gitega ist kaum Platz für alle Besucher aus Baden-Württemberg. Ein Marabu, ein imposanter afrikanischer Aasvogel, schnarrt und krächzt vor dem Fenster. Sylvestre Sindayihebura ist nervös. Was die wohl alle wollen, mag er sich fragen. Draußen an der Auffahrt zum Gouverneurssitz stehen zwei schrottreife Autos, auf einem von der Sonne versengten Aufkleber ist „Europäische Gemeinschaft“ zu lesen.

Peter Friedrich, der SPD-Minister im grünen Staatsministerium mit den Zuständigkeitsbereichen Bundesrat, Europa und internationale Angelegenheiten, muss das Papier mit Leben erfüllen, das Kretschmann und der Außenminister unterzeichnet haben. Darum ist der stets freundliche, spielend vom Deutschen ins Englische und dann ins Französisch wechselnde Minister mit einer Entourage aus Landtagsabgeordneten, einer grünen Staatssekretärin und einigen Ministerialbeamtinnen ins Innere Afrikas aufgebrochen. Auch ein Übersetzer ist dabei, denn unter jenen, die besonders engagiert helfen wollen, sind eben auch solche, die nur wenig oder gar kein Französisch sprechen.

 

Er kann mit allen

Das reiche Baden-Württemberg soll dem armen, von ethnischen Konflikten zwischen Hutu und Tutsi zerrissenen Land helfen. Geld aus Stuttgart gibt es keines, aber einigen guten Willen. Burundis Politiker und Menschenrechtler glauben, „son excellence, le ministre“ habe Geld zu verteilen, so wie alle Politiker, die aus dem reichen Norden kommen. Stattdessen verteilt Friedrich Lamy-Stifte für den Gouverneur, VfB-Trikots für den torsicheren Präsidenten und Jojos aus Plastik, auf denen Baden-Württemberg steht. Vier Tage lang reist er mit seinem Gefolge durch das Zehn-Millionen-Einwohner-Land.

Manche in der Delegation tragen Manschettenknöpfe, andere bevorzugen Fleece-Hemden von Jack Wolfskin und offene Sandalen.

Friedrich kann mit allen. Dem politischen Gegner wie dem als Hardliner berüchtigten Gouverneur von Gitega. Selbst mit Präsident Pierre Nkurunziza. Der beendet allerdings das Gespräch nach einigen Höflichkeiten und der Erwähnung der prekären Menschenrechtslage, indem er aufsteht und zum Fototermin bittet.

Auf der Fahrt durch die Berge nach Gitega, hinauf vom riesigen Tanganyika-See, einem wunderbaren afrikanischen Meer mit Brandung, an das auch noch Kongo-Kinshasa, Sambia und Tansania grenzen, hat der 42-Jährige sich manches Mal gewundert. Warum die Menschen, die vor ihren Hütten sitzen, denn nichts machen, warum mancher auf einen Anstoß zu warten scheine. Nach seinen Begegnungen mit den Politikern fehlen ihm die Visionen in einem Land, in dem Politik als Mittel zur persönlichen Bereicherung dient.

Es ist nicht nur ein langer Weg an Kilometern hierher, aus Stuttgart über Amsterdam und Nairobi endlich nach Bujumbura. Es ist auch eine Reise in eine andere Mentalität, in ein Land, in dem ein intelligenter, aber ungebildeter Präsident sich selbst für den besten Torschützen des Landes hält. „Der Präsident ist so blöd, das geht eigentlich überhaupt nicht“, sagt ein Europäer, der ihn ganz gut kennt. Vor Jahren war dieser Staatschef noch ein ziemlich blutrünstiger Rebellenchef, einer, der aus dem Busch heraus Befehle gab, Armeekonvois anzugreifen oder Bombenanschläge in der Hauptstadt durchzuführen.

Burundi baut den besten Kaffee der Welt an. Aber als Partner ist Burundi ein schwieriges Land. In dem ehemaligen deutschen Schutzgebiet gibt es politisch motivierte Morde. Eine Clique aus Politikern und Generälen verkauft unter dem Deckmantel der Privatisierung den Regierungsflieger, der wichtige Hafen wird versilbert und das beste Hotel am weißen Strand des Tanganyika-Sees an einen Neapolitaner verhökert, der seinen Gästen nicht in die Augen schauen kann. Burundi gilt als eines der korruptesten Länder der Welt, im Welthungerindex nimmt die spätere belgische Kolonie einen der hintersten Plätze ein. Wenn ein Haus ans Stromnetz angeschlossen ist, gilt das als Luxus.

Die Hügel auf dem Weg von Bujumbura nach Gitega sind grün, auf den Terrassenfeldern wachsen Maniok, Bananen und Tee. Aber es wird gehungert, weil die Felder zu klein sind, um die großen Familien zu ernähren.

Es ist wie so oft in der Entwicklungshilfe: Am hilfreichsten ist das direkte Engagement, sind die kleinen Initiativen und Organisationen. Wenn Pater Benno Baumeister aus Westerheim Hunderten von Aids-Kranken in der Klinik Nouvelle Esperance in Bujumbura hilft. Wenn die ehemalige Krankenschwester Verena Stamm aus dem Nichts Schulen aufbaut. Oder wenn der Konstanzer Theaterintendant Christoph Nix sich von der Auskunft der deutschen Botschaft, in diesem Land gebe es kein Theater, sondern nur Trommler, nicht beirren lässt und jene findet, die Molière spielen. Wenn Nix dann noch durch die Schulen zieht und rote Clownnasen verteilt, dann ist das Initiative zum Anfassen.

