Ende eines Personenkults, sagen Kritiker: Stephan A. Jansen, der als Präsident der ZU-Friedrichshafen zurücktreten musste.
Ende eines Personenkults, sagen Kritiker: Stephan A. Jansen, der als Präsident der ZU-Friedrichshafen zurücktreten musste. (Foto: Ralf Schäfer)
Schwäbische Zeitung
Leiter Digitalredaktion

Exakt zwei Wochen nach dem Rücktritt von Stephan A. Jansen, einst schillernder Präsident der Zeppelin Universität mit 1300 Studenten. Ein Fahrrad lehnt an einem Bürocontainer von Dutzenden in der alten Kaserne der französischen Besatzungsmacht in Friedrichshafen. „No parking“ steht dort über dem Piktogramm eines Fahrrads und nur ein Zyniker könnte jetzt sagen: Regeln sind an der ZU wohl da, um gebrochen zu werden. Man könnte das so verstehen, nachdem bekannt wurde, warum Stephan A. Jansen vor zwei Wochen zurückgetreten ist.

Die Zeit der Franzosen ist in Friedrichshafen natürlich längst vorbei. Und der Container ist nicht irgendein Bürocontainer, sondern Teil der sogenannten „Container-Uni“, Symbol des explosiven Wachstums eines Hochschulexperiments am Bodensee, das vor zehn Jahren niemand kannte und das bis vor Kurzem in Fachkreisen als Vorzeigeuni galt. Die Zeppelin Universität ist schneller gewachsen, als Bagger und Baukräne nachkommen. Und im renommierten CHE-Hochschulranking belegen etwa die Wirtschaftswissenschaften der Hochschule bundesweit Platz eins. Wer hier studiert, wird schnell als „Konzernchef von Morgen“ gehandelt. Bis jetzt.

Die Zeppelin Universität (ZU) in Friedrichshafen und Präsident Stephan A. Jansen, Kopf der privaten Hochschule und selbsternannten Elitenschmiede, wurden stets im selben Atemzug genannt. Dann kam der 8. September 2014 und Jansen trat zurück, viel früher als eigentlich angekündigt und vermutlich gestolpert über Medienberichte über die Finanzierung der Uni.

Die Aufarbeitung der Affäre läuft noch immer, unter anderem prüft die Staatsanwaltschaft, ob sie Ermittlungen aufnimmt. Doch vor Ort geht der Betrieb weiter: SZ-Reporter Hagen Schönherr hat mit Studenten und Mitarbeiter über die Zeit nach Jansen gesprochen.

„Wer jetzt hierher kommen will, wird sich das zweimal überlegen“, sagt ein Student, der gerade im Café Mundvoll in einem alten Hangar an der Containeruni die Pause zwischen zwei Vorlesungen überbrückt. Er ist 21 Jahre alt, studiert Politik im vierten Semester. Neben ihm sitzt ein Kommilitone, 23, sechstes Semester, Kulturwissenschaften. Ihre Namen wollen die beiden ungern in der Zeitung lesen. Aber eine Meinung zu dem, was Stephan A. Jansen getan haben soll: „Ich will, dass das aufgeklärt wird“, sagt der eine. Was das moralisch gesehen bedeutet? „Das muss jeder selbst wissen. Ich glaube das ist verwerflich“, sagt der andere.

Was war passiert? Die Krise, die die Zeppelin Universität seit zwei Wochen erschüttert, wird im Februar dieses Jahres offenkundig. Da gibt Stephan A. Jansen bekannt, dass er seinen Job als Präsident irgendwann 2015 aufgeben will. Er nennt persönliche Gründe, doch schon damals brodelt es im Hintergrund. Öffentlich sichtbar wird die Krise, als die Universität im August ihren Kanzler Niels Helle-Mayer rauswirft. Er gilt als Kritiker des sogenannten Systems Jansen, das unter anderem den Autozulieferer ZF Friedrichshafen, wichtiger Geldgeber der Uni, dazu veranlasst hatte, die Buchführung an der ZU heftig zu kritisieren: „Wir haben als Vorstand keinerlei Vertrauen in die aus unserer Sicht überforderte kaufmännische Geschäftsführung der ZU“, heißt es in einem internen Papier, das ein Maulwurf der Regionalzeitung „Südkurier“ zugespielt haben soll.