Irgendwann während dieses Besuchs trägt dann auch der gefürchtete Gouverneur von Gitega eine rote Nase.

Dass es jetzt einen Vertrag über die Kooperation gibt, soll helfen, diese Initiativen zu koordinieren. Es soll den Mitarbeitern Schutz gewähren, wenn es zu Konflikten mit dem burundischen Staat kommt. Die ganz großen Geber sind die Belgier, aber auch die Deutschen stecken Millionen jedes Jahr in dieses Land, in dem die Hälfte des Bruttosozialproduktes durch Hilfsorganisationen aufgebracht wird.

„Entwicklungstourismus“ zischt einer in der Delegation ärgerlich, wenn wieder einmal jemand aus dem Landtag eine Frage stellt, die ahnen lässt, dass die Zeit der Vorbereitung auf diese Reise vielleicht nicht ausreichend gewesen ist. Es kursieren Geschichten, nach denen die militante Jugendorganisation der Regierungspartei bewaffnet wird, um ethnische Säuberungen zu beginnen, so wie damals in Ruanda.

Minister Friedrich ist informiert, er kann die Parteien auseinanderhalten, er zieht durch berufsbildende Schulen, er besucht Geburtstationen, Straßenkinderzentren, HIV-Labore und Schulklassen. Er schüttelt viele Hände, er nimmt die angebotenen Stöcke und schlägt mit den Burundiern im Takt sich wiegend auf riesige Trommeln. Er hält Reden und Ansprachen: „Vielleicht kennt ihr die Automarken Mercedes und Porsche“, sagt er vor einer Schulklasse, „von dort sind wir, das ist Baden-Württemberg.“ Dann wieder regt er Kooperationen an mit dem Bundesverfassungsgericht, der Malariaforschung und baden-württembergischen Universitäten.

Ein Schreiner aus Schwaben

Dieses Bundesland hatte mal einen klingenden Namen in Burundi. In den 1980er-Jahren kam ein schwäbischer Schreiner nach Kyanza und baute ein Handwerkszentrum auf. Die Bauern wurden zu Schreinern ausgebildet, ihre Fensterrahmen, Betten, Stühle und Tische wurden bis nach Bujumbura verkauft. Doch dann kam „la crise“, jene dunkle Zeit der Militärputsche zwischen 1993 und 2005. Bis zu 300 000 Burundier wurden damals massakriert, von den Rebellen, die heute an der Macht sind und von der Armee, die heute immer noch die Armee ist. Das Projekt in Kyanza schlief ein. Und jetzt kommt das Staatsministerium und will helfen, aber ohne Geld. An diesen Stil der Zusammenarbeit sei er nicht gewohnt, sagt Pater Emmanuel Ntakarutimana vornehm, der Vorsitzende der burundischen Menschenrechtsorganisation.

Irgendwann am Ende der Reise ins Innere Afrikas sagt der Minister, er habe so umfassende wie zwiespältige Eindrücke gewonnen. „In Rheinland-Pfalz weiß jedes Kind, dass die eine Partnerschaft mit Ruanda haben“, erklärt Friedrich mit sympathischem Trotz, „das müssen wir in Baden-Württemberg auch erreichen“. Wenn es Schulpartnerschaften gibt, wenn der Ravensburger Faire Trade-Handel mit Edeka über den Vertrieb des exzellenten burundischen Kaffees verhandelt, dann weiß vielleicht irgendwann das eine oder das andere Kind im Südwesten, wo der ostafrikanische Kleinstaat liegt.

Oben in den Bergen von Gitega hält Schwester Josephine Toyi eine anrührende Rede auf Deutsch. Vor Jahren war sie einmal ein paar Wochen in Deutschland und spricht, als habe sie viele Sprachkurse im Goethe-Institut besucht. In ihrem Zachäus-Zentrum werden 120 Behinderte betreut, viele bekommen eine Berufsausbildung als Schreiner oder als Näherinnen. Die Mitarbeiter von Fischer-Dübel helfen, die Caritas auch, die EU und die baden-württembergische Stiftung Entwicklungszusammenarbeit. „Wir lieben Deutschland“, sagt Schwester Josephine, „und wir haben Baden-Württemberg gern.“ Wie dort mit geringen Mitteln, ohne große Programme, ohne Verwaltung, ohne Ministerialpapiere, Menschen eine Perspektive gegeben wird, kann auch den hartgesottensten Entwicklungshilfekritiker bewegen. Einer, den das auch umtreibt, ist Dietrich von Berg. Der Stuttgarter Anwalt, ein Freund Lothar Späths, ist Honorarkonsul Burundis in Deutschland. Bei den Treffen mit dem Präsidenten oder den Ministerialen sitzt von Berg immer mit auf der Seite der Burundier. Er helfe hier, sagt er, weil er nach einem langen Leben, in dem er viel Geld verdient habe, meine, noch nicht genug Gutes für die Menschheit getan zu haben. Als Schwester Josephine im Zachäus-Haus erzählt, dass sie nur sieben Nähmaschinen hätten, aber 20 Schneiderschülerinnen, lächelt von Berg so väterlich wie bescheiden. Er spendet die 13 fehlenden Nähmaschinen, das Stück zu 200 Euro.

Als die Delegation dann aus dem Behindertenzentrum in Gitega abfährt, brandet wieder Trommelwirbel auf. An der roten Ziegelwand lehnt ein nachdenklich wirkendes Mädchen. Sie hat sich eine deutsche Fahne über die Schultern gehängt.

Videos aus Burundi gibt es unter schwaebische.de/burundi

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