Die Krise nimmt ihren Lauf. Wenig später wird bekannt, dass die Uni nicht nur eine ambitionierte Ausgabenpolitik verfolgt, sondern Gründungspräsident Jansen, kräftig am Wachstum der Uni mitverdient. Die „Schwäbische Zeitung" deckt am Dienstag, 9. September, die sogenannte Provisionsaffäre auf. Demnach hat Jansen von Forschungsgeldern renommierter ZU-Unterstützer Provisionen in die eigene Tasche gewirtschaftet. Die Spender – darunter zum Teil wohlklingende Namen wie Airbus, die Siemens-Stiftung oder die Bausparkasse Schwäbisch Hall – wissen nichts von dem, was Insider zu diesem Zeitpunkt bereitwillig der Presse in den Block diktieren. Mit dem Rücktritt Jansens am 8. September ist der Skandal perfekt. Die kleine Häfler Privatuni macht im „Spiegel“, in „Manager Magazin“ und „Handelsblatt“, in „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und Deutschlandradio die Runde.

„Ich war gerade zu Hause in Berlin“, sagt eine Studentin der Kulturwissenschaften, die an diesem Morgen ebenfalls im Café zwischen den blauen Containern der Uni sonnt. „Geht meine Uni unter?“, will sich die 21-jährige Studentin zu diesem Zeitpunkt gefragt haben. Auch die Eltern werden misstrauisch: „Meine Eltern haben mich gefragt: Was passiert da eigentlich?“, so die Studentin weiter. Doch vom ersten Schock scheint sie sich bereits erholt zu haben. „Das passiert alles da oben. Und das ist super-intransparent“, sagt sie. „Aber ich schreibe jetzt erstmal meine Thesenpapiere.“

Es ist ein Credo, das viele andere Studenten an diesem Tag zu teilen scheinen: Die Uni hat eine Krise in ihrem Verwaltungsapparat. Doch an der Basis geht es um Forschung und Studieren – um Studienalltag eben. Vielleicht hat die Krise Studenten und Dozenten an der ZU sogar zusammengeschweißt, mutmaßt die Studentin. Bei einem ist sie allerdings sicher: „Das wirkt sich auf die Bewerberzahl aus. Das kann ich mir vorstellen.“ In der Krise sieht sie dennoch die Chance zum Neuanfang: „Vielleicht muss das so sein. Frischer Wind tut gut – und auch, dass dieser Personenkult jetzt ein Ende hat.“

50 Meter weiter, im Verwaltungsbau der Uni, ist die Gesprächsbereitschaft zum Thema Unikrise weit weniger ausgeprägt, als im Herzen des Containercampus. Mit Reportern reden? Nein danke heißt es an drei Büros. „Es gibt eben Leute, die bedingungslos an Jansen festhalten“, sagt trotzdem eine Mitarbeiterin, die das Schweigen ihrer Kollegen nicht teilen will.

Umstrittener Präsident

An der Person des Präsidenten sollen sich zumindest in der Verwaltungsebene die Geister scheiden, sagt die Frau. Unbestritten sei: Jansen war offenbar ein brillanter Dozent, konnte Seminare packend halten, war begnadet im Eintreiben privater Forschungsgelder. Aber sein Führungsstil stand ebenso in der Kritik. Von „willkürlichen Kündigungen“ durch den Präsidenten spricht die Insiderin, von Arbeits- und Überstundendruck. Jansen habe stets gewusst, was „jede Erbse auf dem Campus kostet“ – nur an sich selbst habe er offenbar nicht dieselben strengen Maßstäbe angelegt.

Aber jetzt ist er doch weg? Sie sei sich da nicht so sicher, sagt die Mitarbeiterin. Er habe sich nur auf den Kappelhof, einen alten, umgebauten Bauernhof im Norden Friedrichshafens, zurückgezogen.

Von dort versuche er weiter die Strippen zu ziehen, hoffe auf die Unterstützung seiner Befürworter und vielleicht sogar auf eine Rückkehr an die ZU. Glaube versetzt ja bekanntlich Berge.

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